Berlin (KNA) Ungeheuer viele Filme drehen die Berliner Dokumentarfilm-Produzenten Dietmar Post und Lucía Palacios nicht. Kein Dutzend Titel umfasst der Katalog ihrer seit über 20 Jahren aktiven Produktionsfirma Play Loud!. Dafür besitzen ihre sorgfältig produzierten Low-Budget-Filme eine lange Halbwertzeit. "Monks - The Transatlantic Feedback" über die weniger bekannte, aber international einflussreiche amerikanisch-deutsche Rockband der 1960er Jahre, 2008 mit dem Grimme-Preis prämiert, stößt weiter auf Interesse in der Nische. Genauso der Film "Deutsche Pop Zustände" - weil es darin um rechtsradikale Popmusik geht, die leider weiter an Bedeutung gewinnt. Der "Disco-Queen" Donna Summer, deren Karriere einst in München begann, gilt ein anderer ihrer Musikdokus. Post und Palacios verfolgen so die Idee des Aufbewahrens und "Archivierens", damit musikalische Ausdrucksformen nicht in Vergessenheit geraten, sagen sie. Der aktuelle Titel "Mona Mur in Conversation" entstand 2024 und läuft mitunter noch in Programmkinos. Wie die Hamburger Musikerin Mona Mur über ihre bewegte Karriere zwischen Underground, Beinahe-Star-Status in unterschiedlichen Popmusik-Genres und "nicht-linearem Komponieren" für Computerspiele berichtet, in das sie früh einstieg, entwickelt ungeahnte Sogwirkung. Und wann kommt der Film ins Fernsehen, in dem die meisten deutschen Dokumentarfilme schon wegen öffentlich-rechtlicher Auftrags- oder Koproduzenten eher früher als später landen? "Mona Mur in Conversation" entstand ohne Senderbeteiligung oder Filmförderung, auch weil Regisseur Post formal rigide ist. "Geskriptete Filme", für die schon vorm Dreh abgenommene Drehbücher vorgeben, was zu sehen sein soll, dreht er nicht, sondern akribisch vorbereitete, "suchende Dokumentarfilme". Gegen den "Soundbrei" aus Untermalungsmusik, der im Fernsehen fast immer tönt, verwahrt er sich, findet dagegen, dass es in einem "Rock'n' Roll-Film manchmal krachen" muss. Das Mur-Projekt hätten sowieso alle abgelehnt, glaubt er; Filme über nicht richtig prominente Personen zu verwirklichen sei "unglaublich schwer" geworden. Und bei Auftragsproduktionen drängten öffentlich-rechtliche Sender inzwischen darauf, ohne zusätzliche Bezahlung die Online-Rechte "für immer und ewig" zu erhalten, kritisiert Post. Die Frage nach diesen langfristigen Rechten ist Regisseure und Autoren wie ihn besonders wichtig. Gerade weil die Filme lange wirken. Wie Möglichkeiten des Internets sich nutzen lassen, um ambitioniertes Filmschaffen zu fairen Konditionen zum Abruf anzubieten, "dieses Thema treibt uns seit Jahren um", sagt Post dem KNA-Mediendienst. Weil Palacios Spanierin ist, wissen die beiden, dass sich in Spanien nicht zuletzt dank EU-Förderung das Portal Filmin (filmin.es) etablieren konnte. Neben Amazon Prime sind ihre Filme auch dort zu sehen. Produzenten können hier zumindest zeitweise eigene Filme hochladen und zur Online-Leihe anbieten. Von den Einnahmen erhielten sie einen "vergleichsweise fairen Anteil", meint Post. Bei Apples "iTunes" und auf Youtube, dem größten Videoportal, das zum Google-Konzern gehört, sind solche Modelle ebenfalls möglich. Doch benötigt, wer nur wenige Filme anbieten kann, dort Aggregatoren, die Pakete aus hunderten Titeln schnüren und im Gegenzug weitere Teile der im großen Wettbewerb natürlich eher geringen Einnahmen einbehalten. Durch so viele Zwischenhändler und "Nadelöhre" rechnen sich solche Vermarktungsmodelle für Filmschaffende wie Palacios und Post meist nicht. Die Ausschüttungen seien oft "schlimmer als beim Musik-Streaming" von Spotify und Co., über deren Höhe sich Musiker oft beklagen. Da Post selber auch ein Musik-Label betreibt, kennt er sich aus. Wie ein "Licht am Ende des Tunnels im Meer der kommerziellen Anbieter" erscheint ihm daher der schon 2017 in Berlin gestartete deutsche Streamingdienst Filmfriend (filmfriend.de). Hierbei handelt es sich um ein Portal von und für öffentliche Bibliotheken, das die Potsdamer Firma Filmwerte gestaltet. Und hier sind "Mona Mur in Conversation" und fünf weitere Play-Loud!-Filme seit kurzem für zunächst drei Jahre zu sehen. Kreativen wie ihnen biete Filmfriend pro gestreamter Stunde eine "wesentlich höhere Lizenzauszahlung" als die meisten anderen Wettbewerber, sagt Post. Verfügbar ist Filmfriend derzeit eigenen Angaben zufolge in mehr als 800 Bibliotheken im deutschsprachigen Raum. Theoretisch liege die Reichweite bei rund fünf Millionen Nutzerinnen und Nutzern eben dieser Bibliotheken, sagt Filmwerte-Geschäftsführerin Jacqueline Röber. "Wie bei allen Bibliotheksdiensten wird dieses Potenzial natürlich nicht vollständig ausgeschöpft". Die Zahl tatsächlich streamender Nutzer liege aber im deutlich sechsstelligen Bereich. Einerseits wissen noch längst nicht alle, die in den Bibliotheken sich Bücher ausleihen, von dem Angebot. Andererseits kann der Streamingdienst mit aktuellen Blockbustern, die Wettbewerber wie Disney+, Netflix und Co. selber produzieren oder teuer einkaufen, um Kunden zu locken, natürlich nicht punkten. Schließlich stammt das Budget im Kern aus Töpfen, mit denen Stadtbibliotheken einst Videokassetten beschafften und bis heute DVDs ankaufen. Ein Unterschied zur Ausleihe dieser allmählich aussterbenden Speichermedien: Bei Filmfriend partizipieren Filmschaffende wie Dietmar Post am "Erfolg", also pro Stream. Aktuell stößt man bei Filmfriend auf knapp 4.000 Filme und 222 Serien. Das Angebot wächst laut Röber jährlich um rund 400 neue Titel. Stark vertreten sind europäische Produktionen, auch wenn US-amerikanische Titel wie "Dallas Buyers Club" mit Matthew McConaughey und "Weird - Die Al Yankovic Story" mit Daniel Radcliffe und Evan Rachel Wood gerade ebenso zu sehen sind wie der deutsche Kinofilm "Cranko" mit Sam Riley in der Rolle des Ballett-Choreografen und Benjamin Heisenbergs Jugendfilm "Der Prank - April, April!". Neben Spielfilmen und Klassikern aller Genres aus allen Kontinenten finden sich auch Kurzfilme und ambitionierte Dokumentarfilme - also im Prinzip das, was üblicherweise in Programmkinos läuft und bei kommerziellen Streamingportalen wie auch in öffentlich-rechtlichen Mediatheken zwar mitunter zu finden ist, in der Fülle des Angebots aber gerne mal untergeht. Kurzum: Vor allem für Filmfreunde, die gerne Programmkinos besuchen, kann es sich lohnen, das informativ präsentierte und gut durchsuchbare Angebot mal durchzuklicken. Schon, weil es im für Erwachsene preiswerten und für Kinder und Jugendliche meist kostenlosen Bibliotheks-Mitgliedsausweis oft sogar bereits enthalten ist.