Straßburg (KNA) Im März 2023 verschwand eine der größten Banken Europas und des deutschsprachigen Raums quasi über Nacht von der Bildfläche. Hals über Kopf wurde die Zürcher Credit Suisse mit dem ebenfalls schweizerischen Rivalen Union de Banques Suisses (UBS) verschmolzen. Mit den zahlreichen Skandalen, die diesem Schritt vorausgingen, befasst sich der vom ZDF koproduzierte, nun bei Arte erstausgestrahlte 90-minütige Dokumentarfilm "Gier - Der Fall der Credit Suisse". Ursprünglich firmierte die Bank vor allem unter ihrem deutschen Namen. Ob die Manager der "Schweizerischen Kreditanstalt" später die kürzere französische Version bevorzugten, weil die Abkürzung "SKA" zu oft für Zeitungsschlagzeilen mit dem Wort "SKAndal" verwendet worden war? Denn die Bank geriet schon in den 1970er Jahren in die Kritik. Damals erzielte sie vor allem in ihrer Tessiner Filiale in Chiasso gewaltige Gewinne dank dubioser Einzahlungen aus Italien. Darüber berichten im Film Zeitzeugen wie Richard Chandler, der mit seiner 1971 bei der SKA abgeschlossenen Banklehre nach eigenen Angaben "langjährigster Vollzeit-Mitarbeiter" der untergegangenen Bank war. Wie bei anderen Schweizern werden seine schwyzerdütschen Aussagen hochdeutsch eingesprochen. Das irritiert auf der einen Seite, fördert andererseits aber auch Interessantes zutage. Den Begriff "Mülleimergesellschaft" etwa verwendet ein italienischsprachiger damaliger Staatsanwalt aus Chiasso auf deutsch. So hieß das, was heutzutage Briefkastenfirma genannt wird und damals gerne im kleinen Nachbarland Liechtenstein stattfand. Wiederholt begegnen einem Schweizer, die auch in Deutschland prominente Positionen bekleideten. Roger Schawinski etwa, einige Jahre Chef des Fernsehsenders Sat.1, hatte zuvor als Chefredakteur der Zeitung "Die Tat" über frühe SKA-Skandale berichtet. Als die Credit Suisse später von London aus ins internationale Investmentbanking mit seinen noch viel höheren Gewinn-Versprechen einstieg, leitete sie zeitweise Josef Ackermann, der später als Vorstandschef zur Deutschen Bank ging. Über die später von ihr übernommene US-amerikanische Bank First Boston erzielte die Credit Suisse zunächst tatsächlich noch gewaltigere Gewinne. Ihre oftmals wechselnden, zunehmend internationalen Chefs gingen vor allem deshalb noch immer größere Risiken ein, weil die Manager stets - selbst in Verlustphasen - horrende Boni kassierten. Auf den Deutschen Oswald Grübel, der Anfang der 2000er Jahre die Credit Suisse mehr oder weniger saniert hatte, folgten der US-Amerikaner Brady W. Dougan, der in der Finanzkrise 2007 auf katarische Geldgeber statt auf Staatshilfen setzte, und "der Obama von Zürich", Tidjame Thiam, um den sich Napoleon- und Caesar-Vergleiche sowie Spionageskandale ranken. Beim 2016 publik gewordenen "Tuna Bonds-Skandal" in Mosambik offenbaren sich aber die Schwächen des flott montierten Dokumentarfilms. Allerhand auf Emotionalisierung setzende Bilder aus dem südwestafrikanischen Staat werden gezeigt. Doch wie genau vermeintliche Gas-Geschäfte und tatsächliche Bestechung abliefen und wie diese mit dem durch islamistische Terroristen verschärften Bürgerkrieg zusammenhingen, bleibt eher unklar. Hier hat "Gier - Der Fall der Credit Suisse" eine zu europa- oder eher noch schweiz-zentristische Perspektive. Zwar tauchen im hochtourigen Verlauf zahlreiche Anknüpfungspunkte an internationale Bankenskandale auf. Doch je mehr der Film sich der finalen "Todesspirale" der Credit Suisse ab 2016 nähert, desto mehr fokussiert er sich auf spezifisch schweizerische Fragen. Zum Beispiel die, ob die als staatliche Notfallmaßnahme deklarierte Übernahme der Skandal-Bank durch die UBS im Frühjahr 2023 womöglich von längerer Hand geplant war, um einen Einstieg des US-amerikanischen Finanzkonzerns Blackrock zu verhindern. Einstige und heutige Unterschiede des schweizerischen Bankensystems zu dem in Deutschland oder im Rest der EU werden nicht erklärt. Und aktuelle Fragen wie die, ob die fusionierte Bank nun eine "Monster-Bank" darstellt, wie die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb, oder heute doch ohne größere Skandale auf sicheren Füßen steht, spielen keine Rolle. Hier hätte man sich in einer internationalen Koproduktion zu wichtigen Bausteinen des sich globalisierenden Bankensystems ein paar grundsätzlichere Einordnungen und Ausblicke gewünscht. Unterhaltsame Einblicke in die jüngere Vergangenheit des Nachbarlandes und seines weiterhin international bedeutsamen Bankwesens liefert der Film aber dennoch.