Mainz (KNA) Weniges im Medienbetrieb ist so beständig wie die Polit-Talkshow-Schienen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Sandra Maischberger und Markus Lanz talken seit Jahrzehnten, Maybrit Illner gar seit 1999. Wenn in der Riege mal ein neues Gesicht auftaucht, erregt das Aufmerksamkeit. Für fünf Wochen im Sommer sendet nun Sarah Tacke, Jahrgang 1982, Illners Sendeplatz. Offenkundig soll da etwas ausprobiert werden. Tacke ist ein ZDF-Gesicht. Als Leiterin der Redaktion Recht und Justiz kommentiert sie in Nachrichtensendungen und präsentiert Sendungen wie "WiSo" und "Am Puls". Ihre Sendung über das Bürgergeldsystem erregte im Mai viel Aufsehen, Kritik und sogar Programmbeschwerden. Das gestattet die Annahme, dass das ZDF der keineswegs immer unberechtigten Kritik an eher links stehenden Galionsfiguren wie Jan Böhmermann und Dunja Hayali mit einem eher konservativ grundierten Gesprächsformat begegnen will. Dass Tacke Routine als Presenterin besitzt und beim Gehen gut in die Kamera sprechen kann, vor der sie dann auch selber Stimmen von Passanten auf der Straße einholt, spielt sie aus. So startet ihre Talkshow, anschließend sitzen sich zunächst drei Gäste an einem kleinen Tisch im Studio gegenüber. Zuschauer fehlen, da Saal-Publikum Gäste unbewusst veranlasse, auf Zustimmung oder Applaus zu hoffen, hatte Tacke zuvor in Interviews erklärt. Mit der dritten Ausgabe am späten Donnerstagabend lieferte sie, nach zwei ordentlichen Sendungen, das Beispiel eines eher misslungenen Gesprächs. Sicher war noch leidlich unterhaltsam, wie sich Kevin Kühnert, Ex-SPD-Generalsekretär und nun beim Verein Finanzwende e.V., die Familienunternehmerin Andrea Thoma-Böck und der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen zum Thema "Vermögen ohne Leistung - wie ungerecht ist Erben?" austauschten. Doch klüger wurde vorm Fernseher wohl niemand, weil es der Runde an gemeinsamen Nennern mangelte. So sagte Raffelhüschen, die in Deutschland derzeit gezählten Armen zählten zu den "reichsten Armen" der Geschichte, weil sie sich mehr leisten könnten als einst der Mittelstand. Und kaum ein Land der Welt besteuere erbende Familienmitglieder so hoch wie Deutschland. Kühnert trug bei, dass Deutschland ein "Niedrigsteuerland bei Vermögenswerten" sei und selbst die USA Vermögen höher besteuerten. Nicht nur einmal brachte er das Beispiel des Springer-Chefs Mathias Döpfner aufs Tapet, der eine Schenkung von Springer-Aktien mit Milliardenwert praktisch steuerfrei bekommen habe - was weiten Teilen des Publikums kaum vertraut gewesen sein dürfte. Wie das wohl war und wie überhaupt das deutsche Erbschaftsrecht derzeit funktioniert, wurde allerdings nicht erklärt. Im Oktober wird ein klärendes Bundesverfassungsgerichts-Urteil erwartet; auf das hatten die Diskutanten schon jetzt unterschiedliche Ansichten, ohne dass die Sachlage eingeordnet wurde. Das war ein Versäumnis der ohnehin wenig präsenten Moderatorin. Dass die später in die Runde geholte Gründerin des "Netzwerks Chancen", Natalya Nepomnyashcha, dann noch eine Quote für "soziale Aufsteiger" in Unternehmens-Vorständen forderte, trug auch nichts zur Schlüssigkeit der Diskussion bei. Es gehört zu Tackes Ideen, die Runde für das letzte Viertel der einstündigen Talkshow um einen vierten Gast zu ergänzen. Das hatte sich vor allem in ihrer Debüt-Ausgabe bewährt. Dieser Talk hatte sogar die weiterhin seltene Konstellation einer Mehrheit von Gästen mit Migrationshintergrund aufgewiesen. Die Autorin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal, Extremismusforscher Ahmad Mansour und der später hinzugestoßene Tugay Sarac, Ex-Salafist und bekennender Homosexueller, waren freilich nicht sehr unterschiedlicher Meinung - und sich interessanterweise oft auch mit dem ebenfalls geladenen NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) einig. Zum mutmaßlich islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day am Wochenende zuvor fanden sie aber deutliche Worte. "Wir sind eine Gesellschaft, die Menschen für Apple-Produkte begeistert, aber nicht für Menschenrechte", sagte etwa Mansour. Als Jesidin und Kurdin nannte Tekkal Islamismus und Rechtsextremismus "böse Zwillinge", die sich gegenseitig verstärken würden. Mit Aussagen wie "Wie kriegen wir die Infos im Netz besser sortiert, ohne ein Überwachungsstaat zu werden?" gab Reul den erfahrenen Politiker. Die Forderung nach einer "Brandmauer auch zum Islamismus" von Sarac brachte später noch mehr Fahrt in die Debatte. Konkret berichtete er von Erfahrungen seiner Aufklärungsarbeit an Berliner Schulen. Nicht, beim Thema Diskriminierung, aber sobald es um Queeres geht, würden ihm Aggressionen begegnen, so Sarac. Und auch konkrete Beispiele dafür, wie islamistische Positionen in ZDF-Sendungen ("Forum am Freitag") wie auch in Institutionen Nordrhein-Westfalens, dem Beirat für islamischen Religionsunterricht, geäußert würden, hatte er mitgebracht. Die Absicht, das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorsichtig angefasste Thema Islamismus auf die Tagesordnung zu setzen, ging also auf. Es werde zu selten angesprochen, weil viele den "Vorwurf des antimuslimischen Rassismus" fürchten, sagte Tekkal. Dabei seien es, global gesehen, meistens Muslime, die den Islamismus bekämpfen. Die zweite Folge hieß "Mehr arbeiten, weniger krank sein - rettet das Deutschland?" Die Absicht war auch hier erkennbar. Tatsächlich fanden die pragmatischen Diskutanten, der deutsch-dänische Politiker Claus Ruhe Madsen (CDU) und Thüringens Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) nach anfänglichem, erwartbarem Streit über eingespielte Friedrich-Merz-Aussagen auch einige gemeinsame Nenner. Madsen, aktuell Wirtschaftsminister in Schleswig-Hollstein, forderte, nicht immer alle Merz-Aussagen auf die Goldwaage zu legen, und erklärte, der dänische Arbeitsmarkt sei "sehr lebendig", weil es dort gar keinen Kündigungsschutz gibt. Ramelow hatte viele konkrete Beispiele aus Thüringen mitgebracht und plädierte für Tarifverträge, durch die ein "höheres Maß an Flexibilität", etwa auch höhere Wochenarbeitszeiten möglich sei. Gut ausgewählt als Gast war die Chefin eines Malerbetriebs, die glaubhaft berichtete, dass ihre Angestellten aus steuerlichen Gründen mit 190 Stunden Arbeitszeit im Monat mehr Geld netto verdienen würden als mit 210 Stunden. Ob der später hinzugeholte ehemalige Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Quentin Gärtner, der das zu geringe Wagniskapital und - obwohl er selbst den datenschutzfreundlichen Grünen angehört - die deutsche Übererfüllung der EU-Datenschutz-Vorgaben kritisierte-, neue Aspekte einbrachte, darüber ließe sich streiten. Aber pointierte Aussagen ("Allein McDonalds soll über 100 Millionen Euro von der Senkung der Gastrosteuer profitieren") hatte er dabei. Insgesamt ging es vergleichsweise fokussiert zu - auch weil sich Tacke Fragen zur Parteien-Arithmetik und möglicher Zusammenarbeit in den ostdeutschen Bundesländern verkniff. Selbst das Mätzchen, das Fernsehpublikum zum Abfotografieren eines auf dem Bildschirm eingeblendeten QR-Codes und so zum Abstimmen zu animieren, ergab bei der Frage "Wären Sie bereit, länger als acht Stunden am Tag zu arbeiten?" gewissen Sinn. Am Ende sollen drei Viertel von rund 30.000 Menschen, die mitmachten, eine entsprechende Bereitschaft geäußert haben. Dass Tacke zeitweise mehr Wert aufs Managen der vorbereiteten Einspieler zu legen schien als aufs eigentliche Gespräch, lässt sich durch noch fehlende Routine erklären. In den beiden ersten Shows kam sie dem zwischendurch selbst formulierten Ziel, Lösungsperspektiven zu erarbeiten, zumindest nahe. Neu erfunden hat Sarah Tacke das offenbar unverwüstliche TV-Genre Polit-Talkshow damit nicht. Aber Andeutungen, wie es mit leichter Variationen etwas jünger weitergehen könnte, liefert ihr Sommerpausenfülll schon. Dass die dritte Sendung dieses Niveau nicht hielt, spricht nicht dagegen, sondern zeigt eher, dass zu solchen Formaten je nach Weltlage und Tagesform auch Durststrecken gehören. Nicht zuletzt die weiter offene Frage, ob die Tacke-Talkshow denn nun tatsächlich eher konservativ grundiert ist, sollte künftigen Ausgaben Interesse sichern.