Paddelnde Promis und Döner-Tee - ProSiebenSat.1 setzt 2027 ganz auf Sport und Berühmtheit

Von Christian Bartels (KNA)

FERNSEHEN - Die Fernsehgruppe ProSiebenSat.1 stellte in dieser Woche in Hamburg ihre Programmplanungen vor. Was steckt hinter der "Bundesadler-Strategie", der Liebesgeschichte einer deutschen Hostess in den Siebzigern - und dem neuen Sender Sat.2?

| KNA Mediendienst

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ProSiebenSat.1 setzt auf Sport

Foto: Nadine Rupp/ProSieben/KNA

Hamburg (KNA) Die Fernsehgruppe ProSiebenSat.1 (P7S1), die seit September 2025 zum italienischen Medienkonzern Media for Europe (MFE) gehört, stellte am Donnerstag in Hamburg vor Journalisten, Werbekunden und Creators ihre Programmpläne für die Streamingplattform Joyn und ihre linearen Free-TV-Sender vor. Deren Zahl soll 2027 auf insgesamt acht steigen. Den überraschenden Entschluss, zusätzlich zu den Hauptsendern ProSieben, Sat.1 und Kabel Eins sowie vier Zielgruppensendern im Lauf des kommenden Jahres Sat.2 zu starten, hatte P7S1-Chief Content Officer Henrik Pabst schon am Donnerstag im Interview der "Süddeutschen Zeitung" verkündet. Unter dem Motto "Wiedersehen macht Freude" soll sich Sat.2 vor allem an ein weibliches Publikum von 40 bis 64 Jahren richten und hauptsächlich deutsche Produktionen aus dem Sat.1-Fundus zeigen, daneben aktuelle Video-Podcasts. Das sagte Ellen Koch, die die kleineren Sender der Gruppe (Sixx, Sat.1 Gold, ProSieben Maxx und Kabel Eins Doku) leitet, in Hamburg. Genaue Programmpläne sollen im September bekannt gegeben werden. Wir werden den "Content noch mal geiler kuratieren", kündigte Koch an. Es gebe nach wie vor Bedarf an linearen Sendern. Allein Sixx, ProSieben Maxx und Sat.1 Gold hätten in anderthalb Jahren 0,9 Prozentpunkte Marktanteil dazu gewonnen. Als beliebte ältere Sat.1-Inhalte gelten etwa über 2.000 zwischen 2001 und 2013 entstandene Folgen der Gerichtsshow "Richter Alexander Hold". Nun werden 50 neue Folgen und ein Prime-Time-Special produziert. Der Dreh findet im Sommer statt, denn nur dann hat Hold Zeit. Als Abgeordneter der Freien Wähler bleibt er weiterhin Vizepräsident des Bayerischen Landtags. In seinen Hauptsendern setzt P7S1 unter dem Motto "Wir sind Weltmeister" vor allem auf Sportereignisse und kündigt die Übertragung von "mehr als 2.500 Stunden Live-Sport", darunter allein sieben Weltmeisterschaften in den kommenden anderthalb Jahren, an. Dazu gehören die Handball-WMs der Männer und der Frauen, sowie die Basketball-WM der Männer, bei der Deutschland im Spätsommer 2027 den Titel verteidigen will, wie der Frauen, die in diesem September in Berlin stattfinden wird. Hinzu kommen Turniere im Eishockey im Mai 2027 in Deutschland, in der Trend-Sportart Darts und die Rugby-WM, die im Herbst 2027 zur australischen Prime-Time stattfinden wird und Pro Sieben am frühen Morgen hohe Marktanteile bescheren soll. Auch Fußball hat Pro Sieben im Programm: weiterhin die U21-Fußball-Europameisterschaft und pro Saison neun Live-Spiele der Fußball-Bundesliga, darunter die abschließenden Relegationsspiele. Beim "Franz-Beckenbauer-Supercup", dem Spiel zwischen Meister und Pokalsieger zum Saisonstart, hofft Sportchef Gernot Bauer auf das erste Free-TV-Interview mit dem neuen Bundestrainer, mutmaßlich Jürgen Klopp. "Sport ist eines der letzten Lagerfeuer", sagte Bauer dem KNA-Mediendienst und sprach von der "Bundesadler-Strategie", aus punktuellen Turnieren, bei denen deutsche Mannschaften Titel-Chancen haben, Medien-Ereignisse zu machen. So gehört zu den Planungen, dass Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf am Neujahrstag 2027 in einer Spielshow gegen die deutsche Handballnationalmannschaft antreten und so, ebenso wie die Beetz Brothers-Dokumentation "Der große Wurf - Handball. Heimspiel. Hochdruck" die Aufmerksamkeit fürs kurz darauf in Deutschland stattfindende Turnier erhöhen sollen. Außerdem sind die Pro Sieben-Galionsfiguren in weiteren Sendungen wie "Joko & Klaas machen Urlaub" vertreten, einer Mischung aus "Reality-Show" und Reisesendung, die nach Island führt. Auch eher im Showbereich sind Sendungen wie die "Promi-Paddel-WM", und die "Promi-Tischtennis-WM" zu verorten. Als "Format, das es so weltweit noch nie gab" kündigte Marc Rasmus, verantwortlich für Fiktion, Reality und Factual, die Sat.1-Show "Die Millionenidee" mit Ralf Dümmel an - auch wenn das Konzept, Ideen für Erfindungen auf ihr Markt-Potenzial zu überprüfen, Anklänge an die Vox-Sendung "Die Höhle der Löwen" erkennen lassen kann, durch die Dümmel bekannt wurde. Über 6.500 Ideen aus ganz Deutschland seien auf einen Aufruf eingegangen, schon bevor es die Sendung gab. Im vorgeführten Trailer galt eine Idee etwa der Teesorte Döner-Tee. In der von Matthias Opdenhövel moderierten ProSieben-Show "Ich durchschaue jeden!" wird der Mentalist Timon Krause versuchen, die Körpersprache prominenter Gäste wie Moritz Bleibtreu und Caroline Frier zu entziffern. Um Prominente kreist weiterhin vieles im P7S1-Programm, auch in den Genres Reality und Adventure, die auf der Streamingplattform Joyn zusehends in den Mittelpunkt rücken. In der zweiten Staffel von "Villa der Versuchung" (Sat.1) werden ab August etwa Jenny Elvers und Tatjana Gsell zu sehen sein. Die Realitystars "verkaufen sich für ein paar Gummibärchen schneller, als du 'Guten Abend' sagen kannst", machte Moderatorin Verona Pooth in Hamburg gespannt. Eine neue, vierzehnte Staffel "Promi Big Brother" steht an, wiederum mit einem 24-Stunden-Livestream auf Joyn. Das Format "Promis unter Palmen - Für Geld mache ich alles!" soll indes durch das Spin-Off "Normalos unter Palmen - Für Geld mache ich WIRKLICH alles" variiert werden. Wiederum relativ prominente Kandidaten unterzogen sich für die ab September auf Joyn zu sehende Abenteuer-Show "Surviving Amazonas - Die Prüfung der Shanenawa" im brasilianischen Dschungel "körperlichen Prüfungen und spirituellen Ritualen". Sie habe "noch nie so hart gekotzt", berichtete Kandidatin Parshad Esmaeli, doch habe das "wirklich auch Tiefe" gehabt und ihr Leben verändert. Zu weiteren angekündigten Adventure-Formaten gehört die Reihe "Track Me Down", in der Prominente sich in europäischen Großstädten zwischen London und Zagreb vor Creators und deren Communitys verstecken müssen. In der zweiten Hälfte der gut dreistündigen Präsentation kam auch zur Sprache, wie wichtig Journalismus "mit Mut, mit Anspruch, mit Haltung" sei, "der Licht ins Dunkel bringt". Die Anchorwomen der Nachrichtensendungen der Hauptsender, Claudia von Brauchitsch, Karolin Kandler und Angela van Brakel, betonten "journalistische Sorgfaltspflicht" und kritischen Umgang mit KI. Als Dokumentation wurde eine "Jenke. Experiment"-Sendung näher vorgestellt, in der Jenke von Wilmsdorff und sein Sohn Jánik dem in Deutschland verbreiteten Problem der Schlaflosigkeit nachgehen und Lösungen unter anderem ebenfalls am Amazonas suchen. Außerdem befasst er sich mit dem "Riesenthema ADHS" und der Frage, wie sich mehr gute Laune in Deutschland verbreiten ließe. Insgesamt wird von Wilmsdorff im Herbst mit acht Produktionen im ProSieben-Programm vertreten sein - und überdies als prominenter Gast der Mentalisten-Show. Auch fiktionale Neuproduktionen spielten in der Präsentation keine Hauptrolle. Allein die sechsteilige Eventserie "Queen Sylvia" darüber, wie der schwedische Kronprinz bei den Olympischen Spielen 1972 eine deutsche Hostess kennen und lieben lernte, wurde vorgestellt. Die deutsch-schwedische Koproduktion entstand für Sat.1 und den Streamingdienst Amazon Prime, der sie zunächst zeigen wird. Zum eigenen werbefinanzierten und frei empfangbaren Streamingdienst Joyn, der in den vergangenen Jahren ins Zentrum der P7S1-Planungen gerückt worden war, sagte COO Pabst, er sei weiter "elementar wichtig für uns", doch sei es "essenziell, dass unsere Inhalte maximal distribuiert werden über alle Plattformen". Inhalte etwa auch auf Youtube, Twitch und Tiktok zu platzieren, also "die ganze Klaviatur" zu spielen, wurde in Hamburg nicht nur einmal angekündigt. Auch Sat.2 soll als "Multi Plattform-Brand" über möglichst viele Wege linear wie auch nonlinear verbreitet werden. Ob die präsentierte Fülle von Ideen mit nicht immer sehr großem Neuigkeitswert den Anforderungen der neuen italienischen Eigentümer genügt, wird sich zeigen. In Gesprächen am Rande der Veranstaltung klang an, dass die von der Familie Berlusconi kontrollierte MFE-Gruppe bislang nicht in die Programmplanung eingreife. Im Vergleich mit Hedge-Fonds, die früher oft das Sagen bei P7S1 gehabt hatten, würden die neuen Eigentümer als professionell empfunden.

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