Mainz (KNA) Wenn prominente Presenter des ZDF das Studio verlassen, dann ist es Zeit für "Am Puls mit...". Sarah Tacke hatte sich jüngst des Themas "System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?" angenommen und Florian Neuhann sich mit "Frisst die KI unsere Jobs?" beschäftigt. Anspruch des Formates ist es, Themen zu behandeln, die Deutschland und die Deutschen bewegen. Da muss es schon verwundern, dass die Deutsche Bahn erst jetzt in den Fokus gerät. Dunja Hayali, bildschirmbekannt als Moderatorin von "Morgenmagazin" und "Heute-Journal", geht schon beim Titel in die Vollen: "Unsere Bahn: geliebt, verflucht - und gefährlich?" (21. Juli, ZDF Streaming und 20.15 Uhr im ZDF). Um möglichst nahe bei den Bahnkunden und damit beim Publikum zu sein, werden Erfahrungen der Nutzerinnen und Nutzer eingesammelt. Es wird, nicht weiter überraschend, ein mehrstrophiges Klagelied gesungen: immer unpünktlich, immer kaputte Toiletten, immer unzureichende Servicequalität im Bistro und bei den Reise-Informationen. Mancher Passagier fährt heute einen Tag vorher zum Ziel, um seinen Termin nicht zu verpassen. Der Auftakt illustriert: Die Bahn wird - wie die maroden Brücken und Straßen - als Teil der Alltagssabotage begriffen. Die Zustandsbeschreibung ist nicht neu, neu ist in dem Film von Dunja Hayali und Sebastian Bellwinkel die verschärfte Ursachenanalyse. Weil die Bahn so störanfällig ist und bei der Sicherheit geradezu nachlässig, erinnern Autorin und Autor an das Unglück im Juni 2022 in Burgrain nahe Garmisch-Partenkirchen mit fünf Toten und zahlreichen Schwer- und Leichtverletzten. Bahnschwellen, vom sogenannten "Betonkrebs" befallen, konnten den Zug nicht mehr im Gleis halten, über die Mängel wussten nicht wenige Bescheid, aber der Kommunikations-Wirrwarr und die organisierte Verantwortungslosigkeit hatten eine Reparatur verhindert. Eine eingeblendete Umfrage besagt, dass nur 45 Prozent der Lokführer eine Rückmeldung bekommen, wenn sie Störungen anzeigen. Aber nicht nur der marode Zustand des Netzes, auch die veraltete Technik bei den Stellwerken führen zu rund 230 "Langsamfahrstellen", die wiederum zu Störungen und Verspätungen im Betriebsablauf führen. Hayali will all das ad personam zeigen. Also fährt sie im ICE-Führerstand mit, steht an der Strecke Hamburg-Berlin, im Stellwerk Oberkotzau, trifft Bahnexperten und schließlich auch Bahnchefin Evelyn Palla zum Interview. Hier entfalten die 45 Minuten Wucht und Wirkung. Es wird nicht Papier bewegt, sondern vor Ort mit Betroffenen und Verantwortlichen recherchiert. Dunja Hayali, hartnäckig wie stets, stellt bevorzugt Warum-Fragen, um Versäumnisse, Fehler und Fehlentscheidungen aufzuspüren. Klar wird bei dieser Ursache-Wirkung-Analyse, dass die Bahn zum Sanierungsfall gemacht wurde - von ungeeigneten Managern und von einem Bundesverkehrsministerium, dem es an notwendigem Know-how fehlte und weiter fehlt, wie der CDU-Verkehrspolitiker Michael Donth freimütig bekennt. Und Bahnchefin Palla beschwört in wohlgesetzten Worten eine bessere Bahnzukunft. Der Film sorgt mit seinen Interviews mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Bord-Bistro über Stellwerk bis zum Lokführerstand, mit Experten- und Betroffenen-Gesprächen für ein möglichst komplettes Bild der verfahrenen Situation. Dunja Hayali lässt es dabei an Engagement nicht fehlen, im Gegenteil, sie übertreibt es damit. Mehr als einmal zeigt sie sich von Aussagen und Eingeständnissen der Experten und Verantwortlichen erschüttert, schüttelt den Kopf, greift sich nicht nur verbal an diesen. Muss sich eine Reporterin derart mit einer Sache gemein machen? Nein, muss sie nicht. Auch hätte erwähnt werden können, dass die Bahn weiter stiegende Nutzungszahlen vorweisen kann. Passte wohl nicht ins Stimmungsbild. Jetzt wird das Schienennetz in nie gekanntem Ausmaß saniert. Aber schon beim Renommierprojekt, der Strecke Hamburg-Berlin, ist erkennbar, dass zweigleisig und damit ineffizient geplant und gebaut wird. Neben der Uralt-Technik mit Stellwerk und Signalen wird das Euro Train Control System (ETCS) genutzt, läuft der Betrieb parallel analog und digital. Wie ETCS funktioniert, wird nicht nur an dieser Stelle in einer animierten Grafik gezeigt. Der Zuschauer soll stets im Bilde sein. Damit der Report nicht nur durchs Jammertal fährt, wird das Beispiel Belgien herangezogen, wo die Züge zu 92 Prozent pünktlich sind (die DB meldet 60 Prozent). Im Nachbarland wurde die Bahn dank eines von ganz oben durchdeklinierten "Masterplans" in zehn Jahren modernisiert. In ihrem Resümee skizziert Dunja Hayali die Schieflage der Bahn als "Deutschland im Kleinen", wo es ja auch an tausend und einer Ecke klemmt. Aber nur hoffnungslos möchte diese "Am Puls"-Ausgabe nicht enden. "Vieles ist möglich", sagt Hayali, um das "Vertrauen" in die Bahn wiederherzustellen. Gute Fahrt!