Bonn (KNA) Seit Jahrzehnten gibt es im Iran immer wieder Massenproteste gegen die Regierung. Zuletzt ging die Opposition im Januar gegen die Mullahs auf die Straße. Es folgten staatliche Gewalt, Verhaftungen und Hinrichtungen. Spätestens seit Ende Februar, als Israel und die USA den Iran angriffen und sich ein Krieg entsponnen hat, der bis heute andauert, hat das Interesse an der Demokratiebewegung nachgelassen. Eine fatale Entwicklung, findet die Aktivistin und Journalistin Daniela Sepehri. Denn internationale Öffentlichkeit sei das einzige, was den Oppositionellen in den Gefängnissen des Regimes überhaupt so etwas wie Schutz verschaffen könne. Über das Versagen der Medien im Angesicht von Menschenrechtsbewegungen im Ausland hat sie nun ein Buch mit dem Titel "Wenn ihr wegseht, werden wir getötet" geschrieben. Im Interview des KNA-Mediendienstes spricht sie über mediale und politische Solidarität, die strukturellen Probleme des Journalismus in Deutschland und das Spannungsfeld zwischen Journalismus und Aktivismus. KNA-Mediendienst: Frau Sepehri, Ihr Buch über die Demokratiebewegung im Iran heißt "Wenn ihr wegseht, werden wir getötet". Wer ist "ihr" und wer ist "wir"? Daniela Sepehri: Wir alle können sowohl das "Ihr" als auch das "Wir" sein. Ich habe diese Aussage zum ersten Mal während der "Frau, Leben, Freiheit"-Proteste 2022 im Iran wahrgenommen. Da haben die Menschen gesagt: Wenn ihr anfangt, wegzuschauen, wenn die Welt sich nicht mehr für uns interessiert, dann fängt das Morden erst so richtig an. Und genauso ist es gekommen. Im Frühjahr 2023 ebbte das Medieninteresse für die Protestbewegung international ab, weil die großen Demonstrationen auf den Straßen ausblieben. Im Mai 2023 begann dann eine Hinrichtungswelle, die bis heute anhält und immer schlimmer wird. Ich finde das fatal. Wir als Medien haben die Macht, zu entscheiden, welchen Protesten wir mit unserer Aufmerksamkeit Legitimation geben. Mir ist es wichtig, dass ich nicht nur solidarisch mit den Menschen im Iran bin, weil ich da familiäre Verbindungen habe. Es geht auch um Syrien, um Afghanistan, um Palästina, um Kurdistan, um die Jugendproteste in Nepal oder Indien. MD: Sie sagen, wir widmen den Protesten nicht genügend Aufmerksamkeit. Geht es dabei nur um Medien? Sepehri: In meinem Buch unterscheide ich zwischen drei Bereichen: Zivilgesellschaft, Medien und politische Entscheidungsträger:innen. Als Medien haben wir die Macht, zu entscheiden, welche Proteste wir sehen und sichtbar machen. Hier mache ich ganz konkrete Vorschläge. Ich weiß ja, dass der Journalismus nicht 24/7 über die Menschenrechtslage im Iran berichten kann. Aber man könnte in jeden Artikel, der sowieso über Iran geschrieben wird, einen Satz zur Menschenrechtslage einbauen. Von den politischen Entscheidungsträger:innen brauchen wir Solidarität. Wann hat sich der Bundeskanzler das letzte Mal zur Menschenrechtslage im Iran geäußert? Wo ist der Mann, der sich in der Opposition noch für Menschenrechte eingesetzt hat? Was ist das für eine Solidarität, wenn wir nach Iran abschieben, wenn wir humanitäre Visa nahezu unmöglich machen? MD: Mit Blick auf die Medien: Warum ist die Lage so, wie sie ist? Ist das Absicht, Nachlässigkeit, Ignoranz, fehlendes Wissen, fehlende Ressourcen? Sepehri: Ein Mix aus allem. Der Journalismus erlebt gerade eine Zeit struktureller Unterfinanzierung. Dazu kommt viel Unwissen. Wenn ich als unabhängige Reporterin im Iran nicht zugelassen bin, ist es natürlich schwierig, mir dort ein Netzwerk aufzubauen. Aber dann kommt Ignoranz hinzu. Man kann doch zum Hörer greifen und eine iranischstämmige Journalistin anrufen und fragen. Wir sehen Betroffene aber oft nur als Betroffene und nicht als Menschen mit Expertise. Wenn ich zum Iran interviewt wurde, wurde ich oft nur gefragt, wie es mir persönlich oder meinen Verwandten geht. MD: Ihre Medienkritik ist im Buch ja relativ pauschal gehalten. Sie differenzieren wenig zwischen unterschiedlichen Medienhäusern. Sepehri: Ich habe ganz bewusst keine konkreten Medienhäuser genannt, weil es mir nicht um einzelne Häuser geht. Ich habe in jedem Medienhaus Journalist:innen, mit denen ich super gerne arbeite. Bei mir geht es um eine strukturelle Kritik, um etwas ganz Grundsätzliches. MD: Das bedeutet aber, Sie sehen die Mängel flächendeckend? Sepehri: Ja, aber immer mit verschiedenen Nuancen. Oft sind es einzelne Journalist:innen, die sich in den Redaktionen wirklich bemühen, das Thema Menschenrechte im Iran auf dem Schirm zu haben. Aber dass wir zu wenig auf die Menschenrechtslage schauen, beobachte ich flächendeckend. MD: Sie kritisieren zum Beispiel, dass Medien sich zu stark auf die Perspektive von Staaten und zu wenig auf die von Menschen konzentrieren. Wie kann man das in der täglichen Berufspraxis ändern? Sepehri: Man muss es wollen. Natürlich kann ich mir aus einer Nachrichtenagentur holen, was der Präsident der Islamischen Republik Iran gesagt hat, und das einfach so stehen lassen und neutral nennen. Es gibt aber keine neutrale Berichterstattung, weil man immer entscheidet, wen man zu Wort kommen lässt. Es ist wichtig, festzuhalten, was der Präsident oder der Oberste Führer zu einer Angelegenheit gesagt haben, zum Beispiel, wenn sie die Protestierenden als "Terroristen" bezeichnen. Aber dann frage ich eben noch eine Aktivistin, eine Journalistin, eine Menschenrechtsorganisation, wie sie das einordnen. MD: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die aktuelle Protestbewegung im Iran keine richtige Führungspersönlichkeit hat. Wie findet man in einer heterogenen Protestbewegung die richtigen Ansprechpersonen? Sepehri: Das hängt immer davon ab, ob es im Iran gerade eine Internetsperre gibt. Es gibt heute schon Medien, die sich an mich oder meine Kolleg:innen wenden und fragen, ob wir ihnen Stimmen aus dem Iran besorgen können. Obwohl ich als Aktivistin eine eigene Meinung habe, versuche ich als Journalistin immer, einen Mix aus Aktivist:innen und nichtpolitischen Menschen zu sammeln. Zu anderen Themen ist es ja auch möglich, ausgewogen zu berichten, das geht zu Iran auch gut. MD: Wie ist das eigentlich, wenn man gleichzeitig Aktivistin und Journalistin ist? Wie halten Sie die Rollen auseinander? Sepehri: In meiner Vorstellung von Aktivismus ist jeder Mensch Aktivist für irgendetwas. Gleichzeitig kenne ich die journalistischen Standards und halte sie ein, wenn ich journalistische Texte schreibe. Ich finde meine Rolle als Aktivistin total bereichernd für die journalistische Arbeit, weil ich dadurch ein großes Netzwerk an Leuten habe, auf die ich zugreifen kann. Wenn ich dann als Aktivistin eine Rede auf einer Demonstration halte, mache ich immer klar, dass ich als Aktivistin dort bin. MD: Wie wirkt sich die Journalistin auf die Aktivistin aus? Sepehri: Zum Beispiel auf Social Media. Auf Instagram agiere ich, den Plattformlogiken entsprechend, emotionaler als in meiner journalistischen Arbeit. Gleichzeitig arbeite ich auch dort nach journalistischen Standards, habe Quellen parat und achte darauf, keine Fake News zu verbreiten. Als zu Beginn des Krieges die ersten Gerüchte aufkamen, dass der Oberste Führer Ali Chamenei getötet wurde, hatten wir stundenlang nur die israelische Quelle für die Nachricht. Ich war, glaube ich, die letzte Person in Deutschland, die etwas dazu gepostet hat, weil ich auf eine zweite Quelle gewartet habe. Viele meiner Follower haben mir geschrieben, dass sie sich gewundert haben, aber dass sie auch erstmal abwarten wollten, bevor sie etwas reposten, weil sie gesehen haben, dass ich noch nichts gepostet hatte. Das hat mir gezeigt, dass ich als vertrauenswürdige Seite wahrgenommen werde, wo man sich Nachrichten holt. Deswegen glaube ich, dass Journalismus und Aktivismus sich nicht ausschließen. MD: Sie kritisieren, dass Medien immer nur zu großen Anlässen auf das Geschehen im Iran blicken, wenn der Protest auf den Straßen massenhaft sichtbar wird. Gleichzeitig schreiben Sie, dass sich der Protest gegen das Regime auch auf andere Weise ausdrückt, etwa wenn Frauen den Hidschab verweigern. Nun wird man als Journalist im Normalfall durch einen Anlass erst aktiviert. Wie entscheiden Sie denn, wann der Moment ist, auch mal auf die leiseren Themen zu schauen? Sepehri: Ich versuche prinzipiell immer, nach den leiseren Themen zu suchen. Interessant ist für mich, was nicht in den Nachrichten kommt. Diese Themen finde ich auf Nischenseiten, auf Twitter-Seiten von Aktivist:innen. Wenn Friedrich Merz etwas sagt, berichten sowieso alle darüber. Dann habe ich entweder einen lustigen oder neuen Take dazu, oder halt nicht, aber die Leute bekommen es schon mit. Wenn in Syrien ein Mann aufgrund der Folter in einem Polizeiverhör gestorben ist, bekomme ich davon aus syrischen Medien mit. Ich schaue mir also bewusst die kleineren Dinge an und versuche, die dann in einen größeren Kontext zu setzen. MD: Viele Redaktionen arbeiten heute sehr zahlengetrieben und richten sich danach, was gut geklickt und viel gelesen wird. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Berichterstattung den politischen Gefangenen Mut machen kann. Wie sehr kommt es dabei darauf an, dass die breite Masse in Deutschland solche Texte liest und sie hohe Klickzahlen haben? Oder hilft diese Berichterstattung auch, wenn sie nicht viel geklickt wird und einfach nur da ist? Sepehri: Vorneweg: Das Arbeiten nach Klickzahlen ist für mich Teil des strukturellen Problems des Journalismus. In einer idealen Welt würde sich der Journalismus nicht für Klickzahlen interessieren. Ich finde, da ist es an uns, ein Gleichgewicht zu finden. Ich nehme diesen Punkt aber auch immer wieder mit in die Zivilgesellschaft und sage, dass die Menschen bewusst Texte über die Menschenrechtslage lesen sollen, und dass man Fanpost an die Medienhäuser seines Vertrauens schicken und diese Berichterstattung einfordern kann. Da liegt die Verantwortung auch bei uns als Konsument:innen. MD: Und die Wirkung für die Menschen vor Ort? Hilft es trotzdem, auch wenn es hierzulande nicht die breite Masse interessiert? Sepehri: Absolut. Das hören wir immer wieder von politischen Gefangenen und ihren Angehörigen. Wenn es etwas gibt, das helfen kann, dann ist es Öffentlichkeit. Die Verhörer in Isolationshaft wollen dir glaubhaft machen, dass die Welt dich vergessen hat. Wenn du dann hörst, dass irgendwelche Aktivist:innen auf einer Demonstration deinen Namen gesagt haben, dass ein Politiker ein Bild von dir in eine Kamera gehalten hat, ein Medium in Deutschland über dich berichtet, dann gibt dir das Hoffnung. Außerdem sorgt Berichterstattung immer dafür, dass diese Verbrechen dokumentiert werden. Das ist wichtig, wenn man die Verantwortlichen irgendwann vor internationalen Gerichten zur Rechenschaft ziehen will. MD: Ist das die Aufgabe von Journalismus? Zu entscheiden, wie berichtet wird, anhand der Frage, wann diese Berichterstattung vor Ort konkret helfen könnte? Sepehri: Daniela Sepehri aus Redaktion XY ist nicht dafür verantwortlich, dass das Regime im Iran niemanden festnimmt, foltert oder hinrichtet. Dafür ist ausschließlich das Regime verantwortlich. Aber wenn Daniela Sepehri für Redaktion XY gerade einen Text zu Iran schreibt und mitbekommt, dass dort gerade mal wieder tausende Menschen festgenommen wurden oder die Hinrichtungen zunehmen, dann kann ich das ja mit aufnehmen. Wir haben eine Verantwortung, diese toten Winkel auszuleuchten. Wenn wir nicht darüber reden, machen wir uns zu Komplizen. MD: Am Ende Ihres Buches haben Sie einige Ihrer Protagonisten gefragt, was echte Solidarität ausmacht. Wie würden Sie die Frage mit Blick auf den medialen Bereich selbst beantworten? Sepehri: Echte Solidarität von Medien würde für mich bedeuten, dass wir mehr Bewusstsein haben, wie wichtig Menschenrechte im journalistischen Betrieb sind. Bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit gibt es keine journalistische Neutralität. Da gibt es eine Seite, auf der wir stehen müssen, und das ist die Seite der Menschenrechte.