Von der Bankerin bis zum Obdachlosen - HR-Doku über Frankfurt und seine Menschen verfehlt ein bisschen den eigenen Anspruch

Von Christian Bartels (KNA)

DOKU - Die Doku-Serie "Welcome to Frankfurt" folgt ausgesprochen unterschiedlichen Menschen, die außer ihrem Wohnort wenig gemeinsam haben. Das ist nur bedingt aussagekräftig, aber trotzdem interessant.

| KNA Mediendienst

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"Welcome to Frankfurt"

Foto: Timeline Film & TV/Adobe Stock/HR/KNA

Frankfurt (KNA) Auf dem Asphalt liegen eine tote Taube, die dann weggekehrt wird, und Heroin, das gerade benutzt wird. In luftige Höhen ragen Hochhäuser und bilden Deutschlands imposanteste Skyline: "Welcome to Frankfurt" setzt schon im Vorspann auf harte Kontraste. Die Doku-Serie folgt zunächst drei Menschen, die jeweils recht neu in die Main-Metropole zogen. In den vier halbstündigen Folgen kommen dann noch fünf weitere Protagonisten dazu. Mehrere von ihnen sprechen vor allem Englisch. Der Obdachlose Mike wollte auf dem Weg in sein Heimatland Polen eigentlich nur vier Tage bleiben und ist doch schon zwei Monate hier, sagt er. Mit seinem Schäferhund läuft er durch den Taunusanlagen-Park, um seine tägliche Dosis Drogen zu kaufen. Am Ende der ersten Folge lässt er sich beim Heroin-Spritzen in einem U-Bahn-Zwischengeschoss filmen und bedankt sich dafür, in die Doku eingeladen worden zu sein. Am Ende der vierten Folge bevorzugt er Fentanyl und scheint doch wieder nicht in den Zug nach Hause gestiegen zu sein. Völlig anders lebt eine ebenfalls englischsprechende US-amerikanische Bankerin, die sich gerne beim Zubereiten ihres proteinreichen Frühstücks filmen lässt. Nebenbei erwähnt sie, dass ihre Wohnung, aus deren bodentiefen Fenstern die Skyline noch imposanter erscheint, 5000 Euro Miete im Monat kostet. Die Hochhäuser in New York sind deutlich höher, aber Frankfurt gefällt ihr. Es sei "eine richtige Stadt", sagt die junge Frau Luna Luce, die Deutsch spricht, aus irgendeinem Dorf herkam und beim Kampfsport wie beim Tanz an der Stange selbstbewusst strahlend lächelt. Die weiteren Folgen beobachten dieselben Protagonisten weiter und nehmen neue in den Blick. Mike revidiert sein zunächst erstaunlich positives Frankfurt-Bild, nachdem sein Hund einer Tollwutimpfung wegen in amtliche Quarantäne musste und er selber mehrfach verprügelt wurde. Ein Synagogen-Kantor spricht zunächst Hebräisch, dann auch Deutsch, und betont, dass außerhalb von Israel Deutschland der beste Platz sei, um als Jude zu leben, auch wenn er seine Kippa nicht überall trägt. Seine Frau erzählt, dass ihre Familie es nicht gut findet, dass sie nun hier lebt, weil ihre Urgroßeltern den Holocaust überlebten, und schildert eine "Free Palestine"-Konfrontation im Supermarkt. Ihr gefällt es aber grundsätzlich in Frankfurt. Außerdem geht es noch um einen queeren Kunststudenten, dessen Eltern als verfolgte Christen aus dem Iran nach Deutschland flohen, und um einen jungen Marokkaner. Nachdem der das Lkw-Fahren erlernte, arbeitet er bei der Müllabfuhr und registriert erfreut den Respekt, der dieser Arbeit in Deutschland entgegengebracht wird. Fast schon ein bisschen als Gegenentwurf oder Kontrollgruppe bilanziert eine echte Frankfurterin, die zurückkehrte, um in einem gut ausgestatteten Seniorenheim ihren Lebensabend zu verbringen, ausführlich ihr wechselhaftes Berufs- und Familienleben. Die gut ausgewählten Protagonisten berichten offenherzig und lassen sich in vielen Situationen filmen. Ausgesprochen unterschiedliche Lebenswege und -stile sorgen so durchgehend dafür, dass man interessiert dabei bleibt. Bloß stellt sich allmählich die Frage, wie viel all das mit Frankfurt zu tun hat, oder ob sich das Meiste nicht in ähnlicher Form in allen zunehmend international geprägten Metropolen abspielen würde. Dass es am Paradiesplatz im Stadtteil Sachsenhausen, wo sie vor Jahrzehnten lebte, nun "total traurig" aussieht, bemerkt die Seniorin einmal. Zum überregional berüchtigten Bahnhofsviertel und seiner Gefährlichkeit sind unterschiedliche Ansichten zu hören. Und der Iraner versteht lokale Rivalitäten zwischen Frankfurt und Offenbach nicht, wohin er zieht, weil sich dort billiger wohnen lässt. Doch speziell um Frankfurt geht es kaum. Ihren eigenen Anspruch, dass "Frankfurt als Stadt selbst eine Hauptrolle" spielt, erfüllt die Doku-Serie wenig. Über weitere überregional viel beachtete Themen erfährt man wenig bis nichts. Etwa dazu, wie die Jahrzehnte nach ihrer Weltkriegs-Zerstörung wiederaufgebaute "Altstadt" sich bewährt oder ob Frankfurt im Wettbewerb der internationalen Finanzmetropolen. Doch genau das spiegelt eben auch Aspekte der Gegenwart: Vielen weit herumgekommenen, mobilen und gut vernetzten Menschen sind Details der Städte, in denen sie leben, vergleichsweise egal, sofern die Infrastruktur und das eigene Umfeld stimmen. Und in der Hinsicht steht Frankfurt am Main offenbar gut da. Man kann dort gut leben, meinen die Protagonisten. Sogar als Obdachloser, würde zumindest Mike aus Polen meistens sagen. Das aus vielen Perspektiven gezeigt und durchaus einleuchtend gesagt zu bekommen, besitzt ja auch Eigenwert.

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