Die Zukunft des Sehens? - Debatte um Smart Glasses nimmt immer mehr Fahrt auf

Von Joel Schmidt (KNA)

TECHNOLOGIE - Smart Glasses sind vielfältig einsetzbar und inzwischen weit verbreitet. Während sie für manche eine Bedrohung darstellen, erleichtern sie anderen die Teilhabe. Experten plädieren für einen bewussten Umgang mit der neuen Technik.

| KNA Mediendienst

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Smart Glasses

Foto: Renate Feil/M.i.S./Imago/KNA

Bonn (KNA) Des einen Freud, des anderen Leid: Smart Glasses polarisieren derzeit wie lange keine technische Innovation mehr. Die Brillen mit integrierter Kamera und Lautsprechern in den Bügeln scheinen einen Zeitgeist zu treffen. Einer aktuellen Studie des Branchenverbandes Bitkom zufolge zeigen sich 43 Prozent der Deutschen interessiert daran, Smart Glasses zu tragen, 15 Prozent hätten eine solche Brille bereits genutzt. Für etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent) kommt das Tragen einer solchen Brille hingegen nicht in Frage. Das liegt vor allem daran, dass die Brillen immer wieder dazu benutzt werden, um heimlich Aufnahmen zu erstellen und diese ungefragt online zu verbreiten. Diese Vorstellung ist der Studie zufolge den meisten Menschen unangenehm. So gaben 76 Prozent der Befragten an, nicht von anderen mit einer solchen Brille aufgenommen werden zu wollen. Die gemeinnützige Organisation HateAid hat kürzlich bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität Strafanzeige gegen die Geschäftsführungen von Meta gestellt. Der hinter Facebook, Instagram und Whatsapp stehende Konzern gehört aktuell zu den führenden Anbietern von Smart Glasses. Nach Auffassung der Organisation verstößt Meta mit dem Verkauf seines Produktes gegen das Telekommunikation-Digitale-Dienste-Datenschutz-Gesetz. Dieses verbietet, Geräte zu vertreiben, "die als Alltagsgegenstand getarnt und dazu bestimmt sind, andere unbemerkt zu filmen oder abzuhören." Mit einer Petition möchte HateAid außerdem auf ein Vertriebsverbot für Smart Glasses hinwirken - zumindest so lange, bis diese als missbrauchssicher gelten. Bei Meta-Modellen leuchtet derzeit eine rote LED im Rahmen, wenn mit der Brille gefilmt wird. Medienberichten zufolge lässt sich diese jedoch mit etwas technischem Geschick dauerhaft deaktivieren. Daher fordert die Petition vom Bundesjustizministerium und der Bundesnetzagentur einen Verkaufsstopp für "Brillen, die heimlich aufnehmen". Bei zukünftigen Modellen solle die Gewährleistung von "Safety by Design" oberste Priorität haben. Das heißt, Smart Glasses sollten nur dann verkauft werden dürfen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Modelle müssten als Smart Glasses erkennbar sein, etwa "durch eine farbliche Kennzeichnung der Kameras" und auch nur, wenn klare Grenzen für damit getätigte Aufnahmen gelten, ähnlich wie das bei Dash- oder Bodycams bereits der Fall sei. Auch eine konsequente Unterstützung von Betroffenen digitaler Gewalt, etwa bei Persönlichkeitsrechtsverletzungen im Internet, fordert die Organisation von der Politik. Philipp Rauschnabel forscht an der Universität der Bundeswehr in München zur Schnittstelle Technologiemanagement, Behavioral Science, und Regulierung. Dass der Gebrauch von Smart Glasses ein Problem in puncto Privatsphäre mit sich bringe, sei nicht von der Hand zu weisen, sagt er im Gespräch mit dem KNA-Mediendienst. Dennoch hält er den Punkt, "dass es da Idioten gibt, die Videos von wildfremden Menschen machen und die dann online stellen", für nur einen Aspekt einer weitaus größeren Problematik - nämlich dem mangelnden Verantwortungsbewusstsein der Online-Plattformen, die gemeldete Inhalte nicht schnell genug löschen würden. Hinzu komme, "dass andere Menschen diese Inhalte so gut finden, dass sie damit interagieren - wodurch sie wiederum algorithmisch verstärkt ausgespielt werden". Er plädiert dafür, hier stärker durchzugreifen und konsequent Accounts zu sperren, anstatt über Verbote einer Technologie zu diskutieren. "Wir brauchen keine Verbote aus dem Affekt. Wichtig ist, dass wir Menschen erklären, was Smart Glasses sind, wie sie funktionieren und wie wir damit umgehen sollen und müssen", sagt Rauschnabel. Um diesem Ziel näher zu kommen, haben Fachverbände und Forschungseinrichtungen gemeinsam mit der Universität der Bundeswehr unlängst Guidelines veröffentlicht. Nutzern von Smart Glasses werden folgende Tipps an die Hand gegeben: "Technologie erkunden. Reale Welt im Blick behalten. Auswirkungen auf Andere mitdenken. Gewohnte Regeln übertragen. Eigenverantwortlich und souverän nutzen. Niemandes Rechte verletzen." Für Menschen, denen Smart Glasses im Alltag begegnen, gibt es diese Tipps: "Situation statt Gerät beurteilen. Eigene Grenzen und Rechte kennen. Hintergründe berücksichtigen. Erleben und verstehen, wenn es passt. Nuanciert einordnen." Im Grunde genommen besteht die Funktion von Smart Glasses in der Verarbeitung von Umgebungsinformationen mithilfe von KI. Zum Beispiel, wenn man im Ausland auf ein Straßenschild blickt, dessen Sprache man nicht versteht, und die deutsche Übersetzung über die Bügel der Brille direkt ins Ohr geflüstert bekommt. Auch wenn die Technik noch lange nicht ausgereift ist, birgt sie doch großes Potential. Etwa im Bereich Barrierefreiheit und Assistenz. So lassen sich für Menschen mit Sehbeeinträchtigung die visuellen Aufzeichnungen der integrierten Kamera in Echtzeit in Ton verwandeln. Ganz ähnlich bei Menschen mit Hörbeeinträchtigungen. In diesem Fall erscheint aufgezeichneter Ton als transkribierter Text auf den Brillengläsern und erleichtert somit gesellschaftliche Teilhabe. Auch im Arbeitsumfeld kommen Smart Glasses bereits zum Einsatz: So können Chirurgen damit etwa per Livestream ihr Blickfeld aus dem OP-Saal heraus an Dritte übertragen, so dass diese ihnen unterstützende Anweisungen für ihre Tätigkeit geben können. "Der Weg geht zu Brillen mit integriertem Display", ist Rauschnabel überzeugt. Kommende Generationen Smart Glasses würden durch Augmented Reality (AR), also eine Erweiterung der Realität, definiert sein. Dabei werden Informationen durch transparente Displays in den Brillengläsern ins Sichtfeld eingeblendet. Einfache Texte funktionierten heute schon sehr gut im Alltag; in ein paar Jahren dürften es dem Experten zufolge auch realistisch aussehende 3D-Inhalte sein, die sich augenscheinlich von echten Dingen kaum mehr unterscheiden ließen. Dafür benötigten künftige Modelle ein Vielfaches an Sensoren, von denen die Kamera schon bald nur noch einer von vielen sein werde. Sorge, dass Menschen aufgrund des Preises für Smart Glasses vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden könnten, hat Rauschnabel weniger. Modelle seien bereits für unter 100 Euro zu haben, auch wenn er von solchen Angeboten aufgrund mangelhaften Datenschutzes, fehlendem Kundenservice und begrenzten Anwendungsmöglichkeiten eher abraten würde. Vielmehr treibt ihn die Frage um, wie sich die neue Technologie in den Alltag einbetten lässt, und was für Auswirkungen das auf diejenigen haben wird, die sich der Nutzung verweigern. Ein Beispiel sei die Verbreitung von Messengerdiensten, über die mittlerweile immer häufiger die Kommunikation, selbst von Elterngruppen oder Sportvereinen, laufe. "Wer kein Whatsapp nutzt, verpasst etwas", sagt Rauschnabel. Damit müsse man, individuell und als Gesellschaft, einen Umgang finden. Ebenso wie mit der Frage: Wer sieht in Zukunft was?

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