Blau-weißes Gefälligkeitsgutachten - Sky-Doku über die Aufstiegssaison von Schalke 04 ist verdeckte PR

Von Jan Freitag (KNA)

DOKU - Die Sky-Doku "Mythos Schalke" begleitet den Club durchs Aufstiegsjahr 2025/26 und bietet dabei das, was gestreamte Club- oder Starporträts häufig liefern: werbewirksamen Fanservice.

| KNA Mediendienst

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"Mythos Schalke"

Foto: mach2media/Sky/KNA

Unterföhring (KNA) Wenn der Begeisterungschor "Oh, wie ist das schön" durchs Stadion schwappt, obendrein begleitet vom La Ola genannten Freudentaumel wallender Arme, ist die Fußballwelt meist ziemlich in Ordnung. Es sei denn, das traditionsüberfrachtete Heimteam liegt mit 0:2 gegen einen Dorfverein aus Elversberg hinten und landet am Ende der Saison nicht wie geplant auf dem 1. bis 3., sondern auf dem 14. Platz - dann handelt es sich bei der Jubelwelle zweifelsohne um Sarkasmus. "Das tut mir als Beobachter wirklich weh", hört man Ralf Bosse anderthalb Jahre später an gleicher Stelle darüber klagen. Seltsamerweise klang der Sky-Reporter dabei weit trauriger als 62.000 blau-weiße Fans am 18. Mai 2025 in der Veltins Arena, die den Serienmeister prähistorischer Tage lautstark verspotten, bevor sie ihn mit Schimpf und Schande in die dritte Zweitligasaison nacheinander entlassen. So beginnt eine Dokumentation, die durchgängig so übellaunig geklungen hätte, wäre der FC Schalke 04 in der folgenden Spielzeit nicht wider Erwarten in die Bundesliga zurückgekehrt. Der zynische Auftaktgesang war also nur Ouvertüre einer Oper, die Christoph Küppers fortan 60 Minuten lang in heiter bis wolkiger Euphorie badet. "Get your fucking self ready and fasten seatbelts", brüllt der neue Trainer Miron Muslic bei seiner ersten Ansprache durch die Kabine. Seine Spieler wirken zwar eingeschüchtert, aber es wirkt. Nach souveränem Auftaktsieg gegen Hertha BSC Berlin zeigen sich die 33 folgenden Spiele nämlich als Heldenreise. Und die liebt, die will, die braucht das Fußballland im Stadion, im Publikum, im Strafraum, also überall dort, wo sich damit Geld verdienen lässt. Viel Geld. "Mythos Schalke" ist deshalb nicht nur die nächste Langzeitbeobachtung aus dem Inneren des deutschen Leib- und Magensports. "Ein Leben lang", so der Untertitel, bezeichnet obendrein eine wechselseitig lukrative Geschäftsbeziehung ohne vorherigen Vertragsabschluss. Das sportpublizistische Prinzip dahinter lautet, analog zur militärisch eingebetteten Kriegsberichterstattung: Embedded Documentarism. Keine Erfindung, aber eine Perfektionierung der Amazon Studios. Denn vor acht Jahren schwappte deren Formatlabel "All or Nothing" aus dem American Football in den europäischen Fußball. Zum Auftakt wurde damit das arabische Investment Manchester City mit einer achtteiligen Imagekampagne im journalistischen Flecktarn promotet. Ohne lästige Informationen über Financial Fairplay oder autokratische Sponsoren feierte die Serie Pep Guardiolas milliardenschweres Team bis zur Besinnungslosigkeit. Damit schuf Prime Video die Blaupause ähnlicher Gefälligkeitsgutachten. Ähnlich rentabel ist außerdem kritikfreier Starkult. Im Juni 2020 zum Beispiel steckte Robert Bohrer an gleicher Stelle schussbeintief im Allerwertesten von Bastian "Schw31ns7eiger", zuletzt zwängte sich Netflix durch den Enddarm von "Poldi" Podolski. Und während die Rekapitulation der WM 1994 "Elf Helden, ein Albtraum" erst kürzlich viel Kritikerlob ernten konnte, war "Mission Sommermärchen" bei Sky pure Feelgood-PR für den Standort Deutschland. Auf diesen Marketingzug der guten Laune springt nun auch Mach2Media. Eher Werbeagentur als Filmproduzentin, stellt die Medienagentur zwar mitunter echte Fußballdokus her. Sie wirken allerdings oft wie Imagekampagnen. Als RTL-Schüler mit Amazon-Expertise ist ihr Autor Christoph Küppers demnach die Idealbesetzung für eine Dienstleistungsanalyse, mit der sich Schalke 04 als Malocher-Club von nebenan präsentieren darf. Ein bodenständiger Traditionsverein, der noch immer Kohlestaub im Kassenbuch hat und damit sogar Weltstars wie Edin Dzeko erdet. Dass "Mythos Schalke" trotz dieser wohldosierten Werbewirksamkeit kein reiner Fan-Service ist, liegt an der Fallhöhe des porträtierten FC. Anders als die Münchner Bayern, deren Dauerdominanz selbst eigene Anhänger abbrüht, ist der Gelsenkirchener e.V. eine vielschichtig unterhaltsame Dramaqueen mit Skandalgarantie und wirkt damit selbst auf Außenstehende ungleich ergreifender als Shareholder-Projekte wie RB Leipzig oder TSG Hoffenheim. Wenn die innenstehende Lana sagt, sie sei seit dem 4. Lebensmonat Mitglied und plane Urlaub oder Hochzeiten strikt "nach dem Terminkalender von Schalke", deutet der Tonfall zwischen Stolz und Müdigkeit an, wie alternativlos ihr blauweißer Eifer ist. Es ist der Grundsound einer Dokumentation, die der Freude über den Aufstieg naturgemäß die Angst vorm nächsten Abstieg zur Seite stellt. Dass es mal abgesehen vom boulevardbekannten Schauspielmodel Sophia Thomalla, Stieftochter des Schalke-Managers und Super-Machos Rudi Assauer, praktisch keine weiblichen Talking Heads gibt, verleiht diesem Fatalismus zwar etwas Antiquiertes, aber auch irgendwie Repräsentatives, also Ehrliches. Und Ehrlichkeit ist im Embedded Documentarism so selten wie Kritik am beworbenen Fußballverein. Man kann sich diese Saisonbegleitung also selbst als BVB-Fan anschauen. Der sollte sich nur nicht wundern, wenn er hinterher was Blau-Weißes anzieht.

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