Maler auf Mörderjagd - Krimi-Serie im ZDF schickt Surrealisten auf Verbrecherjagd

Von Jan Freitag (KNA)

KRIMI - Im ZDF-Krimi "This is Not a Murder Mystery" gerät der Surrealist René Magritte in einen Mordfall nach Motiven eigener Werke. Die Serie ist also doch Murder Mystery. Und zwar durchaus originelle.

| KNA Mediendienst

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"This is not a murder mystery"

Foto: Panenka/ZDF/KNA

Mainz (KNA) Mystery ist mysteriös, weil das Mysteriöse darin die menschliche Vorstellungskraft übersteigt, aber nie vollständig sprengt. Deshalb lässt sie sich in aller Regel nicht rational erklären, liegt aber doch im Bereich des Möglichen. Sonst wäre es ja Fantasy. Surrealisten wie René Magritte zeigen demnach weder Magie noch Gespenster, sondern geben dem Unterbewusstsein Gestalt - und manchmal auch Gestalten. "Les Amants" zum Beispiel - René Magrittes Gemälde von 1928, als er noch ein Geheimtipp seiner aufstrebenden Kunstgattung war. Es zeigt den leidenschaftlichen Kuss zweier Personen, deren Köpfe in Tücher gehüllt sind. Warum sie diesen Akt ebenso inniger wie distanzierter Zärtlichkeit begrenzen, hat sein Schöpfer trotz stichhaltiger Interpretationen von der persönlichen Traumaverarbeitung bis zur Unergründlichkeit aller Liebe 1967 mit ins Grab genommen. Als ihn im ZDF-Film der englische Kunstmäzen Lord James auf seinen Landsitz bei London eingelädt, bekommt das buchstäblich fantastische Bild jedoch Besuch von der rauen Wirklichkeit. Nach einer rauschhaften Nacht im Kreise seiner Kollegen nämlich erwacht Magritte neben der Performancekünstlerin Sheila Legge, die ebenso wie er selbst in weißes Leinen verhüllt ist - doch er lebt, und sie ist tot. Ein Mord nach malerischem Motiv also. Und das ausgerechnet auf einem Landsitz namens West Dean, dessen Besitzer Lord James höchst real in den späten 1930er Jahren die surrealistische Crème de la Crème versammelt hatte, um eine richtungsweisende Ausstellung in der englischen Hauptstadt vorzubereiten. Alles höchst mysteriös, vieles historisch verbürgt - bis auf den Mord als Handlungsauftakt einer ZDF-Serie, die nicht umsonst "This is Not a Murder Mystery" heißt. Das Drehbuch der Showrunner Matthias Lebeer und Christophe Dirickx macht René Magritte schließlich zum Hauptverdächtigen eines vermeintlichen Kapitalverbrechens, das zwar am Rande des Vorstellbaren mysteriös erscheint. Seine Auflösung aber erfolgt im Laufe der sechs fünfzigminütigen Teile überaus logisch. Inszeniert vom belgischen Action-Regisseur Hans Herbots ("Paris Has Fallen"), sucht der schwer belastete René Magritte (Pierre Gervais) eigenhändig nach dem Mörder und erhält dabei Unterstützung von Scotland Yard. Spätestens der zweite Mord nach Motiven existierender Kunstwerke macht für Chief Inspector Thistlethwaite (Stephen Tompkinson) und seine Kollegin Quant (Donna Banya) alle geladenen Gäste dieser Kunstrichtung kurz vorm Durchbruch dringend tatverdächtig. Ob Salvador Dalí (Iñaki Mur) und seine Frau Gala (Regina Bikkinina), Max Ernst (Mike Hoffmann) oder die Fotografin Lee Miller (Florence Hall), Man Ray (Frank Burke) oder der Kunstkritiker E.T.L. Mesens (Geert Van Rampelberg): In dieser Alternative History genannten Umdeutung zeitgeschichtlicher Ereignisse sind alle angehenden Weltstars potenzielle Killer. Klingt seltsam vertraut? So wie Robert Moore die größten Privatdetektive der Weltliteratur 1976 bei einer "Leiche zum Dessert" (Originaltitel "Murder by Death") versammelt hatte, kaserniert Hans Herbots surrealistische Großkünstler nun ebenfalls in einer Art kriminalistischem Kammerspiel - ohne jeden Humor zwar, aber dafür mit einer Reihe inszenatorischer Makel. Traumatische Kindheitserinnerungen, finanzielle Schwierigkeiten, verbotene Affären oder schlicht Eifersucht als Tatmotive eines Ensembles exzentrischer Emporkömmlinge, Aristokraten und Snobs auszumachen, die sich am Ende zur brillanten Fallanalyse im schönsten Salon des Schlosses/Zuges/Kreuzfahrtschiffs versammeln: Das hat Agatha Christies Hercule Poirot seit 1920 in allen Büchern und mindestens 30 Film- oder Fernsehfiktionen durchexerziert. Pierre Gervais schafft es obendrein, das Wechselbad der Gefühle seiner Hauptfigur mit exakt einer einzigen Mimik - nennen wir sie teilnahmslose Melancholie - zu sedieren. Kriminalkommissarin Quant wirft zudem die Frage auf, ob "This is Not a Murder Mystery" ähnlich wie "Bridgerton" bewusst farbenblind ist oder schlicht vergisst, dass schwarze Frauen im Vereinigten Königreich 1936 bestenfalls Putzkräfte waren. Und da reden wir noch nicht mal von der lausigen Synchronisation, die dem vielsprachigen Personal der europäischen ZDF-Koproduktion ein Deutsch mit Akzent auferlegt, das René Magritte sogar mit seiner belgischen Frau Georgette (Mathilde Warnier) am Telefon spricht. Sehr mysteriös! Davon abgesehen jedoch taugen all die Fieberfantasien, Vexierbilder, Phantasmagorien und Alpträume des Surrealismus so gut zur dramaturgischen Basis mysteriöser Mörderjagden, dass nur ein Aspekt daran noch etwas geheimnisvoller ist: Warum erst jetzt jemand auf diese Idee gekommen ist. Mit 300 Minuten ist der Fünfteiler aus neun Ländern zwar ein bisschen zu lang geraten. Aber insgesamt gelingt es ihm auch mithilfe des originellen Soundtracks (Hannes De Maeyer und Justine Bourgeus), die "Murder Mystery" im Rahmen unserer Vorstellungskraft unterhaltsam zu machen - obwohl sie im Titel behauptet, gar keine zu sein.

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