Wien (KNA) 2019 war Matera in der süditalienischen Basilikata Kulturhauptstadt Europas. Die Schriftstellerin Stefanie Brottrager hat ihre Eindrücke von der Stadt und ihre in Tuffstein gehauenen Höhlen zu einem Text verarbeitet: "Wildwuchs und Methode / Macchia e metodo: Sprachbilder von unten / Immagini linguistiche dal basso", der 2021 als eines der schönsten Bücher Österreichs ausgezeichnet wurde. Der ORF-Hörspielredakteur und -regisseur Philip Scheiner hat nun den Text der Absolventin des Instituts für Sprachkunst der Wiener Universität für angewandte Kunst als 50-minütigen Monolog für die Schauspielerin Maya Unger inszeniert. "Wildwuchs und Methode" kann man als entgegengesetzte ästhetische Prinzipien auffassen, denen Philip Scheiner mit seinem Sounddesign aus sich an Steinen reibender Elektronik und locker bespannter Trommel Rhythmus und Struktur gibt. Dennoch lässt sich nicht verleugnen, dass es sich primär um einen Lesetext handelt, in dessen Zentrum die Sprache in ihrer beschreibenden Funktion steht. Dabei liegt der Fokus aber eben nicht auf dem zu Beschreibenden, sondern auf der Sprache selbst. "Was den Spracherwerb betrifft, so ist man nur teilweise auf Behörden angewiesen. Doch auch das Schweigen will gelernt sein. Der materanische Dialekt ist wie zum Schweigen gemacht, denn die Wörter bestehen aus Zischlauten mit wenigen Vokalen, damit man diese Sprache mit geschlossenem Mund sprechen kann", heißt es gleich zu Anfang. Doch die Welt der Erzählerin in Stefanie Brottragers Text besteht aus Sprache - und geschwiegen wird selten. Nicht einmal als die Protagonistin einen Ted Talk über Langeweile hört und Rilkes "Duineser Elegien" auf Deutsch und Italienisch liest - oder im Radio "Die Pest" von Albert Camus läuft. Das "und" im Titel "Wildwuchs und Methode" lässt sich aber nicht nur als adversativ auffassen, sondern auch additiv, als Wildwuchs der Methoden, denn automatisches Schreiben, die Suche nach Wortbedeutungen im Duden und die abschließende Transformation des Automatismus in eine gegossene Form sind Bestandteile von Brottragers Schreiben. Dabei macht sie merkwürdige Entdeckungen. Als sie der Bedeutung von "Rekapitulation" nachrecherchiert, stößt sie natürlich zuerst auf die "Kapitulation" und dann auf den "Kapitulanten", dessen erste Wortbedeutung laut Duden ein Soldat ist, der sich verpflichtet, über die gesetzliche Dienstzeit hinaus zu dienen. Und schon vor Entdeckung dieser veralteten Wortbedeutung hat Stefanie Brottrager einen Neologismus erfunden. Als ihr Freund ihr ein Pastagericht zubereitet, will sie nirgendwo sonst sein, als bei seiner "Arrabiatheit". In der Mitte des Hörspiels formuliert sie als "plötzliche Einsicht, dass wir uns selbst programmieren, indem wir die Sprache benutzen. Und das hat für sie durchaus Konsequenzen, nämlich die Philosophie als "Seelendehnungstraining" aufzufassen. Was zu dem stoischen Leitsatz führt, die Seele zu "maximaler Exilfähigkeit" zu erziehen. Irgendwann endet die Zeit in Materna und der Text kommt wieder in Wien an, wo natürlich Ö1, das Kulturprogramm des Österreichischen Rundfunks ORF, gehört wird. Der Kreis ist geschlossen. Die Schrift hat zum Radio gefunden, der Text ist von der Zweidimensionalität der Buchseiten in die akustischen Räume des Radios gelangt - analog zu einer typographischen Sentenz im Hörspiel: "Der Weißraum ist für alle da." Insofern ist man als Hörspielhörer, wie auch überhaupt als Kunstbetrachter, immer auch in der Funktion eines Ko-Autors.