36. Filmfest Emden Norderney - Mit Friesentee und Fischbrötchen gegen Faschismus

Von Steffen Grimberg (KNA)

FESTIVAL - Zwischen Fischbrötchen, Filmkunst und politischer Debatte zeigte das Filmfest Emden-Norderney seine ganze Stärke: ein publikumsnahes Festival mit herausragenden Filmen, großen Gästen und klaren Botschaften für die Demokratie.

| KNA Mediendienst

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36. Filmfest Emden Norderney

Foto: Niklas Kusche/Filmfest Emden Norderney/KNA

Emden (KNA) "Wenn man sich hier umschaut, kommt man sich vor wie irgendwo zwischen Cannes, Hollywood und einer großen ostfriesischen Familienfeier", meinte vergangenen Sonntag bei der Preisverleihung Emdens parteiloser Oberbürgermeister Tim Kruithoff. Womit das Internationale Filmfest Emden-Norderney ziemlich präzise beschrieben wäre. Zum 36. Mal versammelte es vom 3. bis 10. Juni deutsche und internationale Gäste, aber vor allem eben das lokale Publikum zu Film, Friesentee und Fischbrötchen. Wer das als provinzielles Idyll rund 40 Kilometer vor der offenen Nordsee abtut, liegt allerdings absolut falsch. Von einem der wohl bislang besten und erschütterndsten Filme zu Big Tech und Social Media (Marc Silvers "Molly VS THE MACHINES") über Marie-Héléne Roux' "Muganga" über den kongolesischen Arzt und Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege und seine Klinik für Frauen, die Opfer sexueller Gewalt in der Demokratischen Republik Kongo geworden sind, bis zu "Modern Whore" von Nicole Bazuin und Andrea Wehrhun, der um Wehrhuns eigene Erfahrungen als Sexarbeiterin, Stripperin und Schriftstellerin sowie die gesellschaftliche Stigmatisierung kreist, boten in diesem Jahr vor allem die dokumentarischen und semidokumentarischen Beiträge ein enorm starkes Programm. Der große Gewinner war am Ende "Muganga". Im fiktionalen Bereich setzte "Staatsschutz" von Faraz Shariat Maßstäbe. Der Stoff um Staatsanwältin Seyo Kim, die Opfer eines rassistischen Anschlags wird und gegen alle Widerstände die Ermittlungen selbst übernimmt, gehört formal natürlich ins Genre Policier. Doch dieses kleine Fernsehspiel des ZDF sprengt in jeder seiner 13 Minuten die Grenzen des 90-Minüters von der Stange. Das Rennen machte dann aber George Jaques' Film "Sunny Dancer", eine berührende Selbstermächtigungsgeschichte, die in einem Feriencamp für krebskranke Kinder- und Jugendliche spielt. Aber natürlich setzt Emden nicht nur auf den Problemfilm, es ist ein Publikumsfestival durch und durch. Schließlich entscheidet von einer Ausnahme abgesehen das Publikum per Abstimmung nach jedem Film über die zu vergebenden Auszeichnungen. Was keinesfalls zum Waten im seichten Priel führt. Denn auch die etwas gefälligeren, leichter zugänglichen Stoffe haben bei diesem Festival immer ein bisschen mehr Wasser unter dem Kiel als der Durchschnitt. David Gleesons "Once Upon a Time in a Cinema" erzählt von der Liebe zum Kino in einer verarmten irischen Kleinstadt zur Zeit des aufgehenden Videokassetten-Stars Mitte der 1980er Jahre mit einer solchen Präzision, dass man das Popcorn wie die Zigaretten aus dem damals noch nicht rauchfreien Parkett auch im vollklimatisierten Emder Cinestar riechen kann. Auch "Trad" (Buch und Regie Lance Daly), ein Film über die traditionelle Musik mit Pipe & Fiddle, entführt auf die grüne Insel und in das zwiespältige Verhältnis einer jungen, überaus talentierten Musikerin zur traditionellen irischen Musik. Während Reem Khericis "Chéri, ich komme - Die Erfindung der Lust" um die - übrigens reale - Geschichte der Erfindung eines erfolgreichen Sexspielzeugs durch einen perfektionistischen Ingenieur in den besten Jahren beste Unterhaltung für einen leicht verregneten Sonntagnachmittag bot. Der Eröffnungsfilm "Sommer auf Asphalt" gehört ebenfalls in diese Kategorie. Christoph Maria Herbst spielt hier den an einem Gehirntumor erkrankten Vater Bert, der plötzlich bei seiner als Fahrradkurierin arbeitenden Tochter Valeska vor der Berliner Tür steht. Als die einen Unfall hat und absteigen muss, übernimmt Bert ihr Rad und ihre Touren. Das basiert auf dem Pedalritter-Epos "Pedalpilot Doppel Zwo" von Wolf Schmid, hat aber die Vater-Sohn-Geschichte zur ein bisschen traurigen Vater-Tochter-Komödie gemacht und von der Elbe an die Spree verlegt. In Emden gab es dafür ein bisschen übertrieben Standing Ovations, aber es war ja auch Festival-Auftakt, und vom um keinen schiefen Witz verlegenen Trupp um die Festivalleitung Birgit Momberger und Edzard Wagener bekam Mala Emde schon vor dem Film das fehlende "N" in Form eines großen Luftballons verpasst, den - wie der Einspielfilm zum Gag zeigte - niemand Geringeres als Oberbürgermeister Kruithoff höchstselbst aufgeblasen hat. Emden muss man einfach liebhaben. Denn es bleibt ja nicht bei den Filmen. Auch die Macherinnen und Macher bleiben möglichst lange in der Stadt oder pendeln zur "Festivalinsel" Norderney, auf der die meisten Beiträge im mondänen Kurtheater laufen, das sich einst ein längst verblichener König von Hannover in seine Sommerfrische hatte bauen lassen. Das erleichtert den Kontakt untereinander, auch ganz ausdrücklich über die Branchenblase hinweg. Bei wohl keinem Festival sonst ist durch die "Mitternachtstalks" im Grand Café, Film-Tees - bei den in Emden ebenfalls traditionellen "London Shorts" natürlich mit Scones und Clotted Cream - oder an der leider häufig geschlossenen Hotelbar der Austausch zwischen Kreativen und Publikum so eng. Während der Festivalwoche lebt die Stadt ihr Festival, lokale Unternehmen stiften den Großteil der Preisgelder und mit dem Emder Drehbuchpreis hat das Festival eine Institution, mit der maximal der Emder Matjes noch mithalten kann. Seit über zehn Jahren stiftet ihn der lokale Speditionsunternehmer Jakob Weetz, und er ist mit seinen insgesamt 12.000 Euro Preisgeldern nicht nur einer der höchstdotierten im Lande, sondern mit Blick auf die Erfolgsbilanz der hier prämierten Drehbücher in Fernsehen und Kino einzigartig. Seine vom Grimme-Institut organisierte Jury - in diesem Jahr neben Grimme-Preis-Leiterin Lucia Eskes der "Spiegel"-Fernsehgroßkritiker Christikan Buß, "Angemessen Angry"-Regisseurin Elsa van Damke und der Schauspieler Adnan Mural ("Türkisch für Anfänger") - ging in diesem Jahr noch einen Schritt weiter und prämierte aus einer dichten Bewerber-Shortlist am Ende endlich mal wieder einen Kinder-Stoff. "Furchtbar Göse" von Sarah M. Kempen und Gregor Eisenbeiß verhandelt die ultimative Frage: Was ist gut und was ist böse; und ist böse immer böse oder ist böse auch manchmal gut? Das ist so zeitlos wie ungemein spot-on in einer Welt, die immer mehr verlernt, dass Differenzierung das Kernelement einer funktionierenden, demokratischen Gesellschaft darstellt. Denn bei aller guten Laune schlug auch die aktuelle Lage der Welt und hierzulande auf das Festival durch. Bei einem der Filmtees berichtete der Produzent Ingo Fliess ("Das Lehrerzimmer", "Gelbe Briefe") von der Doppelbödigkeit der deutschen Kultur- und Medienpolitik, die ihm in Gestalt von Staatsminister Wolfram Weimer bei der Berlinale für seine kritischen Anmerkungen zu dessen Interventionen beim Buchhandelspreis sowie zur Filmpolitik vor dem Publikum noch gedankt habe. "Und gleich danach hat sich Weimer bei den Veranstaltern verbeten, mit solch kritischen Tönen konfrontiert zu werden", so Fliess, der in Emden auch die Laudatio auf Florian Lukas, den diesjährigen Träger des Emder Schauspielerpreises, hielt. Und auch OB Kruithoff machte in Emden klar, dass es längst nicht mehr mit Luftballonaufblasen getan ist. Mit Blick auf die Erfolge der AfD und das rauer werdende gesellschaftliche Klima appellierte der parteilose Politiker bei der großen Preisverleihung am Donnerstag: "Weil unsere Freiheit so wertvoll ist, müssen wir sie gegen jeden Extremismus verteidigen. Überlassen wir sie nicht den Faschisten!"

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