Bonn (KNA) "Darknet-Bubi oder -Boss", "Pate des Darknet" - solche kräftigen Schlagzeilen hagelt es zu laut dräuender Musik zu Beginn der dreimal dreißigminütige Doku-Serie "SUDO - Vom Schüler zum Darknet-Boss". Relativ bald im spannungsheischenden Mix zeigt sich der, um den es dabei geht: ein schmächtiger junger Mann. Einst als Teenager stieg er zum Betreiber der Darknet-Plattform "Deutschland im Deep Web 3" (DIDW3) und damit "einer der größten Drogenplattformen" auf. Nun erzählt er, wie es dazu kam. "Ich bin der Louis", sagt er mit offenem Gesicht in die Kamera. Das Pseudonym Sudo gab er sich nach einem Admin-Befehl mit "höchstmöglichen Rechten". Offenkundig musste Louis irgendwann ins Gefängnis, das zeigt früh eine der nachgestellten Szenen. Offenkundig ist er geläutert, wie sich seinen durchaus gewitzten Schilderungen entnehmen lässt. Ein paar weitere Erzählstränge flankieren seinen Bericht. Der "Zeit"-Journalist Jens Tönnesmann und ein Cybercrime-Ermittler des Bundeskriminalamts äußern sich, außerdem ein Freund und eine Freundin aus der Schulzeit. Viele Freunde hatte Louis freilich nicht, sondern wurde am niederbayerischen Wohnort gemobbt. Wenn er berichtet, dass er "in die Toilette bugsiert, mein Kopf in die Schüssel gedrückt" wurde, wird auch das darstellerisch nachgestellt. Zum dokumentarischen Gestus passt das nicht, sondern es wirkt spielfilmhaft. Und die entsprechende Geschichte nimmt ihren Lauf: Von allen unterschätzt, arbeitet sich der junge Außenseiter in Computer und das Internet ein und entwickelt Fähigkeiten, von denen sein Umfeld nichts ahnt. In ihrem getragenen bis zerdehnten Tempo entfaltet diese Erzählung einen gewissen Reiz, aber auch Schwächen. Zu denen gehört, dass Louis zwar pfiffig, aber unwidersprochen seine eigene Sicht der Dinge erzählt. Der Journalist äußert sich eher affirmativ, der Polizist plaudert aus dem Nähkästchen des eigenen Erfolgs, der darin bestand, den ominösen Sudo schließlich identifiziert zu haben. Weitere Einordnungen fehlen, und außer für Louis' Umfeld gilt das auch für jene virtuellen Online-Foren und -Märkte, in denen sein Pseudonym bekannt wurde. Erst spät im 90-minütigen Verlauf erfährt man ein wenig über den anonymisierenden Internet-Browser Tor und das Dark oder Deep Web, in das er führt. Louis empfand seine Plattform DIDW3 als "Ort der Freiheit", an dem sogar Hardcore-Neonazis mit Hardcore-Salafisten diskutierten, und als seine "Wohlfühloase" gegenüber dem tristen Schulalltag. Dass sein Forum sich auch als Marktplatz, zwar nicht für Waffen und Kinderpornos, aber für Drogen etablierte, wird beiläufig erwähnt. Spät erläutert Louis, dass das Darkweb sich "eigentlich ideal" für Drogenhändler eignet, weil sie ein eigenes Image und Endkundenkontakte aufbauen, zum Beispiel Mengenrabatt anbieten können. Über solche Entwicklungen, die mit Sudos Enttarnung ja nicht beendet wurden, mehr zu erfahren, wäre interessant gewesen. Das leistet die Doku nicht, obwohl ihr Protagonist dazu sicher einiges sagen könnte. Dass Online-Drogenhändler gar nicht mitbekommen, welches Elend Drogen anrichten, und daher kein Unrechtsbewusstsein haben, erwähnt Tönnesmann beiläufig in der dritten Folge. Zwar kann die eigentümliche Kontrastwirkung zwischen dem unscheinbaren Äußeren des Protagonisten und den Wirkungen, die er erzielte, zeitweise faszinieren. Doch über die Dauer des Formats trägt das nicht - vor allem, weil es wenig zu sehen gibt. Spät erst wird deutlich, dass dem geläuterten Louis bereits ein Podcast der "Zeit", "Hausmeister der Finsternis", galt. Auch da wirkte Tönnesmann mit. Tatsächlich funktioniert auch die Doku-Serie der ARD vor allem über wortreiche Schilderungen und hat visuell wenig zu erzählen. Stilisierte Aufnahmen von Provinzödnis und allerhand nachgestellten Szenen illustrieren halbwegs funktional die Atmosphäre und wirken nur manchmal überflüssig. Ansichten von Computer-Monitoren und Internetforen gelten mit Recht nicht als Hingucker. Außer den Gesichtern der einst Beteiligten gibt es hier wenig zu sehen. Vielleicht wird die Kurzfassung des 90-Minüters, die die ARD im linearen Fernsehen zeigen wird, dem Potenzial des Stoffes gerechter als die lange Mediatheken-Version.