Berlin (KNA) Er war der erste westdeutsche Korrespondent in Moskau, er war 1968 in den USA, als Martin Luther King und Robert Kennedy erschossen wurden, er hat in Peking die Machtkämpfe in der chinesischen Führung nach dem Tod von Mao Tse-tung miterlebt. In der Lebens- und Arbeitsbiografie von Gerd Ruge verdichten sich mehr als 50 Jahre Nachkriegsgeschichte. Da kann es nicht überraschen, dass Christian Neef für seine Biografie "Ruge" den Untertitel "Der Reporter des 20. Jahrhunderts" gewählt hat. Neef konnte für sein opulentes Werk erstmals den Nachlass des 1928 in Hamburg geborenen und 2021 in München verstorbenen Ruge sichten und auswerten. Zudem führte er Interviews mit Ruges Kindern, seiner zweiten Ehefrau Lois Fisher-Dietzel (ehemals Fisher-Ruge) und zahlreichen Zeitzeugen wie den früheren Leitern des Moskauer ARD-Studios, Sonia Mikich und Thomas Roth. Der Autor Neef, ausgewiesener Experte für Russland, Osteuropa und Afghanistan und zehn Jahre lang stellvertretender Auslandschef beim "Spiegel", ist seinem "Gegenstand" nahe, die fast 500 Seiten tragen die Wasserzeichen von Faszination und Respekt. Aber Christian Neef ist kein Hagiograph, er weiß die Felder "Reporter" und "Legende" zu trennen. Sein Ziel sind Anschaulichkeit und Authentizität, sein mit leichter Hand geschriebenes Werk findet über seinen Detailreichtum zu Schattierungen und Differenzierungen. "Ruge" verbindet die Selbstdarstellung des Reporters mit der Darstellung der Zeitläufe, über die der Journalist berichtet hat. Gerd Ruge kam im Januar 1945 ins Finale des Zweiten Weltkriegs, der Wehrmachtssoldat geriet in Gefangenschaft, die Briten sahen in dem 16-Jährigen aber keinen Kriegsgefangenen, sondern entließen ihn nach Hause. Ein gewolltes Studium sollte Ruge nie wirklich beginnen, dafür wurde er in einer Mischung aus Zufall und der Förderung durch Axel Eggebrecht, Mitbegründer des Nordwestdeutschen Rundfunks, Mitarbeiter des Nachkriegsrundfunks. Er besuchte die Rundfunkschule des NWDR, die nach dem Vorbild der "BBC Staff School" gegründet worden war. Deren Verständnis bestand darin, dass öffentlich-rechtliche Sender keine eigene politische Agenda zu betreiben hätten, sondern ihren Hörern helfen sollten, sich ein eigenes Bild von den Ereignissen zu machen. Eine Prämisse, die Ruge zeit seines Reporterlebens beherzigen sollte. Aber Ruges Karriere startete nicht in Hamburg, sondern in Köln. In dessen Funkhaus sah er für sich größere Entfaltungsmöglichkeiten, also ging es Anfang 1948 an den Rhein. Beseelt vom Ehrgeiz, einen unabhängigen Journalismus als Instrument der Demokratisierung zu erlernen und auszuüben. Für das Inländische war Gerd Ruge weniger zu haben, es zog ihn in die Welt hinaus. Rasch schaffte er es nach England, Jugoslawien, Amerika, auf abenteuerlichen Wegen konnte er über die Kriegsschauplätze 1954 in Korea und Indochina berichten. Der Hörfunk war in diesen Jahren das führende Medium, das Fernsehen steckte noch in seinen Kinderschuhen, der multimediale Ruge war damals wie auch später ein schreibender Journalist. Mit den Berichten aus Korea und Indochina gelang dem 26-jährigen Journalisten der berufliche Durchbruch. Und Ruge, selbstbewusst und nicht eben bescheiden, hielt sich für den besten Kandidaten, um als erster westdeutscher Korrespondent aus Moskau zu berichten. Erstmal begleitete er Bundeskanzler Konrad Adenauer im September 1955 bei dessen historischem Besuch in Moskau, dann zog er in die sowjetische Hauptstadt. 1957 folgte ihm seine Frau Fredeke von der Schulenburg. Für die Frau eines jeden Korrespondenten wurde der Moskau-Aufenthalt zu einer besonderen Herausforderung. Diese Frauen waren de facto arbeitslos und über die Journalisten- und Diplomatenblase hinaus weitgehend ohne Kontakt zu ihrer Umwelt. Die psychische Labilität von Fredeke Ruge nahm solche Ausmaße an, dass ihr Mann Gerd sie in das Sanatorium Bellevue im schweizerischen Kreuzlingen brachte. Sie sollte niemals wieder nach Moskau zurückkehren. Für Gerd Ruge aber wurde die Sowjetunion zur Mission. Drei Mal sollte er dort leben und arbeiten. Ruges Arbeitspensum war immens, er agierte als sein eigener Kosmos. Er machte Hörfunk, entdeckte das Fernsehen für sich und schrieb mehr als ein erfolgreiches Buch über seine Arbeit und seine Arbeitsstationen, über Begegnungen und Bedingungen, über Sensationelles und Alltägliches. Neefs Biografie verwendet nicht wenige Seiten auf die Begegnung Ruges mit dem Schriftsteller Boris Pasternak. Dessen Roman "Doktor Schiwago" hatte weltweit Furore gemacht, die sowjetische Führung aber war über Pasternaks Kritik am System empört. Pasternak verzichtete als Folge des öffentlichen Drucks auf den Literaturnobelpreis, die wachsende Freundschaft zwischen Ruge und Pasternak veranlasste Ruge zu einer Bildbiografie des Dichters. Ruges Nähe zu Pasternak fällt schon auf, denn Ruge hielt Menschen ansonsten auf Distanz. Seine zweite Frau Lois Fisher-Ruge wird über ihn sagen: "Zu Tieren hatte er enge Beziehungen, zu Menschen eher nicht." Gerd Ruge wird zeit seines Lebens nur wenige Freunde zählen. Was ihn, den Bibliophilen, immer und überall fesselte: Vögel. Christian Neef verfolgt die Lebens- und Arbeitsstationen des Wanderers zwischen den Welten mit Akribie, er kann ja aus einem reichen Nachlass-Schatz schöpfen. Schnell zeigt sich, dass Gerd Ruge im Wortsinn nicht still sitzen konnte. Er begriff die Welt als seine Heimat, er leitete das ARD-Hauptstadtstudio in Bonn, immer wieder und immer wieder kurz arbeitete er im Kölner Funkhaus des WDR, für den er mehr als 50 Jahre tätig sein sollte. Und er war, ausgestattet mit einem starken Gefühl für Gerechtigkeit, im Juni 1961 Mitbegründer der deutschen Sektion von Amnesty International. Ruge wirkte fortan in vorderster Reihe mit, wenn es um die Durchsetzung von Menschenrechten ging, insbesondere um die Umsetzung von Presse- und Meinungsfreiheit in aller Welt - und in Deutschland. Die "Spiegel-Affäre" 1962 hatte ja gezeigt, dass die Pressefreiheit selbst in einem demokratischen System vor Übergriffen von Politik und staatlichen Stellen nicht ausreichend geschützt war. Biograf Neef schält dabei heraus, dass Ruge in seinen Funktionen als Hierarch mehr als einmal an Grenzen stieß. Erst kümmerte er sich um die Regionalberichterstattung, dann wäre er beinahe ARD-Chefredakteur geworden, dann brach er mit der ARD, weil einer seiner China-Filme von 55 auf 45 Minuten gekürzt worden war. Später stürzte er sich ins Berichtsgetümmel um die Ostverträge, leitete das Magazin "Monitor", um schließlich in einem letzten Versuch als WDR-Chefredakteur "weder Redakteur noch Chef" zu sein. Und dann: immer wieder Korrespondenzen in den Machtzentren der Welt. Nach dem (später geheilten) Bruch mit der ARD war er für die Tageszeitung "Die Welt" 1973 nach Peking gegangen, wechselte zurück nach Moskau, wieder Köln, wieder die sowjetische Kapitale in Zeiten von Gorbatschows Perestroika und dem Ende der Sowjetunion. Am 9. August 1993 wurde Ruge 65, er ging in Pension. Irmgard Eichner-Ruge, seine dritte Ehefrau, wird schnell feststellen: Als Rentner sei ihr Mann "ein Versager". Also wird aus dem vermeintlichen Abschied ein neuer Aufbruch: "Ruge unterwegs". Der Reporter öffnete dem deutschen Publikum ein Fenster nach dem anderen in die Welt. Wie schon erwähnt, zog Gerd Ruge immer wieder eine Grenze zwischen Privatem und Beruflichem. So sehr er auf das Menschliche fixiert war, so gewollt oder ungewollt wurde er mit wenigen Menschen warm. Das ist umso erstaunlicher, als das Publikum ihn, den vielfach Geehrten und Ausgezeichneten, dafür verehrte, wie er in seinen (Fernseh-)Beiträgen den Menschen zuhören konnte und sie verstehen wollte. Objektiv und empathisch, das war seine journalistische Prämisse. Seine Methode hat der Fernseh-Ethnologe so erklärt: "Die Leute müssen das Gefühl haben, dass man sich für sie interessiert und ein bisschen was von ihrem Leben versteht. Man kann die Leute nicht als völlig Fremder mit Knallfragen bombardieren. Man muss fragen, was andere Menschen auch fragen würden: Wie geht's denn so, wie funktioniert denn das, haben Sie Ärger?" Gute Reportagen seien das, was im Fernsehen die Bilder der Wirklichkeit den Menschen näherbringe, erfühlbar und verständlicher mache. Darum ist die Erinnerung an Gerd Ruge so wichtig - "und der Rückblick auf sein Leben keine Nostalgie". Mit diesen Worten endet Christian Neefs Biografie "Ruge", die vertiefte Würdigung des "Reporters des 20. Jahrhunderts".