Straßburg (KNA) In Ruanda, Bosnien, Libyen und Syrien ereigneten sich jeweils unvorstellbare Massenmorde an Zivilisten. Die USA schauten dabei entweder tatenlos zu, oder sie intervenierten militärisch. In beiden Fällen wurde die Supermacht kritisiert. Eine Arte-Dokumentation rekapituliert die US-Außenpolitik seit dem Ende des Kalten Krieges. Dror Moreh, bekannt durch seinen Oscar-nominierten Dokumentarfilm "The Gatekeepers", nimmt dabei die zögerlichen US-Interventionen bei massenhaften Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Blick. Als Kronzeugin dient dem israelischen Regisseur die einflussreiche Diplomatin und Buchautorin Samantha Power. Deren Biografie erweist sich auch als Schlüssel zur Thematik der gesamten Dokumentation. Während ihrer Arbeit als Korrespondentin im Jugoslawienkrieg wurde sie mit dem Massaker von Srebrenica konfrontiert, bei dem etwa 8000 Bosnier in kürzester Zeit von Serben erschossen wurden. Das Versagen der Großmächte angesichts dieses massenhaften Tötens, das unter den Augen der Weltöffentlichkeit stattfand, motivierte sie zu einer mehrjährigen Arbeit, die in der 2003 erschienenen, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Abhandlung "A Problem from Hell: America and the Age of Genocide" gipfelte. In diesem 600-seitigen Buch greift Power die Frage auf, warum amerikanische Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg nicht die Bahngleise nach Auschwitz bombardierten - obwohl damals detaillierte Beweise über das Massenmorden in den Gaskammern vorlagen. Ausgehend von diesem Versäumnis - für das es bis heute keine befriedigende Erklärung gibt - nahm die Autorin massenhafte Ermordungen von Zivilisten nach dem Kalten Krieg unter die Lupe: mit besonderem Augenmerk auf die jeweiligen Reaktionen der USA und deren Begründungen. Ein Schlüsselereignis ist Saddam Husseins Giftgasangriff auf Kurden im Nordirak im Jahr 1988, ein Massaker, bei dem der damalige Diktator etwa 180.000 Menschen ermorden ließ. Samantha Power stieß auf eine Depesche aus dieser Zeit, welche die Haltung der amerikanischen Regierung zum Ausdruck bringt: "Von Menschenrechten und von dem Einsatz chemischer Waffen abgesehen, decken sich unsere Interessen weitgehend mit denen des Irak". Diese erschreckende Haltung führte Samantha Power unter anderem auf ein Defizit in der Sprachregelung zurück: So vermied die amerikanische Politik in der Nachkriegszeit bewusst den Begriff "Völkermord". Da dieser Begriff nach dem Holocaust eine moralische und politische Sprengkraft erhalten hatte, wollte man durch seine Verwendung nicht unter Handlungsdruck geraten. Die Autorin rückte ihn daher ins Zentrum ihrer Argumentation. Vor diesem Hintergrund richtet der Film eine Großaufnahme auf die Clinton-Regierung, die sich 1994 in Ruanda mit der Ermordung von über 800.000 Menschen konfrontiert sah. Dennoch vermied auch der damalige US-Präsident den Begriff Genozid. Und er befürwortete obendrein noch aus Sicherheitsgründen den Abzug der vor Ort stationierten Blauhelm-Truppen der UN. Der Film erinnert daran, dass die Clinton-Administration nach dieser Fehleinschätzung in Bosnien (1994) und später im Kosovo (1999) militärisch intervenierte. Der Begriff Genozid wurde dabei aber weiterhin vermieden. In der Nachfolgezeit schärfte Samantha Powers Publikation den Begriff Völkermord als moralischen und politischen Begriff. Im Rückbezug auf das "Nie wieder" bezüglich des Holocausts wurde er fest in der öffentlichen Debatte verankert. Als ehemalige Beraterin der Obama-Administration gibt die Autorin im Film differenzierte Einblicke in die Entscheidungsfindung beim US-Militärschlag in Libyen sowie bei der geplanten Intervention gegen das Assad-Regime in Syrien. Der rote Faden, den der Film knüpft, endet mit einem Rückblick auf die grausame Massenmorde in Syrien in den Jahren 2015/16. Möglich wurde dieser Genozid an der eigenen Zivilbevölkerung, weil Russland seinerzeit eine geplante US-Militärintervention zur Entmachtung des Diktators Assad blockierte. Den Begriff Genozid vermied der damalige US-Präsident Obama auch hier - obwohl Samantha Power ihn mehrfach dazu gedrängt hatte. Der Film ist eine Zumutung, im positiven Sinn. Mit bemerkenswerter Akribie zeichnet die Dokumentation nach, wie Entscheidungsträger im Weißen Haus Menschenrechte und diplomatische Erwägungen gegeneinander abwägen. Zu Wort kommen Außenminister aus einer Reihe von US-Regierungen, darunter Madeleine Albright, Colin Powell, Hillary Clinton und der 2023 verstorbene "elder statesman" der US-Außenpolitik, Henry Kissinger. Die Bilder vom Morden in Ruanda und Srebrenica, teilweise erstmals gezeigt, sind verstörend. "Kulissen der Macht" ist ein eindringliches Plädoyer dafür, die Wortwahl Genozid als moralischen und politischen Begriff ernst zu nehmen - und nicht inflationär zu gebrauchen.