Leipzig (KNA) Er ist wieder da. Seit April soll Boris Lochthofen als neuer, künftig standortübergreifender Programmdirektor das bislang zwischen Halle und Leipzig aufgeteilte Gesamtangebot des MDR unter einen Hut bringen. Das ist kein ganz leichtes Unterfangen, aber als ehemaliger Leiter des MDR-Landesfunkhauses Thüringen von 2016 bis 2023 kennt der 1975 im sächsischen Rodewisch geborene Journalist und Medienmanager den Laden und seine Befindlichkeiten. 2023 hatte Lochthofen selbst für den Posten des Intendanten kandidiert, die MDR-Gremien entschieden sich damals aber für den seinerzeitigen Verwaltungsdirektor Ralf Ludwig. Dass Lochthofen jetzt keine drei Jahre nach seinem Abgang in die freie Wirtschaft wieder beim öffentlich-rechtlichen Sender anheuert, liegt auch an den politischen Herausforderungen, mit denen sich der MDR vor allem durch die AfD konfrontiert sieht, berichtet er im Interview des KNA-Mediendienstes. KNA-Mediendienst: Herr Lochthofen, die AfD will - sollte sie nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt die Regierung stellen - als Erstes die Rundfunkstaatsverträge abschaffen. Auch den über den MDR. Wie fühlt sich das an? Boris Lochthofen: Ja, wir stehen im 100-Tage-Programm der AfD als öffentlich-rechtlicher Rundfunk als Thema an erster Stelle, aber nicht bei den Leuten, wenn es um ihre Motivation für eine Wahlentscheidung für die AfD geht. Wir sind mit Blick auf die großen Frustmarker bei den Menschen nicht Top 1. Aber aktuell ist die Aufmerksamkeit wie immer in entscheidenden Wahlkampfphasen sehr hoch, und dort ist unsere Chance, sehr intensiv im direkten Kontakt klarzumachen: Wir, der MDR, sind diejenigen, die jeden Tag hier bei den Menschen sind, ihre Themen teilen, sichtbar machen - und das mit einem breiten Angebot und hoher journalistischer Qualität und Objektivität - rund um die Uhr im Fernsehen, Radio, in allen digitalen Angeboten. Und das will die AfD den Menschen in Sachsen-Anhalt wegnehmen. MD: Trotzdem kommt diese Auseinandersetzung im MDR-Programm selbst kaum vor. Gerade eben gab es ein "MDR Exactly" zum Thema "Wenn die AfD regiert - Was würde sich in Sachsen-Anhalt ändern?". Da wurden alle Punkte, vor allem im Kulturbereich, thematisiert - nur nicht der MDR selbst. Warum diese Zurückhaltung? Lochthofen: Zunächst mal: Es ist Sache der Redaktion oder des Autors oder der Autorin, was wie thematisiert wird. Außerdem müssen wir nüchtern betrachten, wie relevant wir selbst als Thema in diesem Wahlkampf für die Menschen tatsächlich sind. Das gehört zum journalistischen Reality Check. Die Frage nach der Zukunft des MDR ist den Menschen nicht unwichtig, aber nicht das alles Entscheidende bei dieser Wahl, so weit jedenfalls unsere Wahrnehmung. Unsere Programme in ganzer Breite im Wahlkampf für uns selbst zu nutzen, wäre ungeachtet dessen auch journalistisch nicht akzeptabel. Natürlich thematisieren wir die Herausforderungen für den MDR, aber immer in der gebotenen Balance mit den harten politischen Themen, die die Menschen mehr bewegen. MD: Das hört sich ziemlich zurückhaltend an. Lochthofen: In Sachen Unternehmenskommunikation - also nicht journalistisch - sind wir allerdings rund um die Uhr unterwegs, um jeden Tag deutlich zu machen: Was tun wir seit 1992 in diesem Land, was bedeuten wir für die Menschen? Klar lässt sich fragen: Ist das zu viel Zurückhaltung angesichts einer für den MDR und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk riskanten Gemengelage? Aber ich glaube, es ist richtig, sich in den Dienst für die Menschen zu stellen, unseren Job für sie klar nach unserem publizistischen Auftrag zu machen und uns selbst als Thema erst auf einer zweiten Ebene mitzuführen. MD: Was erwarten Sie denn konkret bei einem Sieg der AfD? Das Wahlprogramm ist widersprüchlich: Da wird einerseits die sofortige Kündigung der Staatsverträge versprochen, gleichzeitig heißt es aber: "Wir setzen uns für mehr Eigenverantwortung des MDR ein". Haben Sie eine Idee, wie das zusammenpasst? Lochthofen: Nein. Das passt nicht zusammen. Ich sehe das als Versuch, von den Stärken des MDR zu profitieren. Wir haben eine große Nähe zu unserem Publikum, wir sind ein regional sehr starker Sender und genießen hohes Vertrauen bei den Menschen. Und die AfD ist sehr gut darin, absurde Widersprüche zusammenzubinden, wenn es taktisch passt. Also einerseits auf der abstrakten Ebene zu sagen, dieser ganze öffentlich-rechtliche Rundfunk muss weg - und gleichzeitig für den MDR mehr Freiraum zu fordern, weil sie eben wissen, dass über 70 Prozent der Menschen hier in Mitteldeutschland sagen, der MDR ist unser Sender und unser Vertrauensanker, wenn es darum geht, mir zu erklären, was hier alles passiert. Wie sich dieser Widerspruch in der Programmatik am Ende ausbuchstabieren würde, ist völlig unklar. MD: Gibt es denn konkrete Erkenntnisse, wie es um die AfD-Anhängerschaft unter den MDR-Mitarbeitenden bestellt ist? Lochthofen: Bei uns gibt es keinen Gesinnungstest. Beim MDR arbeiten insgesamt rund 3.700 Beschäftigte - festangestellt und frei - in allen Regionen unserer drei Länder, und damit haben wir natürlich ein Spiegelbild der Gesellschaft bei uns im Haus. Das ist auch gut. Denn so wird unsere Nähe zu den Menschen im Land erst möglich, die deshalb ihre Ansichten, ihre Freuden, ihre Sorgen, ihr Leben sehr unmittelbar mit uns teilen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, die Breite von Ansichten abzubilden und Uneindeutigkeit auszuhalten. Das hat den MDR schon immer aus- und stark gemacht. MD: Warum hält der MDR dann einen Kabarettisten wie Uwe Steimle nicht mehr aus? Lochthofen: Das war vor meiner Zeit in diesem Job, aber wie ich es damals wahrgenommen habe, ist der MDR ja ziemlich weit und ziemlich lange mit Herrn Steimle mitgegangen. Aber seine immer aggressivere Positionierung gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und auch gegen den MDR als Auftraggeber war irgendwann zu viel. Ich kenne keinen, der dafür bezahlt, sich beschimpfen zu lassen. MD: Der MDR ist Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dem die AfD den Kampf angesagt hat. Die "Süddeutsche Zeitung" hat am vergangenen Wochenende getitelt: "Schaut auf diesen Sender". Entscheidet sich am MDR die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Systems insgesamt? Lochthofen: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Man sollte mit Superlativen vorsichtig sein. Wir sind in der heutigen Zeit gerne schnell dabei, bestimmte Dinge zu grundstürzenden Tatsachen zu erklären, ohne dass wir wirklich konkret absehen können, wie gravierend sich bestimmte Ereignisse dann ausprägen. Ich halte diese Republik insgesamt für sehr stabil und auch ihren verfassungsrechtlich geschützten öffentlichen Rundfunk. Aber selbstverständlich wäre eine breite Kündigung von Staatsverträgen mit dem Ziel, dem öffentlich-rechtlichen System grundsätzlich zu schaden, eine bislang nicht gekannte Erschütterung für den MDR und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. MD: Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt nicht die Regierung stellt, sondern nur die größte Oppositionspartei wird, ist doch auch nicht wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen. Wie bereitet sich der MDR auf dieses Szenario vor? Lochthofen: Wir haben in Mitteldeutschland ja schon Erfahrung, was den Umgang mit unklaren oder schwierigen Mehrheitslagen in Parlamenten angeht. Das fordert uns jeden Tag berichterstatterisch, und auch ohne eine Regierungsübernahme der AfD gibt es ja schon heute sichtbare Auswirkungen in den mitteldeutschen Parlamenten, wenn man beispielsweise an die Blockaden von Landtagsentscheidungen mit qualifizierten Mehrheiten denkt. Wir werden sehen, ob bei der nächsten Legislatur unserer Gremien die AfD dann etwa in den Rundfunkrat einzöge. Aber für die Menschen in Sachsen-Anhalt, ihre Sichtbarkeit in der ARD und mit Blick auf unsere Organisationsstruktur wäre es selbstverständlich das sehr viel bessere Szenario, wenn es nicht zu einer Kündigung der Staatsverträge käme. Denn wir müssten dann nicht einen relevanten Teil unserer Zeit und auch Ressourcen dafür aufbringen, uns damit zu beschäftigen, wie wir uns juristisch positionieren und wie wir uns als Unternehmen organisatorisch und inhaltlich ohne Sachsen-Anhalt aufstellen. MD: Herr Lochthofen, Sie haben den MDR 2023 verlassen, nachdem Sie nicht Intendant wurden. Jetzt sind Sie wieder da - warum eigentlich? Lochthofen: Weil ich eine hohe Bindung an diese Region habe und an dieses Haus, das hier und heute schon jetzt stellvertretend für die gesamte Republik Themen verhandelt, die einige Zeit später alle in Deutschland gemeinsam betreffen werden. Ich bin in Sachsen geboren, lebe in Thüringen und habe jetzt einen Arbeitsvertrag in Sachsen-Anhalt, weil mein offizieller Sitz in Halle ist. Der MDR ist der einzige richtige mediale Vollsortimenter in Mitteldeutschland, der in einem hohen Maße publizistisch handlungsfähig ist - in Stadt und Land. Und er integriert die Menschen in dieser Region. Ich halte das für eine enorm wichtige Aufgabe - und wenn man hier lebt, hier seine Kinder zur Schule schickt und diese Region sein Zuhause nennt, dann darf einem darum zu tun sein.