Ohne Not die eigene Seele verkauft - Mit der Reform schießt der Deutschlandfunk sich selbst in den Fuß

Von Joachim Huber (KNA)

Mit der geplanten Programmreform bringt sich der Deutschlandfunk um sein Alleinstellungsmerkmal und stellt den künftigen Intendanten vor vollendete Tatsachen, kritisiert KNA-Mediendienstautor Joachim Huber.

| KNA Mediendienst

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DLR-Intendant Stefan Raue und DLF-Chefin Jona Teichmann

Foto: Jann Höfer/Deutschlandradio/KNA

Berlin (KNA) Programmreformen sind im Regelfall Notgeburten. Ein Programm, das an Akzeptanz und Reichweite verloren hat, braucht dringend eine Überarbeitung. Oder die Ressourcen dafür sind knapper geworden. Oder das betroffene Programm muss im Portfolio der Angebote neu justiert werden. Diese und tausend weitere Gründe treffen auf den Deutschlandfunk nicht zu. Das Informationsprogramm des Deutschlandradios sendet im Langzeithoch. Sendeleitung und Redaktionen haben die Reichweite auf 2,5 Millionen Hörerinnen und Hörer täglich steigern können. Sicher, solcher Erfolg kann satt machen, die Verantwortlichen des Deutschlandfunks macht er nervös. Sie sehen den Erfolg nicht als zukunftsfest an, weswegen Programmdirektorin Jona Teichmann gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an einer Reform zimmert. Die bald zweijährigen Arbeiten haben ein (vorläufiges) Ende gefunden, der 30. November ist zum Starttermin bestimmt. Nicht weniger als eine neue, schöne Deutschlandfunk-Welt wird versprochen. Längere Nachrichten, mehr Hintergründe, der "Dialog" mit den Hörern am Vormittag wird auf zwei Stunden verlängert, die Fachredaktionen sollen weiter ein vielfältiges Themenspektrum abdecken, digitale Angebote ausgebaut, Audio und Digitales enger verzahnt, der Reichweiten-Abfall in der Nachmittagsstrecke beseitigt werden. Diese Merkmale gelten den Machern als Garanten von Erneuerung und Erfolg im Futur. Erstaunliches ist seit dem ersten Bekanntwerden der Umbau-Pläne passiert: Protest, Petition, Offene Briefe. Es geht von nachhaltiger Skepsis über tiefes Misstrauen bis hin zu offener Ablehnung. Der Deutsche Journalisten-Verband hat im Verbund mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, dem WWF und weiteren Institutionen gerade die Sorge geäußert, dass mit der stärkeren Bündelung von Inhalten in allgemeinen Informationsformaten und mit den veränderten redaktionellen Abläufen "Themenvielfalt, Fachlichkeit und publizistische Tiefe an Raum verlieren". In der Tat: Schaut man sich das neue Programmschema an, dann sind Fachmagazine wie "Umwelt und Verbraucher", das "Büchermagazin" oder die Mediensendung "@mediasres" verschwunden. Der Deutschlandfunk wird liquider, es geht Richtung "easy listening", um die unschöne Zuschreibung "durchhörbar" zu vermeiden. Es ist den Reform-Eiferern abzunehmen, dass die bislang konzentriert behandelten Themen nicht aus dem Programm eliminiert werden. Allerdings werden Auffindbarkeit und Sichtbarkeit durch die Streuung übers Programm erkennbar ins Saldo geraten. Rätselhaft bleibt, wo da ein Mehrwert für die Nutzer herkommen soll. Nicht minder rätselhaft, warum Orientierung gegen Reichweite eingetauscht werden muss. Die Hörer des Deutschlandfunks schalten wie die Hörer anderer Stationen ein, wenn sie Zeit haben, aber diese Hörer schalten zugleich ein, wenn sie sich Zeit nehmen für ihre in den Fachmagazinen behandelten Interessen. Hier wird mit der Reform ein DLF-Alleinstellungsmerkmal in der Verknüpfung von Aktualität und Tiefenschärfe aufgegeben. Das geschieht ohne erkennbare Not. Der Starttermin 30. November ist bewusst gewählt worden. Denn schon am 3. Dezember wird der Hörfunkrat eine Nachfolgerin/einen Nachfolger für den im nächsten Jahr in Ruhestand gehenden Intendanten Stefan Raue bestimmen. Wer auch immer das Amt übernimmt, wird so vor vollendete Tatsachen gestellt. Und damit von dieser Stelle auch wirklich keine Gefahr droht, hat Amtsinhaber Raue wieder und wieder bekräftigt, dass er bis zu seinem Abschied im August 2027 den Sender regieren wird. Das kann Machtbewusstsein sein, lässt sich aber auch als Unsicherheit über den Erfolg der Reform lesen. Aber all die entschlossene Trotzköpfigkeit kann die DLF-Spitze nicht von der Aufgabe entbinden, die der Hörfunkrat Raue, Teichmann und Co. aufgegeben hat: Das oberste Gremium der Anstalt erwartet nachvollziehbare und messbare Qualitätskriterien, "um die Programmreform transparent evaluieren zu können". Der angestrebte Erfolg muss nachgewiesen werden, seine bloße Behauptung reicht bei weitem nicht. So wird Verantwortung wahrgenommen. Denn auch in der Gremien-Forderung schwingt die Skepsis mit, die - schärfer und radikaler - in Protest, Petition und Offenen Briefen formuliert wird. Ob es die Programmverantwortlichen glauben wollen oder nicht: Die zahlreichen Wortmeldungen kommen nicht aus dem Nörgler-Sektor, sie kommen aus der Gemeinschaft der (Hardcore-)Fans. Sie befürchten, dass der Deutschlandfunk seinen Unique Selling Point preisgibt, und so wird, wie so viele andere Radioprogramme: verwechsel- bis austauschbar. Sollte die Programmreform tatsächlich nicht die gewünschten Erfolge bringen, müssen die dafür Verantwortlichen aber nicht sogleich zurücktreten, wie es bei den privaten Sendern allenthalben Tradition geworden ist. Sie müssen etwas ungleich Größeres, Schwierigeres auf sich nehmen - eine Reform der Reform. Die Hörerinnen und Hörer des Deutschlandfunks verdienen nichts weniger, denn sie machen den Erfolg dieses Ausnahme-Radioprogramms aus.

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