"Prominent werden ist besser als prominent sein" - Autorin über die Schattenseiten von Berühmtheit und "Fame"

Von Paula Konersmann (KNA)

ÖFFENTLICHKEIT - Früher waren gefeierte Stars für die meisten Menschen unerreichbare Idole. Heute sind Promis rund um die Uhr präsent und scheinbar zum Greifen nah. Das verändert das Miteinander - und hat auch viele negative Seiten.

| KNA Mediendienst

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"Der Preis der Prominenz"

Foto: Rouzbeh Fouladi/Imago/KNA

Neu-Isenburg (KNA) "Der hat immerhin ausgesorgt" oder: "Die führt doch ein glamouröses Leben": So schätzen viele Menschen prominente Musiker, Schauspielerinnen, politisch Engagierte ein, die in der Öffentlichkeit und in den Medien sehr präsent sind. Vera Hill hat es anders erlebt - in 20 Jahren, in denen sie für verschiedene TV-Sender gearbeitet hat. In ihrem Buch "Der Preis der Prominenz", das am Montag im Westend Verlag erscheint, kommen bekannte Menschen wie Günther Jauch und Nadine Breaty zu Wort, ebenso Medienanwalt Christian Schertz oder Manager Oliver Wirtz Brito. Im Interview des KNA-Mediendienstes beschreibt Hill ihre Hoffnung auf mehr Nachsicht im öffentlichen Miteinander. Sie erklärt, warum es für Wandel manchmal prominente Fälle braucht - und wo im Kontakt mit dem eigenen Idol eine Grenze verläuft. KNA-Mediendienst: Frau Hill, gab es Erkenntnisse, die Sie in der Recherche für Ihr Buch "Der Preis der Prominenz" überrascht haben? Vera Hill: Besonders war die Tatsache, dass es inzwischen millionenfach Paparazzi gibt - einfach dadurch, dass jeder ein Handy in der Hosentasche hat. Viele Fans meinen es nicht böse, können sich aber auch nicht vorstellen, wie es ist, ständig unter diesem Handybeschuss zu sein, irgendwie gezeigt zu werden. Verschiedene Prominente berichten, wie unangenehm es ist, heimlich gefilmt zu werden. Sie werden verehrt, aber in gewisser Weise auch als Produkt von den Fans angesehen. Günther Jauch berichtet im Interview, dass er täglich 15 bis 20 Minuten investiert, um gegen Berichterstattungen vorzugehen, die seine Persönlichkeitsrechte verletzen. Das ist eine Menge an Lebenszeit. Ebenso spannend fand ich, dass Nadine Breaty - eine der bekanntesten Content-Creatorinnen hierzulande - klar sagt, dass sie ihren Kindern erst mit 16 Jahren Social Media erlauben würde, auch wenn sie dann die uncoole Mutter ist, weil es so viel Frieden gebe, nicht am Handy zu sein, und gerade Jugendliche bestimmte Auswirkungen nicht einschätzen können. MD: Von sexueller Annäherung bis hin zu Mobbing und Gewalt... Hill: In diesem Zusammenhang hat mich Markus Kavka beeindruckt, der seit über 30 Jahren in der Öffentlichkeit steht - immer schon mit einer klaren Haltung. Er schildert, dass Bedrohungen über Social Media hinausgehen, dass er auf offener Straße bedroht wurde, als er zu einem gesellschaftlich relevanten Thema öffentlich Position bezogen hat. Was das mit Menschen macht, darf man nicht unterschätzen - zumal in einer Zeit, in der jeder Halbsatz einen Shitstorm auslösen kann. Nicht nur die Presse urteilt heute über Prominente. Im Netz erleben sie viel Liebe, aber auch Kritik und Hass. MD: Hier könnte man einwenden, dass viele Promis diesen Weg selbst gewählt haben. Hill: Prominent werden ist besser als prominent sein. Wenn jemand für sein Talent und seine Kunst gefeiert wird, ist das toll. Aber eine bestimmte Schwelle an Prominenz zu überschreiten, betrifft nicht nur diese Person selbst, sondern ihr gesamtes Umfeld - und womöglich ihr Leben über den Erfolg hinaus. MD: Wie meinen Sie das? Hill: Wenn man in der Popmusik fünf Jahre lang erfolgreich ist, gilt das schon als lang. Ein bekanntes Gesicht zu haben, heißt nicht, dass man finanziell abgesichert ist. Denken Sie an den Fall Heinz Hoenig: ein großartiger, sehr bekannter Schauspieler. Die Öffentlichkeit war erschüttert, als vor ein paar Jahren bekannt wurde, dass er nicht krankenversichert ist. Auch kann es nach einer großen Karriere herausfordern, Zufriedenheit in sich selbst zu finden - gerade dann, wenn das Ende nicht selbst gewählt wurde. Die Sängerin Lee hatte mit Tic Tac Toe riesigen Erfolg. Später hat sie sich zur Sicherheitsfachkraft ausbilden lassen und wurde an der Kasse des Kölner Zoos natürlich weiterhin erkannt. Bewundernswert, wie sie sich ein neues Leben aufgebaut hat. Doch auch hier hat die Boulevardpresse groß darüber berichtet. Man muss Menschen zugestehen, einen neuen Weg zu finden. MD: "Promi" ist ja auch kein Beruf und nur für wenige das eigentliche Ziel. Hill: Im Buch geht es um Menschen, die mit Talent oder politischem Engagement bekannt geworden sind. Mein Ziel ist, dass wir uns klarmachen, wie viele tolle Künstler und engagierte Politiker wir in Deutschland haben - und dass wir etwas nachsichtiger mit ihnen umgehen. Früher hatte man großen Respekt vor Menschen, die aus einem politischen Amt ausgeschieden sind - heute gehen viele beschädigter heraus, als sie hineingegangen sind. MD: Welche Rolle spielen die Sozialen Medien dabei? Hill: Sie haben die Spielregeln für Prominente komplett verändert. Politiker müssen sich permanent rechtfertigen, Kritik erreicht sie unmittelbar. Auch die Schnelligkeit insgesamt hat sich verändert. Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz beschrieb im Interview die Politik, wie wir sie heute kennen, als familienfeindlich: Man muss ständig verfügbar und erreichbar sein, anders als noch vor 20 Jahren. Er sagte mir, dass Berufspolitiker im öffentlichen Raum entprivatisiert und gewissermaßen immer im Dienst sind. Von Künstlerinnen erwarten die Fans einen direkten Kontakt und Einblicke in das Privatleben. Das gibt einerseits Möglichkeiten der Selbstvermarktung - andererseits muss man rund um die Uhr für Sichtbarkeit sorgen. Um noch einmal Markus Kavka zu nennen: Er beschreibt, wie lange er über Social-Media-Posts nachdenkt, damit sich die Menschen mit den tausend Ausrufezeichen keine Formulierung rauspicken und zerlegen können. Für Frauen, das weiß man auch aus Talkrunden im Fernsehen, ist es oft noch schwieriger. MD: Inwiefern? Hill: Das Thema KI-Deepfakes ist hochaktuell - und nur ein Aspekt dieser Entwicklung. Bekannte Politikerinnen wie Annalena Baerbock oder Ricarda Lang berichten seit Jahren von massiver digitaler Gewalt. Das Thema bekommt erst jetzt eine größere Aufmerksamkeit - seitdem Collien Fernandes öffentlich den Vorwurf erhoben hat, dass der Täter aus ihrem Umfeld stamme. Männer hingegen leiden eher unter Identitätsklau: Produkte werden fälschlich mit der Glaubwürdigkeit ihrer prominenten Gesichter beworben. Dieser Betrugsmasche entkommt man nur schwer. MD: Was müsste also geschehen? Hill: Es gibt erste Entwicklungen, etwa die Speicherung von IP-Adressen für drei Monate. Aber es braucht weitere umfassendere Regelungen und mehr Schutz für Betroffene von Deepfakes und digitaler Gewalt. Insgesamt würde ich mir für Frauen in der Öffentlichkeit wünschen, dass sich einige Strukturen ändern. Mich hat bei der Recherche überrascht, wie wenig Gleichberechtigung noch immer herrscht: Auf eine Frauenrolle im Kinofilm kommt eine Handvoll Männerrollen, auf deutschen Festivalbühnen machen weibliche Künstlerinnen nicht einmal ein Fünftel aus. Das ist erschreckend. MD: Zurück zum Thema Prominenz: Warum fällt es vielen Menschen schwer, zwischen Bühnenrolle und Privatperson zu unterscheiden? Hill: Moritz A. Sachs - bekannt als Klausi Beimer aus der "Lindenstraße" - sagt, dass das in den vergangenen Jahrzehnten besser geworden ist. Damals gab es Bewerbungen für eine Wohnung in der Lindenstraße, also für manche gar keine Trennung zwischen Fiktion und Realität. Zugleich stehen Prominente stärker als Typen in der Öffentlichkeit - und viele werden weiterhin auf Rollen festgelegt: "Du bist doch die Lustige", auch wenn sie gerade nur Brötchen kaufen wollen. Das ist nicht unbedingt schlimm. Doch Prominente müssen sich ständig bewusst sein, dass sie für die Leute zur Highlight-Geschichte werden: "Schatz, ich habe den Giovanni Zarrella getroffen, und der war total nett" - oder auch: "Ich habe Elyas M'Barek gesehen, aber er sah ganz anders aus als in seinen Filmen." Lehrkräfte sagen oft, dass es angenehm ist, wenn die Schülerschaft nicht am selben Ort lebt - als prominente Person hilft es aber nicht, drei Dörfer weiter zu ziehen. MD: Umgekehrt beschreiben Fachleute, dass die Verehrung der Fans mitunter blind bleibt, auch wenn es etwa Gewaltvorwürfe gegen die prominente Person gibt. Wie lässt sich das erklären? Hill: Das müsste man eher die betreffenden Fans fragen. Ich finde es wichtig, dass über Grenzüberschreitungen und Machtgefälle diskutiert wird. Mitunter bekommt eine einzelne Person nach einem Fehltritt alle Wut über Entwicklungen zu spüren, die seit Jahrzehnten problematisch sind. Das kann für den Einzelnen schwierig sein, aber offenbar braucht es die großen Beispiele, anhand derer bestimmte Themen diskutiert werden. MD: Wo verläuft für Sie die Grenze des berechtigten öffentlichen Interesses? Hill: Dafür gibt es Regelwerke wie den Pressekodex. Grundsätzlich würde ich sagen, dass man die Privatsphäre anderer respektieren sollte - auch wenn es sich um einen Prominenten handelt. Eine neue Partnerschaft oder Schwangerschaft ist eine private Sache; auch Prominente müssen erst einmal ihren Alltag erproben, bevor womöglich ihre eigene Mutter aus der Presse von einer neuen Beziehung erfährt. Oft wird übersehen, welchen Einfluss derartige Berichterstattung auf den Menschen "dahinter" hat. Im Buch kommen auch Psychologen zu Wort, weil es bei einem Leben in der Öffentlichkeit oft zu mentalen Herausforderungen kommt. So gibt es bei Content-Creatoren eine hohe Burnout-Quote. Bei Musikern ist dieser Kreativitätsdruck schon länger bekannt, die Herausforderung, "on the spot" zu performen. Insofern hoffe ich, dass Menschen mit ihren Kindern, die vielleicht Influencer werden wollen, über diese Aspekte sprechen. Als Gesellschaft sollten wir weiterhin über problematische Berichterstattung und Hass im Netz sprechen - denn klar ist, dass sich Druck und Betrugsmöglichkeiten durch Künstliche Intelligenz noch weiter verschärfen werden.

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