Berlin (KNA) Olaf Sundermeyer berichtet für den RBB und die ARD seit rund 20 Jahren über Innere Sicherheit und extremistische Bewegungen. Den Aufstieg der AfD hat er von Anfang an verfolgt und bereits 2018 eine viel beachtete Biografie über den heutigen AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland ("Gauland - Die Rache des alten Mannes") geschrieben. In seinem neuen Buch "Blaues Land - Über Leben mit der AfD" analysiert er deren Aufstieg zur Volkspartei in Ostdeutschland und benennt die Versäumnisse der anderen Parteien, aber auch der Medien. Im Interview des KNA-Mediendienstes spricht er über die Rolle des Lokaljournalismus, den Fokus auf Großstädte und den Sinn und Unsinn von Sommerinterviews. KNA-Mediendienst: Herr Sundermeyer, was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem bei der medialen Berichterstattung über die AfD? Olaf Sundermeyer: Das ist zum einen die fortschreitende Normalisierung des Rechtsextremismus, der in Gegenden, in denen die AfD stark ist, immer weniger problematisiert werden kann. Heißt: Wir berichten hier über den rechtsextremen Kern der AfD und ihre Verbindungen zur Neonazi-Szene. Aber das scheint für viele Menschen im 'blauen Land', für unsere Nutzer hier, überhaupt nicht mehr relevant zu - lediglich bei ihren erklärten Gegnern, die sich in Köln oder Hamburg darüber empören, wenn sie's denn mitkriegen. MD: Bei diesem "Mitkriegen" spielen die Medien ja eine große Rolle... Sundermeyer: Ja, aber auch da gibt es diese Distanz, aus der die Partei und ihre Protagonisten oftmals gedeutet werden, aus der Berliner Perspektive. Die AfD wird aus einer Bundesperspektive verstanden, es geht um die Sicht ihres Bundesvorstands, ihrer Bundestagsfraktion und so weiter. Der faktische Aufstieg allerdings erfolgt in der Fläche, über einzelne Landesverbände, zunächst vor allen Dingen im Osten - und jetzt auch im Westen. Aber die Spiegelung und die Perspektive der AfD erfolgt meist aus Berlin. Weshalb die Geschichte, wie die AfD in der Fläche so stark werden konnte, wie es zu ihrer Verankerung dort kam, aus dem Blick geriet. MD: Und die Regionalmedien konnten das nicht kompensieren? Sundermeyer: Kaum, denn ausgerechnet dort, wo die AfD besonders stark ist - in Ost wie West - haben die Medien vor Ort strukturelle Schwächen und wirtschaftliche Probleme. Da sind Lokal- und Regionalredaktionen ausgedünnt, und den einzelnen Journalisten fällt es ohnehin schwer, eine konsequente Berichterstattung zu leisten. Dazu ist die Berichterstattung über die AfD und ihre Gesinnungsgemeinschaft zeitlich aufwendig, braucht Ressourcen und Expertise. Da muss man mit viel journalistischer Power reingehen. Und diese Power, die ist in der Fläche selten vorhanden - nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in der westdeutschen Provinz. Dieses Zusammenspiel aus Metropolen-Zentriertheit und medialer Schwäche in der Region macht sich die AfD zunutze, über eigene "alternative" Medien oder die strategische Partnerschaft mit anderen rechtsalternativen Medien.. MD: Wer lokal oder regional über die AfD berichtet, setzt sich natürlich auch der direkten Konfrontation mit ihrer jeweiligen Führung und ihren Anhängern aus. Kann das auch eine Rolle spielen? So nach dem Motto: Die wissen, wo meine Kinder zur Schule gehen, da stecke ich dann lieber mal ein bisschen zurück, damit ich keinen Ärger bekomme. Sundermeyer: Nach meiner Beobachtung gibt es da, wo die AfD regional besonders stark ist, in den Redaktionen eine Art menschlich begründete Beißhemmung. Weil dort häufig die Sorge besteht, in persönliche Konfliktlagen zu kommen, setzt man sich nach Möglichkeit erst gar nicht aktiv mit der AfD auseinander. Denn das ist keine Partei wie jede andere. Klar, sie ist zugelassen, sitzt demokratisch gewählt in den Parlamenten. Aber bei der AfD muss man mit Rechtsextremisten umgehen, die häufig medienfeindlich agieren. MD: Das ist keine ganz neue Entwicklung, Sie konstatieren in "Blaues Land" jetzt aber eine neue "Qualitätsstufe". Sundermeyer: Die erreichen wir in dem Augenblick, in dem die AfD erstmals über Mehrheiten verfügt. Das haben wir zum Beispiel in Brandenburg seit den Kommunalwahlen 2024: Die AfD stellt fast flächendeckend die stärksten Fraktionen in den Kommunalparlamenten, in den Kreistagen oder Stadtverordnetenversammlungen. Das kommt jetzt auch in anderen Bundesländern - selbst im Westen. In Gelsenkirchen beispielsweise ist die AfD die stärkste Partei. Damit hat sie eine faktische Wirkungsmacht vor Ort, mit der Journalisten umgehen müssen. Dazu kommt: Alle Redaktionen haben größte Sorge, im Umgang mit der AfD Fehler zu machen. Denn nicht nur die Partei selbst, sondern auch die anderen rechtsalternativen Medien, achten mit Argusaugen auf faktische oder auch nur vermeintliche Fehler, die andere Medien machen. MD: Und nutzen die zum Angriff ... Sundermeyer: Ja, das wird dann über die Sozialen Medien öffentlich skandalisiert und mit Blick auf die betroffenen Journalisten personalisiert. Auch deshalb gibt es diese weitverbreitete Beißhemmung unter Journalisten, die AfD vor allen Dingen in der Fläche erst gar nicht anzupacken, zumal die AfD besonders klagefreudig ist. Das läuft auf der Bundesebene etwas anders, auch weil die großen Redaktionen von "Spiegel", "Zeit", ARD, ZDF, usw. ganz andere Ressourcen haben. Hier setzen sich Korrespondenten ausschließlich mit der AfD auseinander und haben einen entsprechenden Rückhalt in ihren Redaktionen. In der Fläche dagegen nutzt der AfD die vorauseilende Angst vieler Journalisten vor einer Auseinandersetzung, der sie sich oftmals nicht gewachsen sehen MD: Sie schreiben in Ihrem Buch sinngemäß, liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn ihr euch mit der AfD beschäftigt, müsst ihr euch dieser Folgen bewusst sein. Und wenn ihr diese Risiken nicht eingehen wollt oder die nötige Zeit und Sorgfalt, die man da an den Tag legen muss, nicht aufbringen könnt oder wollt, dann lasst lieber die Finger davon. Jetzt stecken aber gerade die lokalen und regionalen Medien in der Zwickmühle, dass es oft an genau diesen Ressourcen fehlt. Sundermeyer: Das ist meine große Sorge: Journalisten, die sich aktiv mit der AfD auseinandersetzen, brauchen unbedingt einen starken Rückhalt in ihren Redaktionen und Medienhäusern. Dazu gehört Unterstützung auf allen Ebenen: journalistisch, juristisch, aber was viel zu oft weggelassen wird: Es geht auch um die ganz persönliche Ebene, also um soziale und seelische Unterstützung, wenn sie unter Druck geraten. Die AfD feindet Journalisten an, erklärt sie im Netz faktisch als vogelfrei und wirft sie dem rechten Online-Mob zum Fraß vor. Das ist eine Angriffskulisse, die man nur aushalten kann, wenn die Redaktion vollkommen hinter einem steht. Die AfD weiß das und kennt die Schwächen des Systems - auch weil es viele ehemalige Journalisten gibt, die heute bei der AfD arbeiten oder in alternativen Medien unterwegs sind. MD: Wie sollten die betroffenen Journalisten damit umgehen? Sundermeyer: Ich kann allen, die sich mit der AfD auseinandersetzen, nur raten: Vergewissert euch des Rückhalts eurer Redaktion. Denn einen automatischen Bonus für die Auseinandersetzung mit der AfD gibt es in den meisten Redaktionen nicht. Du bist da dauernd in der Rechtfertigungsschleife: Ist das auch richtig, sind da keine Fehler, sind deine Quellen sicher? Können wir den Nachweis bringen? Ist jedes einzelne Zitat wasserdicht? Natürlich ist am Ende kein Journalist davor gefeit, Fehler zu machen. Die AfD zwingt uns aber dazu, noch sorgfältiger, noch gewissenhafter zu arbeiten. Die wichtigste Ressource dabei ist Zeit - und die haben viele Kolleginnen und Kollegen in den Lokalredaktionen leider nicht. MD: Sie schreiben im Buch über den Brandenburger AfD-Fraktionsvorsitzenden Hans-Christoph Berndt, er spreche nur dann mit Medien, wenn es ihm etwas bringt. Die AfD nutzt ja sowohl das demokratische System als auch eben die Art und Weise, wie Medien funktionieren, um beides de facto gegen sich selbst zu kehren. Wie kommt man aus dieser Zwickmühle heraus? Sundermeyer: Indem man konsequent weiter ernsthaften und guten Journalismus macht, der sich an Qualitätskriterien und professionellen Standards orientiert und sich nicht in einem politischen Kampf verliert, der im Journalismus nichts zu suchen hat. Wir müssen uns mit dieser Partei auseinandersetzen, sie wird schließlich von 30 bis 40 Prozent der Menschen im Osten unterstützt und gewählt, bundesweit von 20 Prozent. Das ist die politische Realität. Dabei sollte man wissen, wie die AfD medial operiert, ihre Strategien kennen MD: Wie meinen Sie das? Sundermeyer: Die Landtagsfraktion in Brandenburg beispielsweise macht einmal in der Woche eine Fraktions-PK. Da geht es aber nicht wie bei normalen Pressekonferenzen um Informations- oder Meinungsvermittlung. Die AfD macht das Format in erster Linie für die eigene Gegenöffentlichkeit. Dabei wird dann mit großer Manpower diese "PK" abgebildet und gestreamt - und Herr Berndt und seine Fraktionskollegen sind nur darauf aus, in einen Konflikt, eine Auseinandersetzung mit den anderen Journalisten zu kommen und diese und ihre Fragen vorzuführen. Da wird man dann namentlich benannt und angegriffen. Ganz egal, ob es sich um den Reporter der "Bild"-Zeitung, einen RBB-Journalisten, jemanden von DPA oder die Kollegin von den "Potsdamer Neuen Nachrichten" handelt: Alle werden für die eigene Öffentlichkeit vorgeführt und gleichzeitig wird das klassische Mediensystem kritisiert und abgewertet. Auch wenn heute ein Fernsehinterview geführt wird, haben viele AfD-Politiker ihre Social-Media-Teams mit dabei oder werden von rechtsalternativen Medien begleitet, um das Interview für die eigene Gegenöffentlichkeit umzudeuten. Führende AfD-Vertreter versuchen es inzwischen zu vermeiden, in Eins-zu eins-Situationen mit Journalisten zu kommen. Das muss uns klar sein. MD: Ist es aber nicht? Sundermeyer: Natürlich kann ich jederzeit sagen, entweder wir sprechen jetzt alleine oder ich führe kein Interview. Aber das muss ich der Redaktion dann erst mal verklickern, die doch unbedingt den O-Ton von Herrn Berndt oder Alice Weidel haben will. Die AfD nutzt die etablierten Medien, um sie vorzuführen, und baut gleichzeitig sukzessive die Relevanz der eigenen, rechtsalternativen Medien aus. Das kann nicht nur Donald Trump, an dem sie sich orientiert. MD: Wie resilient sind die Medien in Deutschland denn überhaupt? Diese Debatte gewinnt ja gerade erst ein bisschen Fahrt, weil mit den Wahlen in Sachsen-Anhalt auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als erklärtem Lieblingsfeind der AfD nochmal ganz andere Herausforderungen zukommen. Der "Initiativkreis öffentlich-rechtlicher Rundfunk" hat sich vergangene Woche zu Wort gemeldet und Maßnahmen gefordert, um ARD und ZDF sturmfest zu machen. Haben wir - also die Medien und vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk - hier zu lange geschlafen? Sundermeyer: Auf jeden Fall. Da wurde auf den Bundestag und möglicherweise noch auf die Landtage geschaut, je nachdem, wo die einzelnen Sender und Medienhäuser sitzen. Dazu gab es dann so Standards à la "Wir müssen die AfD irgendwie entlarven"; die Zielmarke war immer: Wie führe ich ein Sommerinterview mit Alexander Gauland, Alice Weidel, oder Tino Chrupalla? Aber die politische Lebenswirklichkeit, auch die Konfrontation mit Journalisten, findet in der Fläche statt. Dort, wo wir in manchen Regionen jetzt von der AfD als Volkspartei sprechen können. Aber viele Medien haben sich nicht darauf eingestellt, ihre Journalisten nicht darauf vorbereitet und unterstützt. Dabei liegt viel Last in der Auseinandersetzung mit der AfD auch auf den Schultern des Lokaljournalismus, nicht nur bei den Moderatoren von Polit-Talkshows und großen Nachrichtensendungen oder bei den Hauptstadtkorrespondenten. MD: Trotzdem hatten die beliebten Sommerinterviews ja gerade wieder Hochkonjunktur... Sundermeyer: Die journalistische Auseinandersetzung mit der AfD dreht sich viel zu sehr um diese Formate, die intensiv redaktionell vorbereitet werden. Dagegen liegt der Kern der Auseinandersetzung mit der AfD im Kreistag in Prenzlau, oder in den Stadträten von Wurzen oder Hildburghausen - aber das ist dabei aus dem Blick geraten. Dabei findet dort der eigentliche Vortrieb der AfD statt, in Neubrandenburg und Plauen, auch in Gelsenkirchen und Kaiserslautern. Dort müssen die Journalisten fit sein, ganz egal ob öffentlich-rechtlicher Rundfunk oder andere Medien, die muss man empowern. Was diese Forderung des Initiativkreises angeht, sage ich es mal auf den Punkt: Diese Erkenntnis kommt reichlich spät.