Wien (KNA) Österreichs öffentlich-rechtlicher Rundfunk ORF steckt weiter in der Krise. Symptomatisch dafür steht der Rücktritt von Thomas Prantner: Der ehemalige Pressesprecher und Leiter der Hauptabteilung Online und neue Medien des ORF hatte den Sender 2022 verlassen, war aber im Januar 2025 in neuer Funktion als Mitglied des ORF-Stiftungsrats für die Steiermark zurückgekehrt. Der 35-köpfige Stiftungsrat ist das oberste Gremium des Senders und damit in etwa mit den Rundfunkräten der ARD oder dem ZDF-Fernsehrat vergleichbar. Prantner legte am Dienstag dieser Woche sein Mandat nieder - als erstes Mitglied des obersten Kontrollgremiums angesichts der aktuellen Vorwürfe. Im Raum stehen Machtmissbrauch, sexistische Äußerungen gegenüber einer Mitarbeiterin und, wie interne Dokumente nahelegen, die jahrelange Weitergabe von Personalwünschen der Rechtsaußenpartei FPÖ während Prantners über 20-jähriger Tätigkeit beim ORF. Das Grundproblem liegt im System: Die 35 Mitglieder des Stiftungsrats, der unter anderem für die Berufung des ORF-Generaldirektors und alle weiteren Personalentscheidungen auf Führungsebene zuständig ist, werden nicht unabhängig gewählt, sondern von den österreichischen Bundesländern und Parteien entsandt. Das Gremium ist damit deutlich politischer besetzt als die Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland: 24 Sitze im Stiftungsrat werden von der österreichischen Bundesregierung, den Parteien im Nationalrat sowie den Landesregierungen der österreichischen Bundesländer vergeben. Für Prantner trug der steirische Landeshauptmann Mario Kunasek (FPÖ) die politische Verantwortung. Nach wochenlangem Zögern konfrontierte er ihn mit der Frage, ob er das Amt noch uneingeschränkt ausüben könne, was Prantner verneinte. Kunasek kündigte nun an, sich für eine gesetzliche Abberufungsmöglichkeit von Stiftungsräten einzusetzen. Prantner selbst sieht sich als Opfer einer politischen Kampagne. Es ist das jüngste Kapitel einer Krise, die sich seit nunmehr zwei Monaten entlädt. Es geht um sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte, ein insgesamt zermürbendes Betriebsklima und vor allem um die strukturelle Einflussnahme der Politik auf Redaktionen. 600 der insgesamt etwa 4.000 ORF-Beschäftigten wandten sich vergangene Woche unter dem Motto "Nicht mit uns" in den Sozialen Medien und auf einer Website dagegen: "Wir wollen uns nicht für Skandale und Missstände rechtfertigen müssen, mit denen wir nichts zu tun haben", heißt es dort. Am 7. Mai folgte die nächste Stufe: Unter dem Motto "Mit uns" meldeten sich zahlreiche ORF-Mitarbeiter erneut zu Wort - diesmal mit konkreten Forderungen für einen besseren ORF. Dazu gehört, Konsequenzen aus dem Machtmissbrauch zu ziehen, die Ablösung der politisch besetzten Stiftungsräte durch unabhängige Expertinnen und Experten, transparente Gehaltsstrukturen und transparente Kriterien bei der Vergabe von Führungspositionen. Anders als beim ersten Aufruf werden die Unterzeichnenden nun auch namentlich genannt. Es ist eine der größten koordinierten Aktionen in der Geschichte des Senders und Zeichen dafür, wie tief das Vertrauen in die Führung erschüttert ist. Schon zuvor sprach der Redaktionsausschuss, also die gewählte Vertretung der ORF-Redaktionen, eine Misstrauenserklärung gegen vier Stiftungsräte aus, von denen mit Prantner nun der erste zurücktrat. Die Krise nahm ihren Anfang mit dem Rücktritt von Generaldirektor Roland Weißmann Anfang März. Eine Mitarbeiterin warf ihm vor, sie 2022 sexuell belästigt zu haben. Weißmann wies die Vorwürfe zurück und sprach von einer freiwilligen Beziehung, doch die Stiftungsratsvorsitzenden drängten ihn erfolgreich zum Rücktritt. Eine interne Compliance-Prüfung stellte mittlerweile fest, dass sexuelle Belästigung "im rechtlichen Sinn" nicht vorliege. Weißmann, der bei seiner Wahl an die ORF-Spitze als Lieblingskandidat der konservativen ÖVP galt, wurde dennoch auch als einfacher ORF-Mitarbeiter gekündigt, da Führungskräfte auch den Anschein eines unangemessenen Verhaltens zu vermeiden hätten. Er klagt gegen die Kündigung und macht Ansprüche von knapp vier Millionen Euro gegen den ORF geltend. Weißmanns bis Ende 2026 gewählte Nachfolgerin Ingrid Thurnher versprach lückenlose Aufklärung, diese lässt aber weiter auf sich warten. Kurz nach Weißmanns Kündigung wurde auch Oliver Böhm, Chef der Werbevermarktungstochter ORF Enterprise und mit einem Jahresgehalt von rund 349.000 Euro einer der bestbezahlten Manager des Hauses, beurlaubt. Eine Compliance-Untersuchung wurde eingeleitet. Details sind bislang öffentlich nicht bekannt. Auch Peter Schöber, Geschäftsführer von ORF 3, dem Kultur- und Info-Kanal des ORF, sieht sich mit einem breiten Vorwurfskatalog konfrontiert: destruktives Führungsverhalten, Mobbing, Einschüchterung, sexuelle Belästigung. Mehr als 50 Mitarbeitende machten bei einer internen Compliance-Prüfung entsprechende Aussagen, der Betriebsrat erklärte, die Vorwürfe hätten sich "großteils bestätigt". Recherchen legen zudem nahe, dass Schöber auch mehrfach redaktionell gegen Vorschriften verstoßen haben soll. Für eine ORF-Dokumentation über den früheren niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) soll der ÖVP-nahe Bauernbund den Großteil der Kosten übernommen haben - ohne dass dies vom Sender transparent gemacht wurde. Ähnlich gelagert ist der Fall des früheren Leiters des ORF-Landesstudios Niederösterreich, Robert Ziegler. Unter seiner Führung sollen Journalisten über Jahre systematisch angehalten worden sein, Parteien unterschiedlich zu behandeln - zulasten der Opposition, zugunsten der regierenden ÖVP. Ziegler musste als Studioleiter 2023 gehen, erhielt aber prompt eine andere Führungsrolle und leitet heute in der Abteilung Corporate Social Responsibility den Bereich "Barrierefreiheit und Inklusion". Alle Genannten bestreiten die Vorwürfe. Auch beim Ex-Generaldirektor bleiben weiterhin offene Fragen. Da der vollständige Sachverhalt lange unbekannt blieb, konnte sich Weißmann in Hintergrundgesprächen und Zeitungsinterviews als Betroffener inszenieren, während die anonym bleibende ORF-Mitarbeiterin keine vergleichbare Öffentlichkeit hatte. Erst als die betroffene Frau dem Wiener Stadtmagazin "Falter" Details zuspielte, änderte sich das Bild. Die teilweise intimen Nachrichten zeigen, wie Weißmann die Mitarbeiterin wiederholt bedrängte, obwohl sie ihn in mehreren Fällen deutlich zurückwies. Diese Berichterstattung war für den "Falter" eine Gratwanderung. Seine Redaktion kam zu dem Schluss, dass eine Veröffentlichung geboten sei: Wer selbst an die Öffentlichkeit trete und dabei eine andere Person belaste, könne sich nicht auf den Schutz seiner Privatsphäre berufen. Zudem stelle Weißmann nun Forderungen über Schadenersatz und Lohnfortzahlung in Millionenhöhe, die am Ende von der Allgemeinheit bezahlt werden müssten. Weißmanns Anwalt klagt und will die Herausgabe des Materials erzwingen, der "Falter" pocht auf das Redaktionsgeheimnis. Eine gerichtliche Entscheidung steht noch aus. Parallel ermittelt die Staatsanwaltschaft Wien gegen die ORF-Mitarbeiterin und ihren Anwalt wegen des Verdachts auf schwere Erpressung. Für alle Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung. Österreichs Medienminister Andreas Babler (SPÖ) hat unterdessen eine Reformdebatte für den ORF angestoßen: Im August sollen Bürgerinnen und Bürger eingebunden werden, für September plant er ein Expertenforum. Doch bereits vorher werden erneut Fakten geschaffen: Der Stiftungsrat - dessen parteipolitische Konstruktion im Zentrum der gesamten Debatte steht - soll bereits am 11. Juni bestimmen, wer ab 2027 den ORF als Generaldirektor führt. Was in Wien gerade aufbricht, ist dabei kein österreichisches Spezifikum. Der RBB-Skandal um die frühere Intendantin Patricia Schlesinger zeigte ab 2022 ein fast deckungsgleiches Muster: Eine Führungsfigur nutzte strukturelle Kontrollschwäche, ein eigentlich für die Kontrolle zuständiges Gremium schaute zu lange weg, interne Compliance-Strukturen versagten. Das strukturelle Grundproblem ist in beiden Fällen dasselbe - und auch die Ideen, wie hier am besten Abhilfe zu schaffen ist, ähneln sich: Der Zukunftsrat für ARD, ZDF und Deutschlandradio empfahl schon 2024 ausdrücklich, die Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stärker mit fachlich qualifizierten, parteifernen Fachleuten zu besetzen - exakt dieselbe Forderung, die der ORF-Redaktionsausschuss nun in Wien erhebt.