Pizza in Pompeji - Tom Hiddleston wird für eine Disney-Doku zum Hobby-Historiker

Von Jan Freitag (KNA)

DOKU - Eine Disney-Doku begleitet Tom Hiddleston zum Historytainment unter den Vesuv. Das ist oft populärwissenschaftlicher Unfug – würde der Marvel-Star alias Loki nicht so gut ins Katastrophengebiet von 79 n. Chr. passen.

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"Pompeji"

Foto: Paolo Verzone/National Geographic/KNA

Bonn (KNA) Tote Sprachen zu sprechen, hat in unserer anglophon globalisierten Epoche längst nicht mehr die Bedeutung analoger Tage. Manchmal allerdings hilft das mühsam Erlernte lang zurückliegender Schulstunden auch heute noch weiter. Dass sich "Geschichte" und "Geschichten" im alten Rom ein und dasselbe Wort geteilt haben, weiß Tom Hiddleston zum Beispiel nur, weil der Hollywood-Star aus Oxford am College in Eton ehedem Latein gelernt und an der Universität Cambridge später klassische Literatur des Altertums studiert hatte. Dem englischen Akademikerkind war die doppelte Bedeutung von "Historia" deshalb längst bewusst, als es sich für die Disney-Serie "Pompeji" als Presenter verpflichten ließ. Wobei der bestens gebuchte Superheld aka "Loki" nicht nur als geschichtskundiger Geschichtenerzähler ein kluger Schachzug war. Tom Hiddleston, das sagt er zu Beginn der drei vierzigminütigen Teile, brennt höchstpersönlich für die untergegangene Stadt am Golf von Neapel. Im Sommer 1998 nämlich fuhr der damals 17-Jährige mit drei Freunden durch Frankreich gen Italien. "Mein erster Auslandstrip ohne Erwachsene", erinnert er sich über ein paar grobkörnige Fotos vom dürren Teenager: Interrail, Jugendherbergen, wenig Schlaf, viel Pizza und noch mehr Spaß. Bis die Truppe nach Pompeji kam. In den Ruinen jener Stadt, die der Vesuv 79 nach Christus unter sich begraben hatte, fand er eine völlig andere Art der Fortbewegung: Zeitreisen. National Geographic musste ihn also nicht lang bitten, nahezu 30 beziehungsweise 2000 Jahre danach noch mal an den Ort seiner Jugend zurückzukehren, um die Geschichte(n) mit vielen Fachleuten, noch mehr CGI und reichlich Reenactment neu zu erzählen. Anders als Abertausende Filme und Serien, Dokus und Reportagen also, die es zum Thema bereits gibt. "Pompeji mit Tom Hiddleston" handelt deshalb auch vom Letztgenannten, weil sein Name mehr Zuschauer zieht als, sagen wir: "Pompeji mit Professor Steven Tuck", ein Altertumsforscher, mit dem der Schauspieler hier unter anderem auf Zeitreise geht. Sie handelt aber eben auch von drei "echten Römern", die der Naturkatastrophe seinerzeit lebend entkommen sind. Genauer: die erfolgreiche Geschäftsfrau Julia Felix, der trotzige Lehrling Avianius und ein namenloser Prätorianer im Ruhestand. Anhand neuer Erkenntnisse und digitaler Archive versucht Hiddleston ihr Schicksal zu rekonstruieren. Und das ist trotz all seiner Liebe zum Altertum zunächst mal auf unfreiwillig komische Art pseudowissenschaftlicher Blödsinn mit Schauspieleinlagen, die mitunter ans Lehrmaterial der Achtziger erinnern. Wie Aiman Abdallah Anfang der Nuller in "Galileo Mystery" will uns Tom Hiddleston Mitte der Zwanziger weismachen, er komme den Überlebenden in Echtzeit auf die Spur. Als hätte der Regisseur Tom Barbor-Might nicht das Drehbuch von Jessica Ruston verfilmt, sondern eine Forschungsreise begleitet, gewinnt der Antiheld unzähliger Marvel-Filme dank diverser Gastprofessoren von der Archäologin Caitie Barrett über den Geologen Chris Jackson bis zur Desaster-Psychologin Sarita Robinson quasi Live on Cam Erkenntnisse. Vermeintlich unerwartete Einsichten, die der schauspielbegabte Host per "Wow" dann zwanghaft zur wissenschaftlichen Sensation aufbläst. Für diesen Fernsehbudenzauber schmücken sich entsprechende Sender bis tief ins öffentliche-rechtliche Programm seit langem bereits mit der Bekanntheit geborgter Protagonisten. 63 Jahre, nachdem Henry Fonda in der Porträtreihe "The Big Stars" große Kollegen vorstellte, und 28 Jahre, nachdem Tom Hanks das Metier querverwerteter Prominenz in seiner selbstproduzierten SciFi-Doku "From the Earth to the Moon" auf Hollywood-Level hob, wimmelt es nur so vor (meist männlichen) Hobbyhistorikern am Bildschirm. Kevin Costner, William Shatner, Kevin Bacon oder gefühlt alle paar Jahre Morgan Freeman: Sie alle helfen dabei, telegene Populärwissenschaft durch ihren Abglanz aufzuwerten. Das gilt im Grunde auch für Tom Hiddleston. Doch dank seiner glaubhaften Biografie als studierter Altlinguist mit Pompeji-Fimmel bringt er ein bisschen mehr mit zum Vesuv als Dutzende Kino-, Theater- und Fernsehrollen, 14 Film-, TV- und Bühnenpreise oder nebenbei noch zehn Millionen Instagram-Follower. Es ist ein Bekenntnis: Als Schauspieler, entschuldigt Tom Hiddleston die schlechte Faktenlage antiker Privatbiografien, "muss ich das tun, was ich kann: es mir vorstellen". Mangelnde Informationen ersetzt er folglich durch künstlerische Interpretationen. Damit wird das Reenactment nicht nur etwas unterhaltsamer als im Historytainment üblich; es macht die Gefühlsduselei darin auch erträglicher. Hiddlestons Ehrlichkeit, gepaart mit Expertise, Talent, Liebreiz und Leidenschaft, sorgen am Ende also dafür, dass genretypische Gefühlswallungen nicht vollends gefakt wirken. "Avianius war mehr als ein Halbsatz der Geschichte", sagt Disneys weltberühmter Host einmal gedankenverloren in Pompejis Ruinen, "er war ein menschliches Wesen". Warme Worte eines wonnigen Darstellers. Und wer weiß - vielleicht hilft dessen geschichtsbewusstes Geschichtenerzählen obendrein dabei, die anstehende Print-Ausgabe der "National Geographic" zu verkaufen. In der geht es, so ein Zufall, ebenfalls um Pompeji. Aber das steht auf einer anderen Drehbuchseite des lateinischen Doppelbegriffs "Historia".

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