Hamburg (KNA) Hochhäuser stürzen schwarzweiß in sich zusammen und setzen sich wie von Geisterhand wieder zusammen. Mit diesem kleinen, hübsch altmodischen Zeitraffer-Rückwärtslauf-Filmtrick schafft die 45-minütige "ARD-Story"-Doku am Anfang Aufmerksamkeit, die ihr Thema "Umbau statt Abriss? Zu viele Büros, zu wenig Wohnraum" in der Tat verdient. Im Jahr 2025 seien in Deutschland 699 Bürogebäude abgerissen worden, erfährt man. Warum werden nicht einige dieser vor allem in Großstädten ungenutzten Bauten in Wohnungen umgewandelt, an denen hoher Bedarf besteht? Auf der Suche nach Antworten unternimmt das Filmteam eine Deutschlandreise von Süden nach Norden. In Konstanz am Bodensee wurde ein altes Bundespost-Hochhaus, das zweithöchste Bauwerk der Stadt nach dem Münster, nach langem Leerstand in ein Wohnhaus umgebaut. Schon wegen des Blicks über den See bis zu den Alpen sind die Wohnungen darin nun umso teurer, je höher sie liegen. Das Problem, dass bezahlbarer Wohnraum auf diese Weise eher nicht entsteht, hat ein kommunales Wohnungsunternehmen in Bremen gelöst. Aus einem Kreiswehrersatzamt von 1981, das später als Asylbewerber-Unterkunft genutzt wurde und dann ebenfalls leerstand, machte es preiswerte Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnungen. Eine zwecks Energieeffizienz dazugebaute neue Fassade hält die Nebenkosten überschaubar. Kommunale Unternehmen, die nicht vorrangig Gewinne erwirtschaften sollen, sondern einen politischen Auftrag und guten Zugang zu Fördermitteln aus Bund und Land haben, sollten solche Umbau-Projekte öfter stemmen, rät Dietmar Walberg. Der Kieler Architekt von der "Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen" liefert im Film eine Menge Argumente. Alles in allem würden Umbauten bestehender Bürogebäude höchstens halb so viel kosten wie Wohnungsneubauten, sagt er. Der "grauen Energie" wegen, die in Gebäuden steckt, sei Umnutzung fast auch ökologisch besser als ein Abriss. Selbst Bauten aus der Nazizeit ließen sich ihrer massiven Bauweise wegen noch immer gut umnutzen. Antworten, warum solche Ideen in Deutschland, anders als in Frankreich und weiteren vergleichbaren Staaten, selten umgesetzt werden, gibt in der deutschen Hochhaus-Hauptstadt Frankfurt am Main ein Manager der Gewerbeimmobilien-Firma Colliers Deutschland. Zwar gebe es in weniger guten Lagen einen "Leerstands-Sockel" an Bürohäusern, "der wahrscheinlich gar nicht mehr zu vermieten ist". Doch würden deutsche Auflagen für Umnutzung zu so hohen Kosten führen, dass die Besitzer der Bürobauten lieber abwarten. Aus betriebswirtschaftlicher Logik, der Unternehmen und ihre Manager folgen müssen, sei die Umnutzung des vorhandenen Gebäudebestands nicht unbedingt sinnvoll. Dafür aber aus volkswirtschaftlicher Sicht, widerspricht der Trierer Wirtschaftswissenschaftler Dirk Löhr. Viel weiter in diese Gemengelage dringt die "ARD-Story" dann aber nicht mehr vor. Ob im Lauf der Jahrzehnte zu viele teure baurechtliche Anforderungen aufgelaufen sind, ob eine neu einzuführende "Leerstandssteuer" Immobilieneigentümer zum Umdenken veranlassen würde oder ob die deutsche Bauwirtschaft von Abriss und Neubau stärker profitiert und sich deswegen nicht umstellen möchte: All diese Fragen bleien offen. Dass die NDR-Doku auch noch Bundesbauministerin Verena Hubertz vor die Kamera bekommt, hilft ebenfalls nicht weiter. Die SPD-Politikerin äußert bloß Binsen wie "Wohnen ist ein Menschenrecht". Ob das 300-Millionen-Euro-Förderprogramm "Gewerbe zu Wohnen", das sie kürzlich startete, zu klein ist, um große Wirkung zu entfalten, oder Impulse setzen kann, müsse sich zeigen. Fragen bleiben also offen. Das kann etwas unbefriedigend wirken. Doch in eine solch komplexe Materie tiefer einzudringen, lässt sich von einer Dreiviertelstunden-Doku kaum erwarten. Immerhin schafft sie kompakt Bewusstsein für ein Problemfeld, auf dem sich schnell einiges bewegen ließe - wie jedes ungenutzte Bürohaus zeigt.