Der weite Weg zum sicheren Internet - Fachleute zweifeln am Nutzen der EU-App zur Alterskontrolle im Netz

Von Jana Ballweber (KNA)

JUGENDSCHUTZ - Die Politik will das Internet für Kinder sicherer machen. Auch die EU bemüht sich darum und setzt ihre Hoffnung in eine App. Doch Experten bezweifeln, dass sich das Problem überhaupt technisch lösen lässt.

| KNA Mediendienst

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Kind mit Smartphone

Foto: Harald Oppitz/KNA

Brüssel (KNA) Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in der vergangenen Woche die EU-App zur Alterskontrolle im Internet vorstellte, wirkte die deutsche CDU-Politikerin geradezu euphorisch. Endlich gebe es "keine Ausreden mehr für Plattformen", Kinder und Jugendliche im Netz vor gefährlichen Inhalten zu schützen. Es ist ein Thema, das Deutschland, Europa und die ganze Welt seit einigen Jahren verstärkt umtreibt. Immer wieder zeigen Studien, dass das Netz für Minderjährige kein sicherer Ort ist. Besonders häufig berichten Kinder über Cybermobbing, aber auch verstörende Inhalte, Radikalisierung oder sexualisierte Kontaktaufnahmen durch Erwachsene sind keine Seltenheit. Die EU-App soll es Plattformen nach Ansicht der Kommission ermöglichen, zu überprüfen, ob Nutzer, die dort auf Inhalte zugreifen wollen, über 18 sind. Dafür sollen die Bürger Ausweise oder andere Dokumente, die ihr Alter nachweisen, in der App hinterlegen können. Wenn sie dann auf Webseiten ihre Volljährigkeit nachweisen müssen, gibt die App nur die Information weiter, ob die Person älter oder jünger als 18 ist. Andere Daten wie Namen, Geschlecht oder das genaue Alter erhalten die Plattformbetreiber nicht. Gedacht ist die App derzeit vor allem für Pornoseiten oder Glücksspiel-Angebote. Sollten sich die EU-Staaten oder die Kommission aber irgendwann für ein Social-Media-Verbot für Kinder entscheiden, könnte sie auch dort zum Einsatz kommen. Das eigene Alter nachweisen müssten dann aber alle Menschen, egal wie alt sie sind, bevor sie ein Online-Angebot nutzen wollen. Doch schon kurz nach von der Leyens Ankündigung mehrt sich die Kritik an dem Projekt. Verschiedene Fachleute sind der Ansicht, dass die hohen Datenschutzstandards in der aktuellsten Version der App noch gar nicht umgesetzt sind. Ein Sicherheitsforscher hat in einem Video auf der Online-Plattform X demonstriert, wie er die App in unter zwei Minuten gehackt hat. Gegenüber dem Online-Medium Politico haben andere IT-Experten viele der Schwachstellen bestätigt. Die EU-Kommission behauptet, die Schwachstellen in der neuesten Version der App bereits geschlossen zu haben. Die Experten sehen das anders. So oder so sorgen die Diskussionen nicht gerade dafür, dass die Bürger der Software gerne ihre Ausweise anvertrauen. Denn wenn die App nicht sicher ist, droht nicht nur der Verlust sensibler Daten. Wenn sie nicht zuverlässig funktioniert und Kinder sich trotzdem Zugang zu Inhalten für Erwachsene verschaffen können, läuft die ganze Idee ins Leere. Schon jetzt steht fest, dass ein einfacher VPN-Zugang die EU-Vorschriften umgehen können wird. Ein VPN-Zugang verschleiert gegenüber dem Betreiber einer Webseite oder einer Plattform, von welchem Ort aus ein Nutzer die Internetseite aufruft. Gibt er sich mit diesem einfachen technischen Kniff als Nutzer aus einem Land mit weniger strengen Jugendschutzregeln aus, haben die Plattformen keine Chance, herauszufinden, wo der Nutzer wirklich sitzt. Genau auf diese Weise umgehen viele Jugendliche etwa das Social-Media-Verbot in Australien oder die strengen Online-Regeln in Großbritannien. VPN-Verbindungen kommen auch in autoritär regierten Staaten zum Einsatz, die den Zugang zu Webseiten und Plattformen aus politischen Gründen sperren. Die Deutsche Welle stellt zum Beispiel eine eigene VPN-App zur Verfügung, um Menschen in Diktaturen zu helfen, die Internetzensur ihrer Regierungen zu umgehen. Doch die Kritik an der EU-App zur Alterskontrolle geht über die reine Funktionsweise hinaus. Immer wieder zweifeln Experten am Nutzen von Altersverifikationssystemen: "Ich stehe der Idee der Altersverifikation sehr kritisch bis ablehnend gegenüber", sagte etwa Tibor Jager, Professor für IT-Sicherheit und Kryptografie, dem deutschen Science Media Center. Der Grund dafür sei, so Jager weiter, dass sie potenziell mehr Schaden anrichte, als sie Nutzen für Sicherheit, Privatsphäre und gesellschaftliche Teilhabe bringe. "Es gibt meines Wissens nach keine Evidenz, dass Altersverifikation die eigentlichen Probleme wirksam löst und ihre Ziele erreicht", kritisiert Jager. Trotzdem werde dadurch versucht, ein internetweites Zugangskontrollsystem einzuführen. Die Folgen seien schwer abschätzbar, so der Experte. Jager hatte im Februar gemeinsam mit über 400 anderen Wissenschaftlern einen offenen Brief gegen Altersverifikation unterschrieben. Neben seiner allgemeinen Kritik an der Altersverifikation sieht Jager auch konkrete Probleme bei der EU-App. So ließen sich die Versprechen auf Nutzerfreundlichkeit und höchste Privatsphärestandards bislang nicht einlösen. Außerdem verlasse sich die EU auf Technik, die nicht aus Europa stamme, und mache das Ganze zudem vorerst nur für Apple- und Google-Geräte zugänglich: "Damit wird die digitale Souveränität nicht verbessert. Ganz im Gegenteil: Bestehende Abhängigkeiten werden noch weiter zementiert." Jager kritisiert, dass die Suche nach einer rein technischen Lösung für Kinderschutz im Netz ein Irrweg sei. Der beste Ansatz, um effektiven Kinderschutz zu erreichen, sei eine "Digitale Verkehrserziehung" für das Internet, so Jager: "Kinderschutz entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Kompetenz und Verantwortung." Judith Simon, Professorin für Ethik in der Informationstechnologie, sieht noch einen weiteren Kritikpunkt. Sie weist darauf hin, dass die Geschäftsmodelle digitaler Plattformen allen Nutzern schaden, nicht nur Kindern: "Die Kommission sollte also alle Hebel des Digital Services Act (DSA) und anderer Instrumente nutzen, um digitale Umgebungen insgesamt besser und sicherer zu machen. Dann bräuchte man auch weniger Barrieren, um Kinder und Jugendliche von Angeboten fernzuhalten." Der DSA ist eines der zentralen Gesetze, mit dem die EU das Internet besser regulieren möchte. Es macht vor allem großen Online-Plattformen strenge Vorgaben, wie die Risiken der Angebote reduziert werden müssen. Tun die Anbieter das nicht, drohen ihnen hohe Geldstrafen. Weil die Verfahren gegen die Techkonzerne aber sehr lange dauern, lässt sich noch nicht abschätzen, wie wirksam das Gesetz in der Praxis tatsächlich ist. Immer wieder kritisieren Fachleute und zivilgesellschaftliche Organisationen außerdem, dass Altersnachweise, die auf Ausweisdokumenten basieren, die Menschen ausschließt, die keine gültigen Papiere haben. Viele Kritiker befürchten außerdem, dass Techkonzerne weniger gefährliche Inhalte von ihren Plattformen entfernen würden, wenn sie davon ausgehen könnten, dass Kinder sie nicht zu Gesicht bekommen - und das, obwohl der Altersschutz leicht umgangen werden kann und auch viele Erwachsene diese Inhalte nicht sehen möchten. Der Weg zu einem sicheren Internet für alle ist also noch weit. Ob Alterskontrollen und Social-Media-Verbote hierbei wirklich eine Hilfe sein können, ist nach Ansicht von Fachleuten völlig offen. Dass sie das Internet, wie wir es heute kennen, grundlegend verändern würden, steht hingegen fest.

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