Psychogramm eines Unternehmens - Whistleblowerin beleuchtet Facebooks gefährliche Doppelmoral

Von Vera Linß (KNA)

SACHBUCH - Immer wieder geraten Facebook und der Mutterkonzern Meta in negative Schlagzeilen. In ihrem neuen Buch beschreibt die Whistleblowerin Sarah Wynn-Williams ihre erschreckenden Erlebnisse in der Führungsetage des Konzerns.

| KNA Mediendienst

alt

Facebook

Foto: Basit Zargar/Imago/KNA

Köln (KNA) Insiderberichte über Facebook sind nichts Neues. Weltweites Aufsehen erregte etwa Frances Haugen. Die Whistleblowerin hatte 2023 ihre Erfahrungen öffentlich gemacht und mit den "Facebook-Files" belegt, wie das Unternehmen aus Profitgier psychische Erkrankungen bei Teenagern in Kauf nimmt. Im letzten Jahr dann kamen die Erinnerungen von Sarah Wynn-Williams heraus, bis 2017 Direktorin für Global Public Policy bei Facebook. Und die rütteln noch mal richtig auf! Ihre Schilderungen sind so spektakulär, dass Mark Zuckerberg höchstselbst die Veröffentlichung verhindern wollte. Jetzt ist ihr Buch auf Deutsch erschienen. Das Packende am Bericht der Neuseeländerin: Zum einen die Brisanz ihrer Einblicke, denn sieben Jahre lang war sie Teil des engsten Führungszirkels von Facebook. Vor allem aber macht ihr persönlicher, reportageartiger Stil das Buch zu einem echten Pageturner. Sarah Wynn-Williams nimmt einen mit in die Privatjets von Zuckerberg und Co-Chefin Sheryl Sandberg, an den Verhandlungstisch mit Spitzenpolitikern und nach Menlo Park, dem Zentrum des Tech-Konzerns. Sie zeichnet Dialoge nach, zitiert aus Firmenmails und beschreibt dabei immer wieder, wie sie sich fühlt. Entstanden ist eine Mischung aus kritischer Analyse und der Geschichte einer jungen Frau, die nach Jahren desillusioniert das Unternehmen verlassen muss. Denn eigentlich wollte die einstige Diplomatin dabei helfen, gemeinsam mit Regierungen weltweit transparente Regeln aufzusetzen, nach denen die Inhalte des Netzwerks reguliert werden sollten. Doch schnell zeigt sich: Bei Facebook ist man völlig desinteressiert an Politik. Überraschend trifft sie auf eine Konzernspitze, die zudem Liberalität nur inszeniert und sich mit Ja-Sagern umgibt. Selbst beim Würfelspiel, so schildert es Sarah Wynn-Williams, lassen die Mitarbeiter Mark Zuckerberg gewinnen. Und auch der "Lean in"-Feminismus von Sandberg, die ihr Team immer wieder mit Wutanfällen traktiert, entpuppt sich als leeres Versprechen. Das Konzept "Lean in" will eigentlich Frauen in ihrer Position stärken und für mehr Gleichberechtigung in der Arbeitswelt sorgen. Doch noch im Kreißsaal wird Sarah Wynn-Williams angerufen, sie solle sich um die Geschäfte kümmern. Dass diese derselben Doppelmoral unterliegen, ist auch Teil dieses Berichtes. Zwar beteuert Facebook stets, sich für Demokratie einzusetzen. Parallel aber dient sich der Konzern autoritären Politikern an. Etwa dem chinesischen Staat, dem das Netzwerk (anders als behauptet) Zugang zu Nutzerdaten verspricht - als Gegenleistung für einen Markteintritt. Oder Donald Trump, dem es Tools zur Verfügung gestellt hat, mit denen er den Wahlkampf manipulieren konnte. Empörend die Details, die hier zutage treten. Facebook-Mitarbeiter waren über Monate eingebunden im Wahlkampfteam von Donald Trump, um den Wahlhelfern zu zeigen, wie man mit Fehlinformationen und Hetze Stimmen generiert. Sichtbar wird hier: Der Schwenk von Mark Zuckerberg auf Trump-Kurs hat seine Ursprünge schon in den 2010er Jahren. Und in Myanmar hat Facebook 2017 tatenlos zugeschaut, wie mit Desinformation reale Gewalt geschürt wurde. All das belegt Sarah Wynn-Williams mit ihrer Augenzeugenschaft. Und sie macht so eindringlich klar, was passiert, wenn einige wenige Tech-Milliardäre die Macht haben, zu entscheiden, wie sie wollen. Anders als noch Frances Haugen hat sie wenig Hoffnung, dass sich Facebook noch zum Besseren wenden wird. Denn ihre Bemühungen (und die anderer integrer Mitarbeiter), gegenzuhalten, laufen immer wieder ins Leere. Sie muss gehen, nachdem sie ihrem Chef sexuelle Belästigung vorwirft. Dass ihr niemand aus der Führungsetage beispringt, ist nur ein weiteres Puzzleteil im Psychogramm eines Unternehmens, dem man als Nutzer letztendlich nur noch den Rücken kehren kann.

Lesen Sie weiter auf www.KNA-News.de