Köln (KNA) Häufig entstehen in Deutschland ganz oder teilweise internationale Blockbuster-Serien und -Filme. Aber angesichts stagnierender Wirtschaft und radikaler Veränderungen in der Medienbranche sind die Rahmenbedingungen für in- und ausländische Akteure schwieriger geworden. Ab nächstem Jahr soll der langerwartete "Filmbooster" von Medien- und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nun endlich an den Start gehen. So hatte es das Bundeskabinett im Juni mit einer Investitionsverpflichtung für Streamingdienste und Sender beschlossen. "Wir zünden für den deutschen Film eine neue Stufe im internationalen Standortwettbewerb", versprach Weimer. Streamer, die ihren Hauptsitz oft in den USA haben, in Deutschland aber gute Geschäfte machen, sollen mindestens acht Prozent ihres jährlichen Nettoumsatzes in Deutschland investieren. Das gilt ebenfalls für die ansässigen Sender. Zudem würden laut Angabe des Ministeriums die Fördertöpfe des Bundes auf jährlich über 250 Millionen Euro aufgestockt. "Das heißt, dass diese Mittel aufgrund der Erhöhung auch verlässlich garantiert sind - und das wird internationale Partner bestärken, mit uns zusammenzuarbeiten", kommentierte im Juni Bastie Griese diesen Schritt der Politik. Griese ist Geschäftsführer der Kölner MMC Movies, in deren Studios gerade "Flesh of the Gods" (Augenschein Filmproduktion) gedreht wurde. Der Vampirthriller mit Hollywoodstars wie Kristen Stewart und Wagner Moura wird nächstes Jahr im Kino zu sehen sein. Berühmte Regisseure, darunter Jim Jarmusch, Ron Howard, David Cronenberg sowie Weltstars, beispielsweise Michelle Pfeiffer, Helen Mirren oder Keira Knightley, waren in der Domstadt bereits zuvor zu Gast. "Ich glaube, wir sind da ganz gut aufgestellt, denn wir haben eine gute Produktionsinfrastruktur inklusive eines mittlerweile auch international renommierten Setbaus, und wir können aus NRW heraus attraktive Finanzierungsmöglichkeiten anbieten", sagt Griese. Die politische Initiative sieht der Manager als "Riesenschritt", gepaart mit den regionalen Filmförderungen: "Damit kann der Standort Deutschland im internationalen Vergleich ohne weiteres bestehen." Tatsächlich sprechen die Zahlen eine klare Sprache. Im Jahr 2024 betrug in Deutschland allein der Markt für Fernsehen und TV-Werbung über 10,5 Milliarden Euro. Das hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers jetzt noch einmal nachgerechnet. Damit gehört die Bundesrepublik weltweit zu den Top Five, nach den USA, China, Indien und Japan. Und allein die Teilbranche Film- und TV-Produktion machte 2023 hierzulande 5,5 Milliarden Euro Umsatz. Dennoch gibt es starke Kritik an den Reformen, etwa in einer gemeinsamen Stellungnahme der Verbände Produktionsallianz, AG DOK, Producers of Germany (PROG) und Deutsche Filmakademie. Zwar wurden die Neuerungen grundsätzlich begrüßt, aber: "Die vorgesehene Investitionsquote von acht Prozent liegt bereits heute unter dem Niveau vergleichbarer großer europäischer Märkte. Selbst die Zwölf-Prozent-Opt-out-Regelung bleibt unter dem europäischen Durchschnitt von 13 bis 15 Prozent." "Opt-out" bedeutet: Firmen, die sich freiwillig zu mehr als zwölf Prozent Investitionsquote verpflichten, können sich von strikten Detail-Regeln und Subquoten, die mit dem neuen Gesetz ebenfalls festgelegt werden, "freikaufen". Die "Subquote" wiederum legt fest, dass von den acht Prozent Investitionsverpflichtung mindestens 80 Prozent für europäische Werke eingesetzt werden müssen, die eine deutsche kulturelle Prägung aufweisen, und mindestens 70 Prozent für Werke, die von unabhängigen Filmherstellern stammen. Und sie besagt weiterhin, dass spätestens nach sieben Jahren die Verwertungsrechte wieder an die Produzenten fallen, auch wenn diese den Film ohne Eigenmittel produziert haben. All das sei "für den wichtigsten europäischen Absatzmarkt internationaler Streamingplattformen ein erstaunlich ambitionsloses Signal", kommentierte die gemeinsame Erklärung der Produzenten-Lobbys diese Pläne. "Fast dreiviertel unserer Mitglieder gehen von einem schlechten bis sehr schlechten Wirtschaftsjahr aus und blicken überhaupt nicht optimistisch in die Zukunft", gibt Tanja Georgieva-Waldhauer vom Verband PROG die allgemeine Stimmung wieder. Dazu kommt, dass 2027 die Fördermittel für Weimers Filmbooster schon wieder um 50 Millionen Euro niedriger ausfallen. Der Medienstaatsminister verweist nun darauf, dass die 250 Millionen im ersten Jahr eine Steigerung um 90 Prozent gegenüber den bisher vom Bund ausgereichten Fördermitteln in Höhe von rund 130 Millionen Euro ausmachten. "Im zweiten Jahr sind es dann die 50 Prozent. Da bin ich sehr zufrieden, gerade in einer Zeit, in der der Haushalt so knirscht", sagte Weimer im KNA-Mediendienst-Interview. Die TV-Sender wiederum halten die geplante Investitionsverpflichtung "weiterhin für das falsche Instrument und für verfehlt", wie es ein RTL-Sprecher formuliert. Es bedürfe "im parlamentarischen Verfahren deutlicher Korrekturen, besonders bei der Definition unabhängiger Produzenten, bei der Rechteteilung sowie zahlreicher Definitionen." Bei einem weiteren Kritikpunkt gehen sie aber mit den Produzenten mit: Steuerliche Vergünstigungen für ausländische Akteure, die in Deutschland produzieren, fehlen weitgehend. Die Geschäftsführerin der Produktionsallianz, Michelle Müntefering, forderte daher noch vor kurzem auf einer Veranstaltung in Köln: "Wir brauchen dringend ein Steueranreizmodell." Ausländische Unternehmen würden im Rahmen solch eines Modells einen Anteil ihrer Investitionen, die sie hier tätigen, zurückerstattet bekommen. Auch das ist in einigen europäischen Nachbarländern bereits erfolgreich etabliert. Die ARD-Serie "Charité" über das gleichnamige Berliner Krankenhaus wurde etwa seinerzeit komplett in Tschechien und Portugal gedreht, wo die steuerlichen Bedingungen attraktiver sind. So würden mit deutschen Rundfunkbeiträgen ausländische Standorte unterstützt, kritisiert die Branche. Bessere steuerliche Anreize für ausländische Medienunternehmen wären auch für Walid Nakschbandi wünschenswert: "Das ist ein ganz wichtiger Punkt, um die Produktionstür nach Deutschland noch mehr zu öffnen", sagt der Geschäftsführer der Medien- und Filmstiftung NRW, die mit einem Fördervolumen zwischen 35 und 40 Millionen Euro pro Jahr die finanzstärkste regionale Förderinstitution deutschlandweit ist. Doch diesem von der Branche als dritte Säule neben direkter Filmförderung und Investitionsverpflichtung geforderten Reformbaustein zeigte Weimer auch im KNA-Interview die kalte Schulter: Der Bund sei "doch schon sehr expansiv von staatlicher Seite unterwegs". Es gebe die erhöhte direkte Förderung, "wir zwingen die großen Plattformen und Sender zu einer Zwangsinvestition, was ein erheblicher Markteingriff ist", so Weimer: "Wenn du das alles lieferst, ist es auch mal gut. Das ist auch meine Botschaft an die Produzenten: Die Politik springt euch selbst in haushalterisch schwierigsten Zeiten sehr zur Seite. Jetzt müsst ihr auch liefern!" Der Geschäftsführer von Warner Bros. TV Deutschland, René Jamm, gab bereits vor Bekanntwerden der Booster-Kürzung ab 2027 zudem zu bedenken, dass eine derartige steuerliche Begünstigung die Kritik hervorrufen könnte, Film und Fernsehen würden mit solchen "tax incentives" gegenüber anderen Industrien bevorzugt. "Populistische Strömungen in Deutschland würden das sofort ausnutzen, um auf eine vermeintliche Ungerechtigkeit hinzuweisen." Jamm spricht letztlich wohl für die gesamte Branche, wenn er unabhängig von allen aktuellen Streitpunkten den Abbau von Bürokratie fordert: "Ob komplizierte Förderanträge oder ausufernde Dokumentationspflichten - das macht es uns unnötig schwer." Was das angeht, dürften aber auch die neuen Regelungen, die noch von Bundestag sowie -rat abgenickt werden müssen, wohl keine wirkliche Abhilfe schaffen.