Mainz (KNA) Im August 2021, nach 19 Jahren, zehn Monaten und 23 Tagen, war der Einsatz der westlichen Allianz in Afghanistan beendet. Aber der Abzug der internationalen Truppen glich einer Flucht. Die Taliban hatten Kabul binnen weniger Tage umzingelt, ein Machtvakuum entstand. Menschen, die für die Allianz oder für Hilfsorganisationen auf vielerlei Ebenen gegen die radikal-islamistische Ideologie gearbeitet und deren Vertreter gekämpft hatten, wollten, ja mussten das Land schnellstmöglich verlassen. Der Tag in Kabul war plötzlich unter einem fremden Himmel. An dieser Stelle setzt die sechsteilige Serie "Kabul - Flucht aus der Hölle" ein. Eine "Dramaserie" (ZDF Streaming, 20. Juli, ZDF, ab Montag, 27. Juli, 22.15, in drei Doppelfolgen) will die Produktion sein, die ihre Geschichte fiktionalisiert und zugleich "von wahren Begebenheiten inspiriert" erzählt. Für eine afghanische Familie beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Zahara (Darina Al Joundi), eine Staatsanwältin, muss um ihr Leben fürchten, hat sie doch nicht wenige Taliban hinter Gitter gebracht. Sie versucht, mit ihrem Mann Baqir (Vassilis Koukalani) in die französische Botschaft zu fliehen. Ihr Sohn, der Soldat Fazal (Shervin Alenabi), arbeitet nach der Niederlage der afghanischen Armee für den US-Geheimdienst CIA. Er wird in eine IS-Zelle eingeschleust, um einen verheerenden Anschlag zu verhindern. Und Tochter Amina (Hannah Abdoh) kämpft sich mit der jungen Patientin Nooria (Sara Taheri), die sie als ihre Tochter ausgibt, zum Flughafen durch. Die Fliehenden versammeln sich vor der französischen Botschaft und vor der italienischen Zone am Flughafen. Beide Standorte sollen evakuiert werden - aber wie viele Afghanen dürfen mit in die Flugzeuge? Giovanni (Gianmarco Saurino), vom fliehenden Botschafter zum Konsul ernannt - "Glaub mir, das hilft Deiner Karriere" -, muss das leisten, was auch Gilles (Jonathan Zaccai), dem Sicherheitschef der französischen Mission, abverlangt wird: den massiven Zustrom der Schutzsuchenden zu kanalisieren, die Evakuierung zum Flughafen und zu den Flugzeugen zu organisieren. Beide werden über sich hinauswachsen müssen. Und auch die BND-Mitarbeiterin Vera (Jeanne Goursaud) will einen afghanischen General, der ihr Leben gerettet hatte, aus Taliban-Hand befreien. In den sechs Folgen ist ständig Eskalation angesagt, was auch sonst. Wer auch immer betroffen ist, muss Entscheidungen treffen, die Leben und Tod bedeuten können. Die Drehbuchautoren Oliver Demangel, Thomas Finkelkraut und Joé Lavy schieben Personen und Situationen so zusammen, dass die Serie einen starken Hitzegrad bekommt und dem augenscheinlich übertriebenen Titel "Kabul - Flucht aus der Hölle" gerecht wird. Ihr eigentlicher Wert aber liegt bei allem Chaos und aller Action in einer menschlichen Perspektive auf die Welt. Wenn Giovanni sagt: "Wir dürfen unsere Werte nicht über Bord werfen", so spricht er nicht für die Westler, die schlichtweg ihre Haut retten wollen, sondern insbesondere für jene, die persönlich Verantwortung für die Ortskräfte wahrnehmen. Ja, es liegt ein gewisses Pathos über mancher Szene. Ja, es werden auch hölzerne Informationsdialoge gesprochen. Ja, es wird nicht erklärt, warum die Taliban so rasch den Sieg erringen und die Mehrheit der Afghanen auf ihre Seite ziehen können. Aber diese Kritik kann geschmäcklerisch wirken. "Kabul - Flucht aus der Hölle" ist eine Dramaserie, die dem Publikum mit staunenswertem erzählerischen und visuellen Einsatz - Ausstattung, Szenen- und Kostümbild sind aufwendig - ein multiperspektivisches Stimmungsbild von heroischen, fanatischen, tapferen, schlauen, engagierten, - aber vor allem geschundenen Menschen zeichnet. Der Mensch ist dem Menschen ein Feind, der Mensch ist dem Menschen ein Freund. Kasia Adamik und Olga Chajdas teilen sich die Inszenierung dieser europäischen Produktion, an der unter anderem die italienische RAI, France Télévisions und das ZDF beteiligt sind. Dem Regieduo gelingt es, die Gesamtsituation möglichst vieler wie auch die Lage Einzelner eindrucksvoll zu illustrieren. Gerade die Massenszenen bestechen als Massenkonzentration des Willens, des Mutes und der Verzweiflung. Der Zuschauer wird richtiggehend ins Geschehen, in die Emotion und Eskalation hineingesogen. Das Drama überträgt sich. Die Namen der eindringlich agierenden Schauspielerinnen und Schauspieler sind sicherlich nicht geläufig (Eric Dane als CIA-Agentenführer vielleicht ausgenommen). Darin liegt ein Vorteil: Wäre die Produktion prominent besetzt, könnten sich Schauspielerinnen und Schauspieler vor die Figuren schieben, die sie darstellen. Das passiert nicht - und drückt, wenn ein Schatten an den Herzen der Figuren nagt, die Wahrhaftigkeit der fiktionalisierten Geschichte aus. "Kabul - Flucht aus der Hölle" ist, wie es im Abspann heißt, den Frauen in Afghanistan gewidmet, deren Rechte von den Taliban massiv eingeschränkt wurden.