Die Verdammnis der Erlösung - HBO-Serie "Half Man" zeigt Anziehungskraft des Animalischen

Von Jan Freitag (KNA)

SERIE - Nach "Rentierbaby" hetzt sich Richard Gadd in "Half Man" erneut nach eigenem Drehbuch auf ein wehrloses Opfer. Das ist schwer verdaulicher, aber sehr vielschichtiger Alltagshorror.

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"Half Man"

Foto: HBO Max/Warner Bros. Discovery/KNA

Bonn (KNA) Das ungehobelt Wilde, animalisch Derbe, zügellos Hitzige übt auf Menschen mitunter Anziehungskräfte aus, die 2026 überkommen sein sollten. Eigentlich. Denn welcher zartbesaitete Schüler kennt keine Gruselgeschichten von Pausenhof-Rowdies, deren Habitus gleichaltrige Mädchen die Knie destabilisieren, während empathischer Intellekt frühestens zwei, drei Klassen später seinen Sog aufs bevorzugte Geschlecht entfaltet. Wenn überhaupt. Schließlich schmachten auch die Studentinnen Joane (Julie Cullen) und Celeste (Philippine Velge) den ungehobelt wilden, animalisch derben, zügellos hitzigen Ruben an, als er unter ihrem WG-Fenster an der Uni Glasgow vom Motorrad steigt. "Oh", haucht eine der beiden erregt, "das gibt Ärger". In der Tat: Bereits in den 60 Minuten zuvor hat das Ärgernis auf zwei Beinen für Scherereien gesorgt - die allerdings nicht nur Entsetzen, sondern Bewunderung, gar Leidenschaft erzeugen. Und das aus drei Gründen. Zum einen ist die Faszination des Brechens bürgerlicher Regeln seit den Rock'n'Roll-Rebellen von James Dean bis Marlon Brando ungebrochen. Zum anderen ist dieser impulsive Outlaw ungewöhnlich gut getroffen. Und dann stammt "Half Man" auch noch von Richard Gadd. Bei Netflix hatte sein "Rentierbaby" den standardisierten TV-Typus Antagonist 2024 mit einer stämmigen Stalkerin revolutioniert. Zwei Jahre später nun wechselt der schottische Multifunktionskünstler bei HBO Max - nach eigenem Drehbuch - die Seiten. Und wie! Als die erwachsene Version des halbstarken Desperados ungeladen auf der Hochzeitsfeier von Niall (Jamie Bell) erscheint, fließt schon bald Blut. Alles wie immer also, wenn der empfindsame Poet seiner Nemesis begegnet. Warum genau, das zeigt uns der Showrunner kurz nach Rubens Wedding-Crash. Rund 30 Jahre zuvor nämlich quartierte Nialls Mutter den haftentlassenen Sohn ihrer Langzeitgeliebten im Kinderzimmer des 15-Jährigen ein. Und diese schicksalhafte (Fehl-)Entscheidung stellt Nialls Leben auf den Kopf. Bis dahin ein gemobbter Nerd, der wie sein verstorbener Dad zwar fantastische Novellen schreibt, aber keinerlei Freunde hat, wird er vom jähzornigen Großmaul im Sperrholzbett nebenan gedemütigt. Klingt destruktiv. Einerseits. Doch andererseits löst Rubens Impertinenz Blockaden in Kopf, Herz und Seele seines Bruders einer anderen Liebhaberin. Nach der seltsamsten Entjungferung aller Film- und Fernsehzeiten beginnt "Bambi", wie Ruben ihn nennt, zu erblühen. Wenngleich zum Preis moralischen Verfalls: Nialls Erlösung - es gibt sie scheinbar nur zum Preis fortschreitender Verdammnis. Wenn er mit jedem Befreiungsversuch nur noch tiefer in Rubens Einflusssphäre gerät, wirkt "Half Man" demnach wie das nächste Porträt eines manipulativen Menschenfängers - und verstärkt damit den Eindruck, Fernsehcrime - ob real oder fiktional - sei täterfixiert. Als Autor und Akteur hat Richard Gadd nämlich großes Gespür dafür, die antagonistische Gefahr durch gewöhnliche Großstadtmilieus kriechen zu lassen. Im "Rentierbaby" setzt sie sich unscheinbar an den Tresen des verkrachten Kneipenkomikers Donny. Jetzt zieht sie für alle ersichtlich ins Reihenhaus des angehenden Schriftstellers Niall. Doch so grundverschieden die Bedrohungen auch daherkommen: Sie ziehen ihre Opfer gnadenlos an den Rand des Abgrunds. Nur: Darum geht es in "Half Man" allenfalls am Rande. Wichtiger als Thrillermomente und Schockelemente ist dem Showrunner das soziale Milieu, in dem er die toxische Beziehung verbrüderter Antipoden durch zwei Zeitebenen manövriert. Denn Niall, das wird bald deutlich, ist schwul. In einer Epoche, in der Identitäten abseits vom heteronormativen Mainstream allgemein verachtet wurden, behielt man das besser für sich. Kein Wunder, dass sein Coming-of-Age einem Versteckspiel gleicht. Wenn er sich (und andere) mithilfe vorgeschützter Frauenaffären der eigenen vermeintlichen Normalität versichert, führt das jedoch ebenso tief ins Desaster wie die unterdrückten Gefühle für seinen Mitbewohner Alby (Charlie de Melo). Nialls Angst vor Ruben symbolisiert dabei die vor der homophoben Gesellschaft. Im Grunde aber fürchtet er sich selbst am meisten. "Mein Gott, wovor laufen Sie da bloß weg?!", fragt ein Literaturprofessor anerkennend, als er Nialls Prosa für dessen Oxford-Bewerbung liest. Dass sich sein Student dabei nicht gelobt, sondern ertappt fühlt, macht deutlich, welche Dämonen in ihm wüten. Wie Alexandra Brodski und Eshref Reybrouck diese Hybris inszenieren, ist dabei keineswegs frei von Klischees. Unterm betont depperten Topfhaarschnitt schaut Bambi meistens ein bisschen arg verschreckt aus der chronisch uncoolen Wäsche. Und dass er wie Ruben über ein entwicklungsintensives Jahrzehnt um die 20 hinweg nicht einen Tag altert und weder Frisur noch Kleidungsstil je variiert, ist mit "achtlos" noch milde umschrieben. Umso erstaunlicher ist es, wie glaubhaft die vier Hauptdarsteller zweier Altersstufen dem Sittengemälde einer bizarren Hass-Liebe Dringlichkeit verleihen. Und das, obwohl Neve McIntoshs als heimlicher Star fast alle in den Schatten stellt. Wie Nialls Mutter ihren Sohn mit abgöttischer Liebe von Katastrophe zu Katastrophe lenkt, wäre glatt eine eigene Serie wert. Vorerst aber bleibt es bei dieser hier - hochverdichtete 360 Minuten Ausnahme-Entertainment über die Anziehungskraft des Animalischen in postheroischer Zeit. Von daher bitte: Kein Happy End erwarten! Das könnte schiefgehen.

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