Bonn (KNA) Nicht wenige seiner Auftritte haben JD Vance in ein schiefes Licht gerückt. Ob bei der Münchner Sicherheitskonferenz, bei seiner Unterstützung von Viktor Orban im ungarischen Wahlkampf, bei seiner Kritik am Papst oder bei den Verhandlungen mit iranischen Vertretern in Islamabad: Der amerikanische Vizepräsident hat in Europa und in Deutschland die Überzeugung gefüttert, dass hier Trump 2.0 zu sehen und zu hören ist. Der Dokumentarfilm "JD Vance - Der Mann nach Trump" (ARD, 21. April, 22.50 Uhr) kreist zu seinem Einstieg aber nicht um die aktuelle Position und Politik von "JD", sondern geht ins Jahr 1984 zurück, als James David Vance in schwierigste Verhältnisse geboren wird. Middletown, Ohio: Die Stadt im Rust Belt kennt Armut und Drogenprobleme, in die auch JDs Mutter versunken ist. Er wächst bei den Großeltern auf, saugt aus dieser Situation Stärke und Widerstandskraft. Seine seit zehn Jahren cleane Mutter Beverly Vance Aikins lobt im Film seine Disziplin, seinen Lerneifer. Mit seinen weichen Gesichtszügen wirkt er alles als "der öffentliche Kampfhund", als der er später beschrieben wird. Die Produktion von Together Media in Zusammenarbeit mit dem Südwestrundfunk und France Télévisions führt schon in ihrem Anfang vor, dass hier ein multiperspektivisches, quellenstarkes und möglichst unvoreingenommenes Porträt gezeigt werden soll. Was die Autoren Thomas Snégaroff und David Thomson, der mit Christophe Astruc auch für die Regie verantwortlich zeichnet, zusammentragen, ist ein Amalgam aus Orten und Stationen, die Vance und sein durchaus flexibles Weltbild prägten. Der Film versammelt Menschen aus dem nahen Umfeld wie Mutter, Ehefrau, Studienfreundin, bringt Beobachter und Journalisten, Protektoren und Mentoren zusammen - und zeigt JD Vance selbst bei Interviews und Auftritten. Nur wenige Momente werden durch Off-Kommentare bestimmt, der ganz große Rest wird durch die Aussagen von Vance und all jenen getragen, die mit ihm zu tun hatten oder haben. Das schafft Nähe und Glaubwürdigkeit. Aufgeblättert wird eine Biografie, die sich wie der wahr gewordene "American Dream" anfühlt. Vance zieht mit dem Marine Corps in den Irakkrieg, strebt nach dem Studium an der Ohio University nach Yale, um Jura zu studieren. Hier erlebt er Freundschaft und zugleich Demütigung, wenn ihn der elitäre Ostküsten-Nachwuchs seine Herkunft spüren lässt. Unterkriegen lässt er sich nicht, er schreibt Aufsätze für das "Yale Law Journal", ist beeindruckt vom Silicon-Valley-Investor Peter Thiel - trotz oder wegen dessen fundamentalistisch-katholischer und demokratiefeindlicher Weltsicht. 2014 heiratet Vance die indischstämmige Juristin Usha Chilukuri, veröffentlicht zwei Jahre später den Bestseller "Hillbilly Elegy" und kritisiert im gleichen Jahr Donald Trump als "ungeeignet für das höchste Amt der USA". Vance ist da ein Gegner der neokonservativen Ideologie. Wohlhabend geworden im Investment-Business, wendet sich Vance der katholischen Kirche, in die er 2019 eintritt, und der Politik zu. Unterstützt von Peter Thiel wird er 2023 zum republikanischen Senator von Ohio gewählt. Damit hatte er sich auch die Unterstützung von Trump gesichert: Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal zeigt sich die quecksilbrige Gewandtheit von JD Vance, seine spirituelle und politische Wandlungsfähigkeit. Und das Tempo, mit dem der heute 41-Jährige vorangeht. Ist er bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2024 noch eine Randfigur, wird er nur ein Jahr später deren umstrittener Star. Einst in fester Gegnerschaft zu den Eliten ist er mittlerweile selbst Teil davon, der Trump-Apologet hat sich zum glühenden Gefolgsmann gewandelt, mehr MAGA geht selbst für einen Mann mit "einem Herz aus Stahl" kaum. Amerikas Interessen haben jetzt absoluten Vorrang, Zuwanderung zerstört das Gemeinwohl, klares Nein zur Abtreibung und zu jeder Spielart von woke. Die Dokumentation markiert diese Wendungen und Kehrtwendungen genau. Die 82 Minuten rücken JD Vance nicht in eine Ecke, in die er sich nicht selber gestellt hat. Ein Wesenszug bleibt unverkennbar: Ehrgeiz, es all denen zeigen zu wollen, die den Hillbilly belächelt haben. Das zeigt sich insbesondere nach dem Attentat auf den Aktivisten Charlie Kirk. Vance setzt sich sogleich in dessen Podcast-Stuhl, lobt und preist den Ermordeten als verehrenswerten Christenmenschen, es klingt wie eine Heiligsprechung. Auch hier scheint das Kalkül durch: JD Vance sucht, die nach wie vor skeptischen Rechtsextremen in der MAGA-Bewegung von sich zu überzeugen. Sein Freund, der Autor Rob Dreher, erklärt, wie viel Boden Vance da noch gutmachen muss, wenn er der nächste Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden will. Wie zum Beweis gibt es Ausschnitte aus dem Podcast von Nick Fuentes, dem Sprachrohr der rechtsradikalen Fanatiker. Fuentes beschimpft Usha Vance als "asiatische Schlampe", die "Mischlingskinder" aus dieser Ehe, seinen "schwulen Berater Peter Thiel". Heftig, unterirdisch und doch Beweis dafür, welch weiten, steinigen Weg "Hillbilly" JD Vance Richtung Weißes Haus noch vor sich hat. Und so bekommt die Dokumentation ihr finales Fragezeichen: JD Vance - der Mann nach Trump?