Frankfurt (KNA) Das Studium ist teuer, unbezahlte Praktika nerven, der Nebenjob auch: Was ist da die naheliegendste Lösung? Logisch: Escort-Girl werden! Dafür jedenfalls entscheidet sich die BWL-Studentin Nelly in der neuen ARD-Serie "Selling Sex". Jobbeschreibung: Kunden gegen Bezahlung zu Treffen oder Veranstaltungen begleiten und ihnen für sexuelle Aktivitäten zur Verfügung stehen. Es winken: das schnelle Geld und ein Upgrade für das eigene Liebesleben. Was will man mehr? Nun, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn wo die Serie den Anspruch formuliert, "Sexarbeit auf eine klischeefreie, differenzierte und moderne Weise" zu zeigen, sind zwar Spuren dieses Versuchs sichtbar. Insgesamt ist er aber nach hinten losgegangen. Doch von vorn: Nelly, Ende 20, meldet sich bei einer Escort-Agentur an, die von Frauen geführt wird. Dass das nicht zwangsläufig ein Qualitätskriterium ist, wird im Laufe der Serie zumindest klar. Spätestens dann, wenn eine Escort-Kollegin seitens der Agentur für ihren "Mom-Body" und ihre Kaiserschnittnarbe kritisiert wird, mit dem Hinweis, sie möge sich doch bitte operieren lassen. Doch zunächst scheint Nellys Plan aufzugehen, denn schon bald hat sie eine erste Verabredung. Davor trinkt sie sich erstmal Mut an, was nicht dazu beiträgt, Nellys Entscheidungen als "selbstbestimmt" wahrzunehmen, wie es von der ARD zu der Serie heißt. Denn das passiert auch später immer wieder. Und auch der finanzielle Druck lässt Zweifel aufkommen, ob Nelly sich wirklich selbstbestimmt für diese Arbeit entscheidet. Eine mahnende Stimme in Nellys Umfeld ist ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Bonnie, die sich um ihr Wohlergehen sorgt. Auch ihre Freunde diskutieren über ungleiche Verhältnisse für Männer und Frauen in der Gesellschaft - zum Beispiel über die ungleiche Verteilung von Carearbeit. Angesprochen wird auch, dass man in der Gesellschaft am besten zu Geld kommt, wenn man reich geboren wird. Hier klingt immerhin ein bisschen Gesellschaftskritik an, für die in der Serie insgesamt aber noch viel mehr Platz gewesen wäre. Später sind Nelly und drei weitere Escort-Girls auf dem Weg zu einem Junggesellenabschied - natürlich trinken sie dabei wieder permanent. Nelly macht sich Sorgen, versucht einmal sogar, sich vor dem Termin zu drücken und spricht eine Frau an der Tankstelle an, ob sie sie mit zurücknimmt. Doch diese äußert sich abfällig über "billige Tussis", die sich nicht wundern müssten, dass sie Männer erregen, wenn sie so herumlaufen. Nelly reagiert völlig zu Recht mit Wut. Denn leider ist derartiges Denken in der Gesellschaft immer noch weit verbreitet. Dieser Moment wäre ideal, um Nellys innere Konfliktlage zu vertiefen - doch die Serie nutzt ihn nicht. Nelly reagiert trotzig und fährt doch mit zum Junggesellenabschied. Auch einige weitere kritische Punkte werden in der Serie angerissen, aber nicht ausgeführt. Zum Beispiel die Macht, die Männer haben, die die Escort-Girls bewerten. Verhalten sich diese übergriffig und wehren sich die Frauen, gibt es eine schlechte Bewertung. Ebenso wird mehrfach angedeutet, dass die Frauen ihren Kunden eine gute Zeit bescheren sollen und damit in gewisser Weise nur Mittel zum Zweck sind und dass es nicht um ihre persönliche Befriedigung geht. Doch auch hier kratzt die Serie nur an der Oberfläche. Bonnie, die Designerin werden will, arbeitet im späteren Verlauf der Serie an einer Kollektion namens "Workwear for Sexworkers", die schließlich auch präsentiert wird. Die rosafarbenen Spitzenvorhänge, die von verschiedenen Models gezeigt werden, sind sicherlich Geschmackssache. Viel problematischer ist etwas anderes: Eine Kindheitserinnerung, in der Bonnie erzählt, wie sie und Nelly im Kindergarten ihre Badeanzüge auszogen und nackt herumliefen, wird als Moment feministischer Befreiung inszeniert. Hier wird kindliche Unbefangenheit als Metapher für weibliche Selbstbestimmung genutzt - dabei aber ignoriert, dass Kinder besonderen Schutz brauchen und dass ihre Körper nicht als Projektionsfläche für erwachsene Emanzipationsfantasien dienen dürfen. Stattdessen wird eine komplexe gesellschaftliche Debatte auf eine symbolische Anekdote reduziert. Nellys Abwesenheit bei der Modenschau führt dann auch zum Streit. Bonnie versucht ihr klarzumachen, wie verletzt sie ist - zumal sie ein Kleid extra für Nelly geschneidert hat. Nelly nimmt das nicht ernst, spricht nur über sich selbst und geht kaum auf Bonnie und ihre Bedenken ein. Sie behauptet steif und fest, dass ihr neues Leben sie erfüllt. Angesichts ihrer zuvor gezeigten Unsicherheit und der Tatsache, dass ihre Dates offenbar nur mit Alkohol funktionieren, wirkt das wenig glaubwürdig. Am Ende der letzten Folge wird schließlich Nellys neue Strategie vorgestellt: Sie will Workshops für Prostituierte geben, in denen diese lernen sollen, ihr Geld sinnvoll anzulegen. Finanzstrategien für Frauen sind zweifellos ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Doch dass Nelly Kritikern an dieser Stelle Doppelmoral und Frauenfeindlichkeit vorwirft, wirkt angesichts der Tatsache, dass Menschenhandel und Ausbeutung in der Prostitution weiterhin Realität sind, befremdlich. Dabei berührt Nelly eigentlich eine zentrale Frage: Ist Prostitution ein normaler Job? Darüber müsste diskutiert werden - ebenso darüber, wie sich die Freiheit der Frauen, die diese Arbeit tatsächlich freiwillig machen, zu den Gefahren von Ausbeutung und Zwang verhält. Anknüpfungspunkte gäbe es genug, denn schon zu Beginn rahmt Nelly ihre Tätigkeit mit wirtschaftlichen Begriffen. Hier wurde die Chance einer wirklich differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema Zwang und Freiwilligkeit also vertan. Den Platz nehmen stattdessen unnötig in die Länge gezogene erotische Szenen und der permanente Alkoholkonsum ein. Am Ende laufen Nelly und ihre Freundinnen oberflächlich grinsend durch die Gegend. Ein klärendes Gespräch mit Bonnie und deren berechtigten Sorgen? Fehlanzeige. Nellys Selbstzweifel, die sie zwischendurch immer wieder hatte? Scheinen sich in Wohlgefallen aufgelöst zu haben. Am Ende bleibt nur ein oberflächliches "Friede, Freude, Eierkuchen".