Bonn (KNA) Als der Milliardär Elon Musk Ende 2022 den Kurznachrichtendienst Twitter übernahm, rechneten bereits viele mit dem Schlimmsten. Knapp vier Jahre später sind viele dieser Befürchtungen wahr geworden: Musk benannte Twitter in X um und baute aus der Plattform ein Sammelbecken für Rassisten, Antisemiten und Frauenfeinde. Spätestens hier wachten auch die letzten überzeugten Transatlantiker in Europa auf und forderten, bei der Kommunikationsinfrastruktur unabhängiger von US-Techkonzernen und ihrem oft irritierenden Spitzenpersonal zu werden. Doch das ist leichter gesagt als getan. Seit Längerem grübeln Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft, welcher der richtige Weg zu mehr digitaler Souveränität sein könnte. Im Januar gab es auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Kreise der Reichen und Mächtigen überraschend den Startschuss für ein neues Projekt, das dem eigenen Anspruch nach den Weg zu einer europäischen Souveränität weisen will. W Social: So heißt der jüngste Kurznachrichtendienst, der - Twitter nachempfunden - europäisches Microblogging anbietet. Der Hype war groß, das Medienecho ebenso - auch dank prominenter Fürsprecher wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU). Die war von Anfang an begeistert von den Versprechen der Gründer um den schwedischen Unternehmer Ingmar Rentzhog und die deutsche W Social-Chefin Anna Zeiter. Die Idee von W Social: ein Social-Media-Dienst, der sich an europäisches Recht hält, in Europa gehostet wird und auf dem Bots und Fake-Profile keine Chance haben. Wer mitmachen will, muss zur Anmeldung ein Ausweisdokument vorlegen, um zu beweisen, dass ein echter Mensch hinter der Tastatur sitzt, der zudem noch volljährig ist. Abseits davon ähnelt W Social dem Dienst Bluesky. Beide laufen auf dem AT-Protocol, einem technischen Standard für dezentrale Soziale Netzwerke. Über das Protokoll können sich verschiedene Anbieter von Social-Media-Diensten untereinander vernetzen, indem sie sich auf eine technische Sprache einigen. Das bedeutet, dass die Nutzer des einen Angebots auch die Inhalte der Nutzer des anderen Angebots sehen und mit ihnen interagieren können. Entwickelt wurde das AT-Protokoll von dem Unternehmen hinter Bluesky. W Social nutzt es für das eigene Angebot, genauso wie das europäische Eurosky, das auf ähnliche Funktionen setzt, aber keine Ausweiskontrolle verlangt, bevor Nutzer sich einen Account anlegen können. Auch bei Bluesky, dem AT-Protocol-Angebot mit den meisten Nutzern, gibt es keine Identitätsprüfung. Abgesehen davon, dass viele Fachleute Identitätskontrollen im Netz für den falschen Weg zu besseren Plattformen halten, stellt sich hier die Frage: Wenn Nutzer von W Social auch die Inhalte der anderen Dienste sehen können, worin besteht dann der Vorteil einer Identitätsprüfung? Wenn alle Nutzer eines Dienstes einen Ausweis vorlegen müssen, kann man sich darauf verlassen, dass man es nur mit echten Menschen zu tun hat. Mischen sich aber im Feed die Nutzer anderer Dienste unter die eigenen, besteht dieser Vorteil kaum noch. Zumal es weitere Ungereimtheiten rund um die Identitätsprüfung gibt. W Social verspricht maximale Datensparsamkeit. Die Ausweisdaten würden nur einmal kontrolliert und dann komplett gelöscht, so das Versprechen. Doch sollten wirklich überhaupt keine Informationen über die kontrollierten Ausweise bei W Social verbleiben, könnte man nicht verhindern, dass mit ein und demselben Ausweis mehrere Konten angelegt werden würden. Auf Nachfrage, ob nicht doch Ausweisdaten gespeichert werden, antwortet W Social nicht. Auch alle anderen Fragen lässt das Unternehmen unbeantwortet - und reagiert, von einer automatischen Eingangsbestätigung abgesehen - überhaupt nicht auf die Presseanfragen des KNA-Mediendienstes. So bleiben weitere Kritikpunkte am Konzept von W Social offen. Das Projekt scheint von externen Investoren abhängig zu sein, die Geld in W Social stecken. Die Gründer gehen offen damit um, dass sie mit dem Angebot irgendwann Geld verdienen möchten. Wer sich mit der Geschichte des Internets beschäftigt, wird an diesem Punkt hellhörig. Nutzer haben schon viele Plattformen kommen und gehen gesehen. Ein Geschäftsmodell aus digitalen Angeboten zu machen, ohne die Nutzungserfahrung sukzessive zu verschlechtern, ist noch kaum einem Unternehmen gelungen. Es ist der Prozess, den der kanadische Internetaktivist Cory Doctorow "Enshittification" nennt. Plattformen locken Nutzer mit einem attraktiven, kostenlosen Angebot. In dieser Phase stecken Investoren Geld in die Angebote. Haben sich genug Nutzer angemeldet und untereinander vernetzt, sitzen sie auch schon in der Falle. Sie können die Plattform nun nicht mehr verlassen, ohne ihre Kontakte zu verlieren. Denn die Digitalkonzerne verhindern mit künstlichen technischen Begrenzungen, dass man die Verbindungen, die man auf ihrem Angebot eingegangen ist, zu anderen Plattformen mitnehmen kann. Einmal eingesperrt, können die Nutzer sich kaum mehr dagegen wehren, wenn der Anbieter die Plattform dann immer weniger an den Interessen der Nutzer und immer mehr im Interesse der Investoren gestaltet. Die Teams, die für Moderation und IT-Sicherheit zuständig sind, werden verkleinert, Daten werden immer invasiver gesammelt und weiterverwertet, der Anteil an Werbeanzeigen im eigenen Feed steigt. Denn das Interesse der Konzerne besteht darin, möglichst viel Geld zu verdienen - auch, damit die externen Investoren Gewinn machen können. Von einem alternativen Geschäftsmodell, das sich diesen Dynamiken der Netzökonomie entzieht, ist bei W Social noch nichts zu sehen. Die Netzwerkeffekte sind freilich kleiner als bei herkömmlichen Plattformen wie X oder Instagram. Sind die Menschen mit dem Angebot von W Social unzufrieden, können sie - dank des gemeinsamen Protokolls - einfach zu Bluesky oder Eurosky umziehen. Dennoch bleibt fraglich, wie W Social gleichzeitig ein Angebot schaffen will, das sich an europäischen Werten orientiert, und damit Geld verdient. Den Versprechen der Gründer in diese Richtung glaubt die EU-Politik trotzdem gerne. Denn es passt in das Zielbild ihrer Digitalpolitik, das sich aus den Entscheidungen der vergangenen Jahre deutlich ablesen ließ: Wettbewerbsfähigkeit genoss stets einen höheren Stellenwert als Demokratisierung, Daten- und Verbraucherschutz oder Wahlfreiheit für die Nutzer. Deshalb konnte auch das nicht-kommerzielle Fediverse, ein weiteres alternatives Social-Media-Ökosystem, nie so richtig durchstarten. Im Fediverse versammeln sich verschiedene Angebote, die den unterschiedlichen, kommerziell erfolgreichen Plattformen nachempfunden sind. Es funktioniert ebenfalls über ein gemeinsames Protokoll und ist dezentral angelegt. Das bedeutet, jeder kann selbst zum Anbieter einer kleinen Plattform werden, dort eigene Regeln festlegen und sich und seine Nutzer mit anderen Angeboten vernetzen. Das Fediverse gilt vielen als vielversprechendster Ansatz für ein besseres soziales Internet. Doch die meisten Fediverse-Angebote laufen hauptsächlich auf Spendenbasis. Fördermittel sind rar, für Investoren ist das Fediverse größtenteils unattraktiv, da es ohne Werbung und ohne Algorithmen kaum zur Gewinnerzielung genutzt werden kann. Und so hinkt es bei der Nutzererfahrung den deutlich besser ausgestatteten Ökosystemen hinterher, die sich auf politische Unterstützung und Investorengeld verlassen können. Ob W Social am Ende den großen kommerziellen Erfolg nach Europa bringt, bleibt also fraglich. Es steht in Konkurrenz zu Eurosky und der Fediverse-Alternative Mastodon. Außerdem bietet das Team bislang "nur" einen Kurznachrichtendienst an, der X nachempfunden ist. Das bietet zwar den Menschen eine Alternative, die Elon Musk den Rücken kehren wollen. Doch auch X war nie ein Massenphänomen. Wichtig war die Plattform nie, weil sie besonders viele Nutzer hatte, sondern weil sie intensiv von Politikern, Journalisten, Künstlern, Wissenschaftlern oder Prominenten sowie von Behörden und Institutionen genutzt wurde. Und die breite Masse der Menschen, die statt Microblogging lieber bildzentrierte Angebote wie Instagram oder Videoplattformen wie Youtube oder Tiktok nutzen möchte, wartet sowieso weiter auf eine europäische Alternative, die sich an europäischen Werten orientiert und gleichzeitig bei Nutzungserfahrung und bei der Qualität der Inhalte mit der kommerziellen Konkurrenz mithalten kann.