Unwertes Leben? - Arte-Doku über Zwangssterilisation in US-Gefängnissen

Von Manfred Riepe (KNA)

DOKU - Eine Arte-Dokumentation deckt auf, wie zwangsweise durchgeführte Sterilisierungen in US-Gefängnissen als medizinische "Zusatzleistungen" getarnt wurden. Behörden wollten so offenbar Sozialleistung einsparen.

| KNA Mediendienst

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"USA - Zwangssterilisation hinter Gittern"

Foto: Arte/KNA

Straßburg (KNA) Frauen aus prekären Milieus bringen Kinder zur Welt, die häufig zu Sozialhilfeempfängern werden. Sollte man also diese Frauen, um die Staatskasse zu entlasten, daran hindern, sich fortzupflanzen? Ein Arte-Dokumentarfilm greift dieses Thema - das eigentlich einer finsteren Vergangenheit angehört - vor dem Hintergrund des US-amerikanischen Strafvollzugs der Gegenwart auf. Erica Cohn, die für diesen Film mit einem Emmy ausgezeichnet wurde, beleuchtet am Beispiel eines Einzelfalles eine illegale Praxis. Wegen Mordes an ihrem Ehemann - der sie fortgesetzt misshandelt hatte - wurde die 19-jährige Afroamerikanerin Kelli Dillon 1995 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis teilte man ihr mit, dass ihr PAP-Abstrich (eine gynäkologische Vorsorgeuntersuchung) auffällig sei. Zur Krebsabklärung sei eine Gebärmutterbiopsie notwendig. Die Inhaftierte versicherte dem Gefängnisarzt, dass sie sich auf jeden Fall weitere Kinder wünsche. Für den Fall jedoch, dass sie Krebs habe, würde sie einer Gebärmutterentfernung zustimmen. Nach dem Eingriff im Jahr 2001 gab der Chirurg Entwarnung. Alles sei in bester Ordnung, sie könne weiterhin Kinder bekommen. Doch ihre Menstruation blieb aus. In den folgenden neun Monaten litt sie unter Panikattacken, Nachtschweiß und starkem Gewichtsverlust. Dies seien, so ein Sachverständiger, "klassische Symptome einer chirurgisch herbeigeführten Menopause". Im ersten Abschnitt blickt der Film hinter die Kulissen jener Einrichtung, in der derartige Eingriffe ohne die Einwilligung betroffener Frauen durchgeführt wurden: die Vollzugsanstalt Central California, das größte Frauengefängnis der Welt. Die Haftanstalt ist ein abgründiges Panoptikum. Jede der transparenten Zellen, die wie Bienenwaben angeordnet sind, ist von einem zentralen Beobachtungspunkt aus einsehbar. Männliche Vollzugsbeamte können Frauen auch bei intimen Verrichtungen beobachten. In dieser modernen Hölle fällt Kelli Dillon auf, dass das, was ihr geschah, kein Einzelfall ist. Als sie diesen Verdacht ihrer Anwältin mitteilt, kommt Einiges ins Rollen. Im zweiten Teil dokumentiert der Film die akribischen Recherchen von Cynthia Chandler, einer renommierten Aktivistin und Mitbegründerin der Organisation Justice Now, sowie die Nachforschungen des Investigativ-Reporters Corey Johnson. In seinem Artikel "Female inmates sterilized in California prisons without approval" deckte er auf, dass zwischen 2006 und 2010 mindestens 148 Frauen in kalifornischen Frauengefängnissen ohne die gesetzlich vorgeschriebene Genehmigung sterilisiert wurden. Ist das der Alleingang eines Gynäkologen? Oder gab es einen stillschweigenden Konsens darüber, dass man - vorwiegend afroamerikanische - Frauen daran hindern sollte, "unwertes Leben" zur Welt zu bringen? Die Dokumentation zitiert einen CNN-Fernsehbeitrag aus dem Jahr 2012, in dem auf jene Zwangssterilisierung hingewiesen wird, die in den USA seit den 1930er Jahren praktiziert wurde. Allein in Kalifornien seien 20.000 Frauen zwangsweise sterilisiert worden. Nazis hätten dieses Programm vor Ort studiert, um es nach Deutschland zu übertragen. Nach dem Krieg, so zeigt der Film, war der Begriff "Eugenik" in den USA verpönt. Der Grundgedanke wurde jedoch in verklausulierten Formulierungen beibehalten: "Hohe Geburtenraten gehen einher mit niedrigem Einkommen". Geburtenkontrolle wurde somit als Sozialpolitik durchgesetzt. Dafür gab es, so zeigt der Film, staatlich geförderte Kampagnen zur Sterilisierung von Frauen aus bestimmten Bevölkerungsschichten. Erst 1979 verbot Kalifornien das Eugenik-Programm. Der Film verdeutlicht, wie man dieses Verbot systematisch umging. So wurden "Tubenligaturen" (Verödung des Eileiters), die hinter Gittern durchgeführt worden waren, in medizinischen Dokumenten, die der Verwaltung und Finanzierung solcher Eingriffe dienen, durchweg als "Zusatzleistung" geführt. Durch diesen Trick wurde die Einwilligung der zwangssterilisierten Frauen fingiert. Der Investigativ-Reporter Corey Johnson konfrontierte den verantwortlichen Gefängnisarzt Dr. James Heinrich mit einer solchen Liste genauestens dokumentierter Operationen: "Hier sehen Sie, dass über 100.000 Dollar von Steuerzahlern für Eingriffe gezahlt wurden, die verboten sind". Daraufhin der Arzt: "Na ja, billiger als Sozialhilfe". Die Dokumentation, die über einen Zeitraum von sieben Jahren hinweg entstand, greift ein ethisch relevantes Thema auf, wird im zweiten Teil aber zuweilen unübersichtlich. Im Zuge der Verknüpfung eines Kelli-Dillon-Porträts mit den investigativen Recherchen des Reporters Corey Johnson sowie der Arbeit der aktivistischen Anwältin Cynthia Chandler verliert die filmische Darstellung den Fokus. Die in der Dokumentation gezogene historische Parallele zwischen den Nürnberger Rassengesetzen und der US-amerikanischen Eugenik der 1930er Jahre ist nicht ganz abwegig, erscheint aber verkürzt. Der Film, streckenweise schwere Kost, ist durchaus spannend. Dennoch verliert der Betrachter zuweilen den Faden. Sehenswert und anregend ist der - leider nur in der Mediathek verfügbare - Beitrag aber allemal.

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