Bad Kreuznach (KNA) Eigentlich wollte Helga Handke sich gar nicht ehrenamtlich engagieren, als sie 2018 gefragt wurde, ob sie Digitalbotschafterin für ältere Menschen werden will. Dann ließ sie sich aber doch überzeugen, berichtet sie dem Publikum, das sich am Montagabend in der Kreisverwaltung im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach zusammengefunden hatte. "Als ich gemerkt habe, wie viel ich selbst dabei lerne, habe ich schnell Blut geleckt", so Handke. Seit acht Jahren bildet die Mainzerin nun andere ältere Menschen für die Bedienung von Smartphones, Tablets und Co. aus - und ist inzwischen darauf spezialisiert, absoluten Anfängern in drei Monaten die Grundlagen ihres Handys näherzubringen. "Am Anfang macht dieses diffuse Teufelszeug Internet vielen Menschen Angst", so Handke. Genau deshalb ist sie auch gerne am Start, als die Landesmedienanstalt Rheinland-Pfalz zum Auftakt ihres Modellprojekts DiBiWohn+ eingeladen hat. Ziel des Projekts ist es, digitale Teilhabe in Pflegeeinrichtungen zu fördern. In den kommenden zwei Jahren soll in mehreren Häuser in Bad Kreuznach und Umgebung getestet werden, mit welchen Formaten und Angeboten man Senioren am besten an das Internet und die Technik heranführen kann. Die Medienanstalt in Rheinland-Pfalz engagiert sich schon lange im Bereich digitale Teilhabe für Senioren. Helga Handke ist nur eine von 700 Digitalbotschaftern, die dafür sorgen sollen, dass ältere Menschen die Angst vor dem Smartphone verlieren, erklärt Marc Jan Eumann, Direktor der Medienanstalt: "Medienkompetenz ist Voraussetzung für Teilhabe, und Teilhabe ist Voraussetzung für Demokratie." Deshalb sei es so wichtig, auch älteren Menschen den Zugang zur digitalen Welt zu ermöglichen, die immer mehr Bereiche des Alltags erreiche. Das gelingt immer besser, kann Linda Göbel berichten. Die Forscherin von der Katholischen Hochschule Freiburg begleitet das neue Projekt wissenschaftlich. Eine Umfrage aus dem Jahr 2024 habe gezeigt, dass 87 Prozent der über 60-Jährigen schon online seien. Bei den über 80-Jährigen seien es aber nur noch 62 Prozent. Dabei könnten gerade auch hochbetagte Menschen von der Digitalisierung profitieren, so Göbel. Wer nicht mehr mobil sei, könne Kontakte über Soziale Medien aufrechterhalten oder neu aufbauen. Smart-Home-Anwendungen könnten es möglich machen, dass alte Menschen länger zu Hause wohnen können - und digitale Gesundheitsdienste entlasten das Pflegesystem entlasten. Doch dafür reiche es nicht, wenn die Enkel Oma und Opa ein Smartphone kaufen würden, erklärt die Wissenschaftlerin. Neben der Ausstattung mit den entsprechenden Geräten müssen die Senioren diese dann auch wirklich nutzen. Sie müssen die Kompetenz dafür entwickeln und die Technik in ihren Alltag integrieren. Überhaupt, die Enkel, auf die ist Digitalbotschafterin Handke gar nicht so gut zu sprechen: "Oft bin ich bei Menschen, die mir sagen, dass irgendetwas am Smartphone, das die Enkel gekauft haben, nicht mehr funktioniert. Dann gehe ich in die Einstellungen und sehe, dass das so alt ist, dass es gar keine Sicherheitsupdates mehr dafür gibt." Die Erfahrung zeigt, dass Senioren besser von anderen älteren Menschen in ihrer eigenen Altersgruppe lernen. "Die Menschen müssen wissen, dass sie nicht dümmer sind als andere", sagt Handke. Wer als Anfänger zu einem Gruppenangebot komme, habe oft nicht das größte Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, viele würden denken, dass sie das nie lernen können, ärgert sich die Digitalbotschafterin. "Es ist wie eine fremde Sprache, das dauert seine Zeit." Entscheidend für den Lernprozess sei dafür vor allem eine Sache, so Handke: "Es muss Spaß machen." Mit ihren Schützlingen versuche sie, eine App pro Woche kennenzulernen, die Spaß macht, etwa die App Flora incognita zur Pflanzenbestimmung, die sich für Hobbygärtner und Naturbegeisterte eignet. Im Elisabeth Jaeger Haus, einer Pflegeeinrichtung der Diakonie in Bad Kreuznach, die am Modellprojekt DiBiWohn+ teilnimmt, sieht man das genauso. "Ich wusste, dass wir eines Tages mit der digitalen Welt anfangen müssen", berichtet Amina Galette, Leiterin der sozialen Betreuung im Haus. Dass sie mit ihren digitalen Angeboten aber in den vergangenen Jahren einen solchen Erfolg haben würde, hätte sie nie gedacht. "Am Anfang war es wirklich schwierig. Wer sich noch nie mit dem Internet beschäftigt hat, den müssen Sie ganz langsam ranführen und den Menschen vermitteln, dass es kein richtig und falsch gibt und dass jeder etwas kann", so Galette weiter. Dafür habe man auch Menschen erstmal einzeln in ihrem Zimmer, in einer geschützten Umgebung, an die Technik herangeführt, bevor diese sich getraut hätten, an den Gruppensitzungen teilzunehmen. "Irgendwann wurden die Gruppen aber immer voller", berichtet Galette. Gemeinsam streifen die Senioren, die oft keine weiten Reisen mehr unternehmen können, dann etwa durch die Satellitenbilder von Google Earth und erkunden so digital neue Welten oder besuchen Orte ihrer Kindheit oder Jugend. Angebote, die auch im neuen Modellprojekt eine Rolle spielen sollen, erklärt Frank Frühauf, stellvertretender Versammlungsvorsitzender der Medienanstalt und Oberbürgermeister der rheinland-pfälzischen Gemeinde Idar-Oberstein: "Digitalisierung soll dazu beitragen, älteren Menschen mehr Lebensqualität zu ermöglichen. Die Voraussetzung dafür ist, dass sie menschlich gestaltet ist." Es reiche nicht, nur die technische Infrastruktur zu schaffen, damit Senioren das Internet nutzen können, so Frühauf weiter. Sie bräuchten auch Orientierung, Befähigung und Medienkompetenz, um die Technik selbstbestimmt einsetzen zu können. Ein Ziel des Modellprojekts: persönliche Nähe mit den Möglichkeiten der digitalen Welt verbinden. Die digitale Weiterbildung von Senioren soll dabei menschliche Kontakte nicht ersetzen. Im Gegenteil: Das gemeinsame Lernen helfe auch gegen Einsamkeit, ist Frühauf überzeugt. Im Modellprojekt soll es neben der Vermittlung von Digitalkompetenz deshalb auch um Themen wie Nachbarschaftshilfe gehen. Es geht darum, Kontakt mit dem Wohnumfeld aufzubauen, Unterstützung im Alltag zu finden. Das kann auch Helga Handke nur bestätigen: "In einigen meiner Gruppen sind Verbindungen entstanden. Die bleiben dann auch darüber hinaus in Kontakt - und das ist gut gegen Einsamkeit."