Universelles Drama mit derbem Humor - ARD One zeigt satirische Serie über Katharina die Große

Von Christian Bartels (KNA)

SERIE - Mit der halb-satirischen Serie "The Great", in der Hollywoodstar Elle Fanning die russische Zarin spielt, setzt das ARD-Spartenprogramm One kurz vor seiner Abschaltung nochmals einen interessanten Akzent.

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"The Great"

Foto: Ross Ferguson/Hulu/MRC II Distribution Company L.P./WDR/KNA

Bonn (KNA) Wenn die Öffentlich-Rechtlichen medienstaatsvertragsgemäß zum Jahresende die Anzahl ihrer linearen Spartensender reduzieren, wird ARD One eingestellt. Diese Entscheidung löste kaum Bedauern aus. Das junge ZDF-Angebot Neo, das weiter bestehen wird, konnte sich deutlich besser profilieren - schon dank eines eigenen Budgets, an dem es One stets mangelte. Im Frühjahr bringt das ARD-Beiboot nun noch mal eine internationale Serie ins frei empfangbare Fernsehen und in die Mediathek. Die anglo-amerikanische Produktion "The Great" entstand bis 2023 für den US-amerikanischen Streamingdienst Hulu sowie Paramount und lief im deutschsprachigen Raum bereits bei Amazon Prime. Einige Aufmerksamkeit erregte ein Hollywoodstar in der Titelrolle: Elle Fanning ("Super 8") spielt Katharina, die als unbedarfte Prinzessin und für den regierenden Zaren ausgewählte Gemahlin nach St. Petersburg kommt. Erzählt wird die Geschichte freilich nicht historisch genau, sondern in Form eines laut ARD "satirischen, komödiantischen Dramas", das mit Recht betont, nur "gelegentlich historische Fakten" zu enthalten. Nicht zutreffend ist etwa, dass Katharina aus Österreich kommt. Tatsächlich war sie eine Prinzessin des mitteldeutschen Kleinststaates Anhalt-Zerbst. Eine Rolle spielen solche Details freilich nicht, schon weil die Handlung sich zwar um zeitgemäße Authentizität bemüht, aber keineswegs an originalen Schauplätzen abspielt. Ihre zunächst "zu romantische Vorstellung" vom Vollzug der Ehe und deren Freuden erkennt Katharina schnell selbst. Ihre Idee einer Schule für Mädchen scheitert daran, dass der Zar (Nicholas Hoult) findet, Frauen sollten keine Ideen, sondern Kinder kriegen, und er dann die Schule abbrennen lässt. Der mal derbe, mal leicht satirische bis sarkastische Humor setzt gerne auf Anachronismen, die aus gegenwärtiger Wortwahl entstehen. Das funktioniert durchaus auch in der deutschen Synchronfassung. Hinein mischen sich zusehends mit ehrlichem Pathos formulierte Ideale und aktuell anmutende Konflikte. So baut sich ein Drama mit dem universellen, überall verständlichen Anspruch auf, wie ihn Serienstoffe brauchen, die zur globalen Auswertung in mehreren Staffeln bestimmt sind. Den Hintergrund bildet die historisch belegte Erzählung, dass die kluge und durchsetzungsfähige Katharina, die von Aufklärung mehr weiß als der dekadente Hofstaat, gegen ihren so vergnügungssüchtigen wie unfähigen Gemahl putscht. Inszenatorisch bewegt sich das vor allem auf dem Mittelweg: mit mittlerer Opulenz, die an Kulissen, Kostümen und Personal, die sie tragen, nicht spart, aber die Rokoko-Schauplätze der Schlösser kaum verlässt. Mit mittelbösem Humor, der ab 16 Jahren freigegeben ist. Und mit mittlerem Tempo. Manche Gags würden besser zünden, wären sie weniger zerdehnt. Dafür gewinnen im Verlauf auch die Nebenrollen, die zunächst als Karikaturen erscheinen, solches Profil, wie es für Serien-Kosmen nötig ist. Ob das auf die Dauer von mehr als 15 Stunden beziehungsweise 20 Folgen funktioniert oder gar zum Bingewatchen einlädt, hängt vom individuellen Geschmack ab. Schließlich strebten zwar viele Herrscher den klangvollen Beinamen "der Große" an. Doch die Nachwelt hielt eher selten daran fest - und noch seltener bei den über viele Jahrhunderte nur wenigen Frauen, die tatsächlich Macht ausübten: eben bei Katharina von Russland. Seit die Bilder laufen lernten, zählt die Zarin zu den meistverfilmten historischen Gestalten. In den 1930er Jahren etwa verkörperten sie die emigrierten deutschen Schauspielerinnen Elisabeth Bergner in England und Marlene Dietrich in Hollywood. Hildegard Knef spielte sie in den 1960ern in Italien. In den 1990ern startete Catherine Zeta-Jones ihre Weltkarriere als Katharina in einer von ZDF und UFA initiierten internationalen Fernsehproduktion. Eine HBO/Sky-Miniserie mit Helen Mirren in der Titelrolle entstand 2019 auch an Originalschauplätzen in St. Petersburg. Das wäre gegenwärtig für westliche Produktionen undenkbar - und führt zur Frage, warum One diese Serie ausgerechnet anno 2026 ins Programm hebt (falls es nicht allein ums Verwerten eingekaufter Rechtepakete geht). Im Hintergrund lauern gerade aktuell allerhand knifflige Fragen. So sagt Elle Fannings Katharina bei einem Jagdausflug, bei dem der Zar ständig auf Hasen schießt, ohne einen zu treffen, während der mit Abstand folgende Hofstaat jeden seiner flauen Scherze belacht: "Ich würde dem Land zu mehr Größe verhelfen". Und tatsächlich erhielt die historische Katharina den Beinamen der "Großen" vor allem, weil während ihrer Regierungszeit das Zarenreich durch Eroberungen erheblich an Größe gewann und zur Großmacht aufstieg. Insbesondere verleibte Russland sich die damals vor allem krimtatarisch besiedelte Halbinsel Krim ein - die nominell bekanntlich zur Ukraine gehört, doch seit 2014 russisch besetzt ist. Auch an den drei polnischen Teilungen des 18. Jahrhunderts, durch die Polen für über anderthalb Jahrhunderte von den Landkarten verschwand, war neben Preußen und seinem auch "Großen" König Friedrich und dem Österreich der ebenfalls durchsetzungsstarken Maria Theresia eben Katharinas Russland führend beteiligt. Es gewann dabei vor allem Gebiete in Belarus sowie wiederum der heutigen Ukraine. Zur Größe Katharinas der Großen dürfte es gegenwärtig also ausgesprochen unterschiedliche Ansichten geben. Selbstverständlich müsste solch eine ohnehin theoretische Frage wenn, dann differenziert in historischen Dimensionen gestellt werden. Schon weil in Zerbst bei Dessau ein russisch gestiftetes, 2010 enthülltes Denkmal an Katharina erinnert (das russische Touristen in Friedenszeiten gerne besuchten), wäre diese Frage mindestens so spannend wie die Serie. Wenn sie mal aufgeworfen wird, dann aber gerne vor einem größeren Publikum, als ARD-One es erreicht.

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