Bonn (KNA) Facebook den Rücken kehren und die Follower einfach mitnehmen zur Konkurrenz? Bei Amazon ein Hörbuch kaufen und dieses ohne Amazon-Account nutzen? Fehlanzeige! Soziale Netzwerke machen es einem so schwer wie möglich, sie zu verlassen. Und gleichzeitig werden die Dienste immer schlechter. "Enshittification" hat der kanadische Netzaktivist und Journalist Cory Doctorow diese Entwicklung bereits 2022 genannt. Seitdem hat der Begriff eine enorme Karriere hingelegt. Die American Dialect Society hat ihn 2023 zu ihrem Wort des Jahres gekürt, ein Jahr später zog das australische Macquarie Dictionary nach. Jetzt ist die fundierte Analyse von Cory Doctorow über das Vorgehen von Big Tech auch auf Deutsch erschienen. "Enshittification" definiert er als den systematischen Qualitätsverfall digitaler Plattformen, den die Unternehmen bewusst forcieren, um ihre Gewinne zu maximieren. Ein Prozess, der dreistufig abläuft, wie er am Beispiel von Facebook, Amazon, Apple und Twitter demonstriert. Zuerst wird man mit gutem Service umgarnt, und zwar genaus so lange, bis eine kritische Masse an Nutzern diese an die Plattform bindet. Danach wird dasselbe Vorgehen bei Geschäftskunden - Werbetreibenden oder Händlern - angewandt. Und ist dann schließlich der Ausstieg aus dem Netzwerk so kostspielig, dass man nicht mehr ohne Weiteres rauskommt, werden "die Daumenschrauben angezogen" - und der Service zurückgefahren und die Preise erhöht. Fantastisch, wie Cory Doctorow mit seinen Schilderungen den Frust der gesamten Nutzerschaft auf den Punkt bringt. Denn das "Enshittification"-Virus zieht sich inzwischen durch die gesamte Tech-Branche. Da wird ein Software-Abo plötzlich zum finanziellen Fiasko, weil der Anbieter über Nacht die Geschäftsbedingungen ändert (Adobe). Da wird die Nutzung bestimmter Browser mit Fehlermeldungen quittiert, damit man ja nicht auf die Idee kommt, ein Produkt der Konkurrenz auszuprobieren (Microsoft). Und da werden Suchergebnisse verschlechtert, nur damit man erneut fragen muss, was zu höheren Werbeerlösen führt (Google). Warum aber kommen die Unternehmen mit diesem unlauteren Gebaren durch? Schlicht und ergreifend, weil man sie lässt! Denn auch das beschreibt der Journalist in seiner Tiefenrecherche: wie die Politik jahrzehntelang weggeschaut und damit die Entstehung von Tech-Monopolen ermöglicht hat. Und wie diese dann mit ihrer Macht den Markt und auch die Aufsichtsbehörden vereinnahmen konnten, von denen sie eigentlich überwacht werden sollen. "Regulatory Capture" nennt der Kanadier diesen Vorgang, bei dem wichtige Gesetze wie das Urheberrecht ganz im Sinne von Big Tech umgeschrieben wurden. Die Folgen sind verheerend. Denn im Zuge der Monopolisierung wurden zwei weitere Kräfte immer schwächer, die viele Jahre lang als "Bremse gegen die schlimmsten Impulse der Tech-Konzerne" gewirkt haben. Eine dieser Möglichkeiten, mit denen sich die Unternehmen disziplinieren ließen, folgt aus der Universalität von Computern. Da jeder Rechner jedes Programm ausführen kann, hatte man bislang auch immer Gegenmittel finden können, um "auf Enshittification gepolte Tricks" zu kontern. Diese "digitale Flexibilität" sieht der Internetaktivist aufgrund der "Geschäftslogik" von Big Tech nun nicht mehr gegeben. Und auch das zweite Bollwerk - die Tech-Belegschaften, die lange über eine arbeitsrechtliche Macht verfügten - sei gefallen, wie etwa Google mit dem Rauswurf der KI-Expertin Timnit Gebru 2020 gezeigt habe. Je unnachgiebiger Google seitdem seinen Mitarbeitern gegenüber wurde, desto mehr umschmeichele der Konzern seine Aktionäre. Doch Cory Doctorow hat auch gute Nachrichten. Dank Donald Trump stünden die Zeichen für eine Kehrtwende besser denn je. Die Politik des US-Präsidenten habe ein breites Bewusstsein dafür geschaffen, dass die Dominanz der Tech-Unternehmen endlich ein Ende haben müsse. Dafür fordert der Netzaktivist aber - gerichtet an Brüssel - ein Umdenken in der europäischen Regulierungspolitik. Etwa beim Digital Services Act, der die Macht der Plattformen stärke, statt sie zu schwächen. Die Hoffnung, die Unternehmen würden ihre Macht nutzen, um selbst die Probleme zu lösen, die sie selbst geschaffen haben, hält er nachvollziehbarerweise für einen Irrweg. Für Doctorow liegt der Schlüssel darin, Monopole zu zerschlagen. Genau das ist die wichtigste Botschaft dieses überzeugenden Buches: Besser wird die Digitalisierung erst, wenn alle wieder eine Chance haben - und nicht nur Big Tech.