Spannender Blick auf Barrierefreiheit - "Blind Sherlock" spielt konstruktiv mit Klischees über Blindheit

Von Hannah Krewer (KNA)

SERIE - In "Blind Sherlock" gerät ein blinder Mann in einen spektakulären Kriminalfall. Klischees und die Realität des Lebens von Menschen mit Behinderungen lässt die ZDF-Serie geschickt aufeinander prallen.

| KNA Mediendienst

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"Blind Sherlock"

Foto: Dries De Clercq/ZDF/KNA

Mainz (KNA) Wie stellt man sich einen blinden Menschen vor? Mit Sonnenbrille, Stock und Hund? So jedenfalls erscheint der Protagonist der Serie "Blind Sherlock" in der Szene, in der er zum ersten Mal auftaucht. So klischeehaft, wie man ihn nur zeigen kann, um jedem klarzumachen: Der ist blind. Und auch der Schriftzug der Serie am Anfang jeder Folge, der der Braille-Schrift nachempfunden ist, schubst den Zuschauer in diese Richtung. Doch abseits davon demonstriert "Blind Sherlock" überraschend unaufgeregt, wie der blinde Roman Mertens der Kriminalpolizei in Rotterdam mit seinem außergewöhnlichen Gehör dabei hilft, einen Drogenring hochzunehmen. Das Phänomen "Person mit besonderen Fähigkeiten hilft Polizei" ist dabei für eine Serie nichts Neues: In "High Potential" ist es eine hochbegabte Frau, in "Lucifer" der Leibhaftige persönlich - und schon in den nun titelgebenden Geschichten von Sherlock Holmes, einer der bekanntesten Detektivfiguren aller Zeiten, findet sich dieses Prinzip. Ausgestrahlt wird "Blind Sherlock" ab 26. April um 22.15 Uhr mit Doppelfolgen im ZDF. Bei der Polizei hört Roman in einer speziellen Abhör-Einheit Telefongespräche und andere Aufnahmen von Verdächtigen mit und achtet auf Details. So führt er die Ermittler auf Spuren, die ansonsten kaum zu finden gewesen wären. Es gilt, Verdächtige abzuhören, Orte anhand der Geräusche zu identifizieren und am Ende die Drogenbosse zu schnappen - an einem der niederländischsten Orte, die man sich wohl vorstellen kann: auf einem Pfannkuchenschiff. Der Kriminalfall erscheint in der ersten Folge noch etwas verworren, später wird es aber richtig spannend. Den Hör-Prozess und die Frage, wie Roman auf Details aufmerksam wird, zeigt die Serie recht eindrücklich. Leider, könnte man sagen, natürlich auch visuell, aber das ist in einem Bildmedium wohl fast alternativlos. Besonders dort, wo er nicht weiterkommt, können die Zuschauer sein Mühen quasi live miterleben. Themen wie Barrierefreiheit und Inklusion greift die Serie immer wieder auf. Zu seinem Job kommt Roman - gespielt vom blinden Schauspieler Bart Kelchtermans - durch ein Bewerbungsverfahren. Zunächst wird er aber abgelehnt, ohne dass er seine Fähigkeiten demonstrieren konnte. Erst durch einen Zufall erfährt die Polizei von seinem besonderen Gehör und gibt ihm eine Chance. Hier wird deutlich, wie ein Mensch nur aufgrund seiner Behinderung beurteilt wird - eine Erfahrung, die viele behinderte Menschen mit der Hauptfigur teilen dürften. Und sein gutes Gehör, stellt Roman später klar, sei nichts, was er nur aufgrund seiner Behinderung habe, keine Art "Superkraft". Das könne jeder lernen. Roman findet dann auch einen Arbeitsplatz vor, der alles andere als barrierefrei ist. Um passende Arbeitsmittel muss er erst bitten. Die Serie zeigt auch, wie unsicher seine Kollegen auf ihn reagieren. Teils mit latentem Mitleid, teils mit Skepsis oder mit Unverständnis dafür, wie er sich in einer nicht barrierefreien Gesellschaft zurechtfinden muss. So wird geschickt thematisiert, wie wenig Kontakt viele Nichtbehinderte mit Menschen mit Behinderung haben und wie hilflos sie deswegen bisweilen im Umgang mit ihnen sind. Das Thema mangelnde Barrierefreiheit wird dort besonders brisant, wo Roman auf einmal ohne eines seiner wichtigsten Hilfsmittel zurechtkommen muss. Auch in seinem privaten Umfeld macht Roman einiges mit. Einmal wird er ungefragt von Menschen aus seinem Umfeld betüdelt, was ihm gar nicht passt, und woraufhin er recht pampig die Frage stellt, ob diese nun bei der Behindertenhilfe seien. Damit schwebt auch die Frage im Raum, ob man mit einem Menschen ohne Behinderung an dieser Stelle genauso umgegangen wäre. Auch Romans Sorge, wie es ist, als blinder Mann Vater zu werden, ist immer wieder Thema. Denn er und seine Partnerin Caro (Sigrid ten Napel) erwarten ein Kind. Daneben erfahren die Zuschauer immer wieder Details aus seiner Vergangenheit, zum Beispiel, wie Roman aufgrund seiner Behinderung einmal ein Baby in Gefahr brachte. Und wie er überhaupt blind wurde. Letzteres trägt einer Tatsache Rechnung, die in Debatten um Barrierefreiheit oft unerwähnt bleibt: Die allermeisten Behinderungen erlangen Menschen im Lauf ihres Lebens, nur wenige sind angeboren. Diesen Aspekt nimmt die Serie gleich mehrfach auf und thematisiert damit auch, welchen Einschnitt das bedeuten kann. Mehrfach bedient Roman aber auch absichtlich Klischees und mimt den hilflosen Blinden, um etwa Verdächtige abzulenken. Das klappt - leider. Denn einerseits hilft er seinem Team damit, andererseits zeigt es, dass Menschen wie Roman oft in erster Linie als jemand wahrgenommen werden, der Hilfe braucht. Insgesamt macht die Serie vieles richtig und zeigt, wie Menschen mit Behinderung in einer wenig barrierefreien Gesellschaft gesehen und welche Hürden ihnen in den Weg gelegt werden. Viele Figuren haben Schattierungen und sind nicht einfach nur gut oder nur böse. Auch abgesehen vom Thema Behinderung zeigt sie unaufgeregte Diversität. Die eine oder andere Wendung ist durchaus vorhersehbar, an zwei oder drei Stellen wird es etwas langatmig, aber insgesamt sind sowohl Romans Herausforderungen als auch der Kriminalfall spannend erzählt. Erst in letzter Sekunde löst die Serie auf, woher sie ihren Namen wirklich hat. Es ist nämlich doch etwas mehr als der reine Bezug zu Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv. Und erst dann wird den Zuschauern klar, dass "Blind Sherlock" sogar auf einer wahren Begebenheit beruht.

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