Mainz (KNA) Die Schüsse, die in München am 22. Juli 2016 abgefeuert wurden, lösten Panik aus. Die Reaktion war absolut berechtigt. Im und am Olympia-Einkaufszentrum tötete ein 18-Jähriger neun überwiegend sehr junge Menschen und anschließend sich selbst. Dass sogleich zahllose alarmierende Meldungen aus der ganzen Großstadt eingingen, dass von zehn oder 20 bewaffneten Attentätern an über 70 Tatorten die Rede war und über zweitausend Polizisten ausrückten, dass sich schnell globale Aufmerksamkeit auf München richtete und sogar der damalige US-amerikanische Präsident Obama sich äußerte, lässt sich ebenfalls nachvollziehen. Kurz zuvor hatten in Nizza islamistische Terroristen Massenmorde verübt und damit die Nachrichtenlage dominiert. Doch die Reaktionen von München hängen auch mit dem Echtzeit-Internet zusammen, das damals besonders populär und wirksam war. Vor allem auf der Plattform Twitter, die seit dem Kauf durch Elon Musk "X" heißt, zirkulierten außer Videos, die den echten Täter zeigten, auch solche, die zeigten, wie Polizei schwerbewaffnet durch die Fußgängerzone in der Münchner Innenstadt patrouillierte und Passanten in ganz anderen Einkaufszentren aufforderte, sich auf den Boden zu legen. Davon erzählt Johannes Preuss' Dokuserie "22. Juli. Die Schüsse von München" auf ZDF-Info. Vier 45-minütige Folgen - ab 17. Juli online und am 24. Juli im linearen Programm - beleuchten unterschiedliche Aspekte des komplexen Geschehens. Beim Anschauen zehn Jahre danach fragt man sich unwillkürlich, ob ähnliche Auswirkungen heutzutage möglich wären. Zwar sind Soziale Medien und Messengerdienste eher noch wichtiger geworden, doch die Öffentlichkeit hat sich auf unterschiedlichen Plattformen fragmentarisiert. Und dort dominieren heute statt der jeweils neuesten Nachrichten und Videos algorithmisch priorisierte Posts die Timelines. "Der Treiber schlechthin waren die Messengerdienste", sagt im Rückblick der Münchner Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins, der damals überregional bekannt wurde. Anno 2026 wäre derart schnelles Ausbreiten einer Panik wohl nicht mehr möglich, kann man sich denken - und dann fragen, ob das ausschließlich Vorteile besitzt oder im Fall tatsächlich dezentral angelegter Anschlagsserien nicht auch Nachteile hätte. Die Dokuserie stellt solche Fragen nicht ausdrücklich - sicher auch, weil sie bereits 2022 für die Pay-TV-Plattform Sky entstand. Das Ansehen der Free-TV-Premiere lohnt sich dennoch. So wurde die Frage nach der Einzeltäterschaft in den Monaten und Jahren danach weiter aufgerollt, fand aber kaum Aufmerksamkeit. Der Name des Täters fällt ab der zweiten Folge häufig. Rekonstruiert wird, wie der Deutsch-Iraner David Ali Sonboly in der Schule gemobbt wurde und sich online, etwa auf der Gaming-Plattform "Steam", in ein rechtsextremistisches Weltbild hineinsteigerte. Er befand sich bereits in psychiatrischer Behandlung und gab vor, seine Probleme bewältigt zu haben. Sonboly wollte "ausländische Untermenschen" töten und hat bei seiner kaltblütig geplanten Tat tatsächlich vor allem Menschen mit Migrationshintergrund ermordet. Dass es sich um ein "rassistisches Attentat" handelte, wurde auf dem Münchener Mahnmal für die Opfer später nachgetragen. Offenkundig dienten Mörder wie der Norweger Anders Breivik, der im Jahr 2011 ebenfalls am 22. Juli Dutzende Menschen umgebracht hatte, als Vorbild; offenkundig huldigen Fans solcher Massenmörder dem "Body Count", also der Zahl der getöteten Menschen. Vom "neuen Tätertypus des sozial isolierten, aber virtuell vernetzten einsamen Wolfes", spricht der Extremismusforscher Florian Hartleb am Ende der Dokuserie. Neben medialen und behördlichen Mechanismen sowie dem Täter und seinem vor allem virtuellen Umfeld beleuchtet die Doku auch das Schicksal der Opfer und ihrer Angehörigen. Wenn ein Überlebender berichtet, wie er versuchte, die Wunden eines blutenden jungen Mannes zuzudrücken und sich wünschte, drei Hände zu haben, während der Täter auf ihn zielte, wenn eine Polizistin erzählt, wie am Tatort alle flüsterten, während die Handys der Getöteten klingelten, geht das unmittelbar nahe. Die Doku bietet eine große Zahl gut ausgewählter Gesprächspartner: Journalisten, Juristen, Angehörige, die jeweils konzentriert vor der Kamera sitzen, in die sie sprechen. Wenn einzelne Gesprächspartner ihr Gesicht nicht zeigen wollen - einstige Freunde des Täters, der Vater eines Ermordeten - wird erklärt, warum. In solchen Kontexten erweisen sich zahlreiche Videos wie Fernsehaufnahmen aus dem Juli 2016 als besonders aufschlussreich. Damit überzeugt der Dreistünder visuell, abgesehen von ein paar überflüssigen nachgestellten Szenen gegen Ende. Nachinszenieren, wie der Mann, der Sonboly Tatwaffe und Munition verkaufte, vor seiner Verhaftung eine Kiste mit weiteren Waffen im Wald vergräbt, wirkt bloß albern. Dass dieser Waffenhändler schließlich zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde, habe "Rechtsgeschichte geschrieben", sagt Martin Bernstein, der Polizeireporter der "Süddeutschen Zeitung": Erstmals überhaupt sei ein Tatwaffen-Verkäufer wegen fahrlässiger Tötung und nicht bloß wegen Beihilfe verurteilt worden. Angehörige der Opfer waren über das einzige in diesem Fall ergangene Gerichtsurteil dennoch enttäuscht. Auch das zeigt, wie der Münchener Anschlag und seine speziellen Umstände weiter nachwirken.