Mehr Menschen statt Marken - Medienfestival in Perugia beleuchtet Trend zum Content-Journalismus

Von Madita Steiner (KNA)

INTERNET - Wie sieht die mediale Berichterstattung der Zukunft aus? Auf dem Internationalen Journalismus Festival in Perugia beschäftigten sich Führungskräfte aus der Branche mit der Frage. Wo sehen sie Erfolgsrezepte?

| KNA Mediendienst

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International Journalism Festival in Perugia

Foto: Madita Steiner/KNA

Perugia (KNA) Das Gesicht des 22-jährigen Max Vessies ist Motiv einer Schokoladenverpackung. Sie liegt für Gäste in dem Studio aus, in dem er für das niederländische Medium NPO arbeitet. Denn der Nachwuchsjournalist hostet seit Ende vergangenen Jahres seinen eigenen Podcast "Max & de media" mit bisher rund 10.000 Zuhörern pro Episode. Auf dem Internationalen Journalismus Festival in der italienischen Stadt Perugia interviewte er am Wochenende für "Max & de media" unter anderem journalistische Führungskräfte, die eine Antwort auf die Frage zu liefern versuchen: Wie sehen die Medien der Zukunft aus? Viele Teilnehmende der Konferenz betrachten Creator wie Vessies, die mit ihrem Gesicht und ihrer Persönlichkeit Nachrichten präsentieren, als essenziell für zukünftige Berichterstattung. Denn die Konsumenten orientieren sich zunehmend an Menschen, die ihre Persönlichkeit zeigen, statt an traditionellen Medienmarken, sagt Emilio Doménech. Der Spanier ist Gründer des digitalen Medienportals Watif: "Sie wollen eine Person sehen, die die Nachrichten erzählt." Das könne zum Beispiel auch über eine Geschichte aus dem eigenen Leben gelingen, die sich mit den Nachrichten verbinden lässt. Eine eigene politische Meinung brauche es dazu nicht zwingend, sagt er. "Du musst nur du selbst sein." Podcast-Host Vessies arbeitet noch an dieser Balance zwischen sachlicher Reporterrolle und eigener Persönlichkeit. "Die Rolle der Journalisten in den Geschichten und warum sie diese erzählen, wird wichtiger", sagt er. Doch fühle es sich für ihn mitunter auch egozentrisch an, in den Episoden seine Sicht auf die Zukunft der Medien einfließen zu lassen. Die Nachrichten in den Sozialen Medien zu präsentieren, ergebe vor allem für die Zielgruppe der unter 40-Jährigen Sinn, sagt Doménech. Medienunternehmen könnten auf den Plattformen langfristig nicht mit den Nachrichten-Creators und Influencern konkurrieren, wenn sie sich diesem Trend nicht anpassen, ist der Experte überzeugt. Das sehen freilich nicht alle so. Immer wieder gibt es innerhalb der Branche und auch vom Publikum Kritik daran, dass Medienhäuser journalistische Standards schleifen, um sich den Vorgaben des Algorithmus' anzupassen, der eher auf Gewinnmaximierung als auf Dienst an der Demokratie oder an den Nutzern ausgerichtet ist. Ein Dilemma, das nur schwer aufzulösen scheint. Dass die jüngere Generation noch stärker als zuvor auf Soziale Medien setzt, bestätigt regelmäßig auch die Online-Studie von ARD und ZDF. Rund drei Viertel der 30- bis 49-Jährigen in Deutschland nutzen 2025 mindestens einmal in der Woche Youtube oder andere Soziale Medien. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es sogar 91 Prozent. Die älteren Gruppen sind auf diesen Plattformen noch deutlich weniger aktiv, doch auch hier nimmt die Nutzung zu. Für ARD und ZDF kümmert sich vor allem Funk um Creator-Nachwuchs, der in den Sozialen Medien etwa politische, kulturelle oder wissenschaftliche Inhalte produziert. Doch der fehlgeschlagene Funk-Podcast "Brave Mädchen" zeigt, dass diese Zusammenarbeit nicht zwangsweise erfolgreich ist. Ziel war es, eine junge Zielgruppe zu erreichen, indem zwei Influencerinnen über Themen sprechen, die junge Frauen bewegen. Nach den ersten Folgen wurden vielfach Aussagen kritisiert, die gegenüber Männern und anderen Influencern als abwertend wahrgenommen wurden. Kritiker fragten, warum ein öffentlich-rechtliches Format solche Aussagen veröffentlicht. Zunächst pausierte Funk den Podcast, im März wurde er dann nach nur zehn Episoden komplett eingestellt. Ein Interesse ist es daher, die Arbeit der Creator mit journalistischen Standards zu verbinden. In diese Richtung geht die Arbeit der finnischen Medienproduzentin Salla-Rosa Gröhn. Im Rahmen des Projekts "How to be a Trusted Voice Online" der Unesco schulte sie über 10.000 Journalisten und Content-Ersteller. Journalisten sollten dabei lernen, ihre Inhalte an die Sozialen Medien anzupassen, und Content-Ersteller im Gegenzug, journalistische Arbeitsweisen anzuwenden. Gröhn meint, Journalisten können sich einiges von Creatoren abschauen. Letztere seien darauf angewiesen, ihre Inhalte an den Interessen der Nutzenden auszurichten und auf Augenhöhe mit ihnen umzugehen. Nur so könnten auch Journalisten Konsumenten von Nachrichten erreichen: "Wenn wir Journalismus machen, der nichts mit dem Leben der Menschen zu tun hat und keinen Wert in ihrem Leben hat, scheitern wir." Der Austausch zwischen beiden Gruppen sei wichtig "und ich bin glücklich, dass es im Moment passiert", so Gröhn. Sie rechne damit, dass Creator-Journalismus bald gar keine eigene Bezeichnung mehr braucht, sondern selbstverständlicher Bestandteil journalistischer Arbeit werden könnte.

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