Köln (KNA) Die Bundeswehr kommt gerade häufig in den Medien vor - als Objekt der Berichterstattung wie auch als Subjekt. Schließlich muss sie, solange nicht die Wehrpflicht wiederkommt, die Zahl ihrer Freiwilligen kräftig erhöhen. "Wie krass die Bundeswehr auf die Promo-Trommel haut", in Werbespots, die sich in Computerspiel-Optik auch an noch minderjährige Zielgruppen richten, ist eines der Themen der gut halbstündigen Reportage "Wehrdienst reloaded - Schöne, neue Bundeswehr?". Wie sie sich dabei um ihr Erscheinungsbild in den Medien sorgt, zeigt die "Y-Kollektiv"-/WDR-Produktion dabei gut: Filmautor Frederik Fleig durfte drei Rekruten durch ihre dreimonatige militärische Grundausbildung begleiten. Doch wurden seine durchaus ungewöhnlichen Dreharbeiten auf dem Bundeswehr-Gelände im mecklenburgischen Parow selber durchgehend von einer - nicht im Bild zu sehenden - Pressebeauftragten begleitet. "So richtig frei arbeiten wir hier also nicht", sagt der Presenter-Reporter und erwähnt im Offkommentar auch, an welchen Stellen die Beauftragte eingegriffen habe: zum Beispiel, als er bei den ersten Schießübungen nach Egoshooter-Spielen fragte. In der Berichterstattung wünscht die Bundeswehr solche Vergleiche offenbar nicht. Ist das legitim? Und wie sinnvoll ist es für junge Leute, sich freiwillig zu melden? Der Film bietet viel Anlass, über diese Fragen nachzudenken - schon weil viel von der Grundausbildung zu sehen ist. Dazu gehört wie vor Jahrzehnten nächtliches Wecken im Kasernenhof-Ton, um dann mit 20 Kilo schweren Rucksäcken zu Eingewöhnungsmärschen aufzubrechen. Feuchtes Boden-Wischen in den Unterkünften und noch viel feuchtere Aktivitäten gehören ebenso dazu: voll eingekleidete Vorbereitung auf Marineeinsätze im Hallenbad und kollektives Robben im Wasserloch - nachdem die Freiwilligen zwei Nächte unter freiem Himmel campiert hatten. Hier robbte der Presenter-Reporter nicht selber mit, sondern konnte drei Teilnehmer mit "Rekruten-Cams" ausstatten. Die drei jeweils 19-jährigen Protagonisten, die Fleig unter sieben von der Beauftragten vorausgewählten Kandidaten aussucht, zeigen sich vor der Kamera gelassen und reflektiert. "Endlich muss man bisschen weniger denken", will sich der Bayer Jan, der seinen bisherigen Lebensstil mit "Computerspielen 24/7" zusammenfasst, nicht lange beschweren. Helena aus Potsdam, die sich wohl eher gegen den Wunsch ihrer Eltern und Freunde freiwillig meldete, bekam zwar bei der ersten Essenszuteilung nicht das gewünschte vegetarische Sandwich. Als eine von nur neun Frauen unter über hundert Freiwilligen fühlt sie sich dennoch sicher, sagt sie - und überlegt am Ende der Grundausbildung, eine Offizierinnen-Laufbahn anzustreben. Dass sich bei der den meisten Berichten zufolge schwerfälligen Truppe gerade etwas ändert, fängt die dichte Reportage auch noch ein. Nach "monatelangem Hin und Her" durfte Fleig auch im "Cyber- und Informationsraum" drehen, der offiziell bereits als dem Heer, der Luftwaffe und der Marine gleichrangig gilt. Die gezeigten Räumlichkeiten wirken zwar, wohl aus Sicherheitsgründen, ausgesprochen unscheinbar. Doch in Kürze öffnet sich die neue "Teilstreitkraft" auch für freiwillige Interessenten. Und weil ab Mai auch Drohnen in die Grundausbildung integriert werden, reiste das Filmteam noch ins neue "Innovationszentrum" im bayerischen Erding, wo Firmen auf einer Messe mit Slogans und eigenen Werbespots um Teile des stark gestiegenen Verteidigungsbudgets warben. Fleig nutzte die Gelegenheit, in eine unbemannte Rettungsdrohne zu krabbeln - wie sie in der Ukraine längst im Einsatz sind. So liegen performativer Unernst und eher launige Sprüche einerseits und digital wie auch körperlich geführte, blutige Konflikte andererseits eng beieinander. Die Konflikte erhöhen das Bedürfnis nach Verteidigungsbereitschaft und damit Kampffähigkeit stark. Von solchen Ambiguitäten und Ambivalenzen fängt die dichte, flott montierte Reportage für ihre kompakte Dauer bemerkenswert viel ein. Sie dürfte niemanden kaltlassen, der 18 ist oder wird und von der Bundeswehr angeschrieben wird, ebenso wenig Verwandte und Bekannte. Ein sinnvolles und bei aller zur Schau gestellten Flottheit vielschichtiges Stück öffentlich-rechtliches Online-Fernsehen.