Amerikas erster Kulturkampf? - Arte-Doku über den Krieg gegen Disco-Musik in den USA

Von Manfred Riepe (KNA)

DOKU - Eine Arte-Dokumentation blickt zurück auf die "Disco Demolition Night" von 1979, als Rock-Fans ungeliebte Disco-Schallplatten in die Luft sprengten. Ein Akt des Rassismus und der Homophobie?

| KNA Mediendienst

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"'Disco sucks!' - Amerikas erster Kulturkampf"

Foto: Chicago Sun-Times Media Inc./All rights reserved/ARTE F/KNA

Straßburg (KNA) Am 12. Juli 1979 detonierte auf dem Rasen eines Baseballstadions in Chicago eine ungewöhnliche Bombe. Unter dem Grölen des Publikums flog zersplittertes Vinyl von gesprengten Disco-Schallplatten durch die Luft. Die Explosion riss einen Krater ins Spielfeld. Geplant war diese skurrile Aktion eigentlich als Marketing-Gag, um Zuschauer zu den spärlich besuchten Baseball-Spielen der White Sox zu locken, einem der schlechtesten Teams der amerikanischen Liga. Der Event erwies sich jedoch als unerwarteter Erfolg. 50.000 Besucher kamen, um verhasste Disco-Scheiben loszuwerden, weitere 20.000 sollen keine Eintrittskarten mehr erhalten haben. Eine Arte-Dokumentation blickt nun zurück auf die berüchtigte "Disco Demolition Night". War das etwa ein Kulturkampf? Um diese Frage zu beantworten, erinnern die amerikanische TV-Produzentin Lisa Q. Wolfinger und der Dokumentarfilmer Rushmore DeNooyer, bekannt u.a. für seine Miniserie "Moon Shot" über das US-Raumfahrtprogramm, zunächst daran, wie und warum Disco-Musik in den 1970ern populär wurde und welche Gruppen sie ablehnten. Disco steht gemeinhin für stampfenden 4/4-Takt. Doch diese Musik, so zeigt diese Doku einmal mehr, ist komplexer. Ihre Wurzeln reichen zurück in die schwule Underground-Szene New Yorks, wo Ende der 1960er Jahre eine neue, pulsierende Clubkultur entstanden war. Partys, auf denen Homosexuelle, Afroamerikaner und Latinos zusammenkamen, wurden damals rasch populär. In diesen Clubs spielte man eine Musik, die man sonst nirgends hörte. Erstmals arbeiteten DJs mit zwei Plattenspielern, um damit Lieder ineinander überzublenden. Es entstanden so repetitive Klangteppiche aus Funk und Rhythm und Blues, die unmittelbar in den Körper gehen. Dominiert wurde Disco zudem von den Stimmen schwarzer Frauen wie Gloria Gaynor und Donna Summer. Die Dokumentation erinnert daran, dass die Platten- und Filmindustrie, wie in der Popkultur üblich, auch im Discophänomen das große Geld witterte. Dank des weltweiten Kinohits "Saturday Night Fever" war Disco spätestens 1977 zu einer kommerziell überbordenden Massenbewegung geworden. Der Film zeichnet nach, wie sich damit zwei unterschiedliche Lager herauskristallisierten. Während Disco den Mainstream in Richtung anspruchsloser Tanzmusik verschob, verlor Rockmusik (die sich zudem in Subgenres wie Metal, Glam, Country und Punk aufsplitterte) etwas von ihrer hegemonialen Stellung als Leitmusik der Jugendkultur. Populäre Musik ist aber seit jeher Ausdruck von heftigen Gefühlen. Daher reagierten Rockfans gekränkt: Mit dem Spruch "Folter für John Travolta!", den feminin anmutenden Hauptdarsteller aus "Saturday Night Fever", wetterte man auch hierzulande gegen Discomusik. Dieses Thema wurde schon oft aufgegriffen. Wolfinger und DeNooyer konzentrieren sich aber auf jene sich zuspitzende Antipathie gegen Disco, die sich nirgendwo stärker manifestierte als im mondänen Studio 54. Zu diesem Stelldichein der Arrivierten und Prominenten erhielten gewöhnliche Jungs aus der amerikanischen Mittelschicht keinen Zutritt. Mit ihren T-Shirts und Jeans waren sie nicht schick genug. Der Film zeigt, wie der gefürchtete Türsteher Steve Rubell mit dem Finger auf jeden einzelnen zeigte und mit arroganter Überheblichkeit bestimmte, wer reindarf und wer nicht: "Yes - No - You can come - And you can go!" Zurückweisungen dieser Art ließen den Groll der Rockfans eskalieren. Diese Schwingungen nahm der damals nur im lokalen Umfeld bekannte Rock-DJ Steve Dahl aus Chicago mit der Sensibilität eines Seismografen wahr. Nachdem auch der Sender WDAI Radio, für den er Platten auflegte, auf Disco umgestiegen war - und ihn kurzerhand feuerte -, war der arbeitslose DJ maximal verärgert. Bei einer konkurrierenden Radiostation begann er daraufhin, immer leidenschaftlicher gegen Disco zu wettern. Höhepunkt seines Musik-Aktivismus war die "Disco Demolition Night" - danach verschwand Discomusik tatsächlich von den Playlists aller Radiostationen, und zwar "über Nacht". War das nun ein "Kulturkrieg"? Beantworten lässt sich diese Frage nur im kulturhistorischen Kontext ähnlicher Ereignisse. Für Aufmerksamkeit sorgt gegenwärtig die Kinodokumentation "Was haben wir gelacht", die zurückblickt auf Mobbing gegen Kabarettistinnen im Fernsehgeschäft der 1980er und 1990er Jahre. Der Film "Stonewall" von 2014 erinnert an jene Unruhen in Greenwich Village von 1969, die den Beginn der Schwulenrechtsbewegung markieren. Ein weiteres politisches Kulturphänomen in dieser Reihe sind die aggressiven Texte der sogenannten "Gangsta Rapper". Solche Phänomene und Ereignisse werden rückblickend in ein sich ähnelndes argumentatives Raster eingefügt. So wurde die Kritik an den mutmaßlich gewaltverherrlichenden Texten der "Gangsta Rapper" als "Rassismus gegen Schwarze" markiert. Der Film "Stonewall" des schwulen Regisseurs Roland Emmerich wurde massiv angefeindet, weil er nicht "divers" genug sei. Und Eva Müller und Isabel Schneider markieren Männer in der TV-Unterhaltung der 1980er und 1990er Jahre durchweg als "sexistisch". Auf den ersten Blick werden auch die Ausschreitungen der "Disco Demolition Night" auf ähnliche Weise als Diskriminierung von Minderheiten bewertet. Weil nur Weiße daran teilnahmen, erklärt DJ Lady D., bekannt als Chicagos House Queen: "Es fühlte sich rassistisch an". Und Ayana Contreras, eine bekannte Radiomacherin aus Chicago, präzisiert: "Im Kern ging es um 'die Anderen' - gegen sie protestierten sie, gegen Menschen, die nicht so waren wie sie." Interessanterweise lassen Wolfinger und DeNooyer aber auch Rede und Gegenrede zu: "Wir haben keinerlei rassistische Motive gehabt", erklärt Steve Dahl rückblickend. Ein anderer Zeitzeuge betont: "Wir haben uns nur lustig gemacht über die Bee Gees, wir haben nichts gegen schwarze Musik". Die Anti-Disco-Bewegung wird unter dem Strich nicht pauschal als kulturelle Spaltung gewertet, die Rassismus und Homophobie den Weg ebnete. Deshalb ist die gut recherchierte und vielstimmige Dokumentation anregend.

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