Bonn (KNA) Wenn der Unsinn zum Irrsinn wird, das Anormale also vollends absurd: Kehrt es sich dann ins Normale um, weil minus Aberwitz mal minus Aberwitz rein mathematisch gesehen die reine Logik ergäbe? Über solche Fragen hätte die nerdigste WG der Fernsehgeschichte vermutlich ebenso verstiegene wie einleuchtende Diskussionen geführt. Schade nur, dass CBS den Mietvertrag der hochintelligenten Physiker Leonard und Sheldon im Mai 2019 gekündigt hat. Als vier ihrer früheren Freunde sieben Jahre später in einer apokalyptischen Matrix landen, könnte die Expertise der beiden Superhirne womöglich helfen. Zumal sie dafür verantwortlich sind. Im mittlerweile dritten Spin-off der Sitcom "The Big Bang Theory" - kurz: TBBT - haben Leonard und Sheldon nämlich mit dem Raumfahrtingenieur Howard einen Apparat gebastelt, der das Quartett durch verschiedene Universen katapultiert. Weil jedes auf seine Art dystopischer ist als das vorige, machen sie sich zehn Teile lang daran, in die angebliche Wirklichkeit zurückzukehren. Gar nicht so einfach, das deutet schon der Serientitel an: "Stuart Fails to Save the World". Die Titelfigur, deren Comic-Shop in vielen der 279 TBBT-Episoden Schauplatz drolliger Begegnungen war, scheitert also daran, die Welt vorm Quanteninterferenz-Gerät zu retten. Wie es nach der "Superpositionsprinzip" genannten Addition physikalischer Größen funktioniert, wird nicht näher erläutert. Aber wann immer Stuart (Kevin Sussman), die Kunststudentin Denise (Lauren Lapkus), der Geologe Bert (Brian Posehn) und sein Forschungskollege Dr. Kripke (John Ross Bowie) ihren Mechanismus enträtseln, stürzt unsere Welt ein wenig tiefer ins Chaos. Befinden sich die vier Protagonisten zu Beginn des Sequels noch in einer dystopischen Endzeit à la "Mad Max", landen sie nach rund 20 Minuten in einer scheinbar schön heilen Welt, die an Vince Gilligans Apple-Sensation "Pluribus" erinnert. Von dieser harmoniesüchtigen Hölle geht es über ein wissenschaftsfeindliches Hogwarts zu einem Spießerparadies Marke "Truman Show". Und jede Dimension erweist unterschiedlichen Vorbildern der Filmgeschichte ihre Referenz. Vor allem aber führt jede davon ein absurdes Theater auf, gegen das wesensverwandte Grotesken wie "Dirk Gentlys holistische Detektei" stocknüchterne Sozialstudien sind. Im Gegensatz zur "Big Bang Theory" oder deren Prequel "Young Sheldon", schicken die Showrunner Bill Prady und Chuck Lorre ihre SciFi-Version in eine heillos surreale Eskalationsspirale. Während der ursprüngliche Hauptcast abseits der Suche nach Liebe, Sex und Zärtlichkeit akademisches Kopfkino wie Schrödingers Katze alltagsverständlich gemacht hat, schert sich Stuarts B-Team beim Weltrettungsversuch nun selten um Plausibilität, geschweige denn um die Gesetze der Physik. Anders gesagt: "Stuart Fails to Save the Universe" ist völliger Blödsinn - wenngleich auf Top-Niveau. War "TBBT" eine Sitcom mit Hintergrundlachern im Studio-Mobiliar, liefern SFX und CGI, Kulissen und Kostüme jetzt hochpreisige Höchstleistungen. Dieser Production Value wurde allerdings teuer erkauft. Vom teuren Stammpersonal haben außer Kevin Sussman nämlich nur Kaley Cuoco (Penny), Kunal Nayyar (Raj), Melissa Rauch (Bernadette) und Mayim Bialik (Amy) Kurzauftritte. Dass Johnny Galecki (Leonard), Jim Parsons (Sheldon) oder Simon Helberg (Howard) nicht mal als Cameo dabei sind, hat demnach eher finanzielle als dramaturgische Ursachen. Verdienten sie in der ersten Folge 2007 rund 50.000 Dollar, stieg ihr Honorar bis zur 160. aufs Zwanzigfache. Im Jahr 2014 war das zwar nur die Hälfte von Charlie Sheens Spitzengage in "Two and a Half Men". Bei 23 Episoden der 8. Staffel kamen aber allein für die Top 5 der Besetzungsliste 115 Millionen Dollar Personalkosten zusammen. So viel lässt selbst ein Branchengigant wie HBO Max nicht für riskante Spin-offs springen. Qualitätsprobleme erwachsen daraus hingegen nicht. Das Erfolgsgeheimnis der "Big Bang Theory" bestand schließlich auch im exzellenten Timing pointensatter Comedy-Dialoge, das kaum jemand so beherrscht wie Kevin Sussmann. Dabei kann er sich nicht nur auf Chuck Lorres situationskomisches Skript verlassen. Zehnmal durchschnittlich 18 Minuten verpackt Regisseur Kyle Newacheck sie obendrein in ein funkensprühendes Durcheinander, das auch alte "TBBT"-Fans abholt. Da "Stuart Fails to Save the Universe" vor allem personell mit der Ursprungsvariante zu tun hat, spricht es zudem auch formatfremde Zielgruppen an - und bleibt sich dennoch partiell treu. Als Konstante sorgt nicht zuletzt Stuarts alter "Comic Center of Pasadena" für ein paar der vielen Running Gags. Dass sein Angebot den jeweiligen Handlungsstrang abbildet, zum Beispiel, worüber die Stammgäste Trevor (Josh Brener) und Kyle (Ryan Cartwright) dann variabel diskutieren, während ein All American Guy namens Gary (Tommy Walker) unterschiedlich kostümiert in der Story auftaucht. Wer gut mit gehobenem Unfug klarkommt, wird davon auf sehr amüsante Art reizüberflutet.