Auf Badezimmer und anständige Toilette wird Gewicht gelegt - Großartige Arte-Doku über das Exil in Sanary sur Mer

Von Steffen Grimberg (KNA)

DOKU - Thomas Mann kommt bei den Feuchtwangers zum Trauertee, und Brecht ist auch eingeladen. Wir schreiben das Jahr 1933 in Sanary sur Mer, und wenn eine TV-Doku so süffisant-gekonnt beginnt, ist sie von Andreas Christoph Schmidt.

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"Letzte Sommer in Sanary"

Foto: Feuchtwanger Memorial Library/USC/RBB/Arte/KNA

Berlin (KNA) Hier also waren sie angekommen. In Sanary sur Mer, diesem nicht ganz so mondänen, nicht ganz so Riviera-Städtchen zwischen Marseille und Toulon. Was natürlich an der Familie Mann lag, genauer gesagt an Erika und Klaus, die mit ihrem zwei Jahre zuvor verfassten Reiseführer für höhere Stände, "Das Buch von der Riviera", eben dieses Nest wärmstens empfohlen hatten. Hier traf sich - wenn auch alles andere als freiwillig - ab der Reichskanzlerschaft eines gewissen Adolf Hitler die deutsche Geisteselite; nicht nur Schriftsteller, auch Journalisten waren darunter. Theodor Wolff zum Beispiel, der legendäre Chefredakteur des liberalen "Berliner Tageblatts". Viele waren wie er Juden, aber längst nicht alle. Aber fast alle schrieben sofort weiter. Und aus diesem Fundus teils großer Literatur, häufiger aber sehr persönlichen Eintragungen aus Tagebüchern und Briefen, schöpft Regisseur Andreas Christoph Schmidt mit profunder Kenntnis. Natürlich mit der gebotenen Ernsthaftigkeit ob des traurigen Themas. Aber sichtlich auch mit mindestens genau so viel Spaß. So entsteht für Arte mit "Letzte Sommer in Sanary" ein trauriges, berührendes, erheiterndes und erhellendes Schmuckstück. Schmidt lässt ganz überwiegend die damaligen Protagonisten sprechen, erinnert dabei auch wohltuend an die heute Vergessenen und macht das Oberlästermaul Brecht zum Bad Guy: "Hier am Mittelmeer ist es langweilig", befand der exiltechnisch anderweitig, nämlich in Skandinavien, Untergekommene bei einem seiner frühen Besuche in Sanary. Auch Klaus Mann findet's jetzt schmutzig, den eigenen "Eliteführer" (Schmidt) hin oder her. Auch wenn man zuvorderst gegen Nazi-Deutschland ist, wird man davon ja nicht sofort den eigenen Dünkel los. "Ich habe nie wieder so gut und so billig und so eintönig gegessen", erinnert sich später der Philosoph Ludwig Marcuse. Und Klaus' Übervater, der Zauberer Thomas Mann, beschließt seine stilsichere Anfrage nach einer standesgemäßen Unterkunft in Sanary mit den Worten: "Auf Badezimmer und anständige Toilette wird Gewicht gelegt." Aber Schmidt führt hier nicht vor, oder höchstens am Rande, ihm geht es um die Verfasstheit dieser höchst disparaten Gesellschaft, die da in Sanary hockt, täglich auf ein Ende des braunen Spuks hofft, und mal mehr, vor allem aber eher weniger die Sprache der Einheimischen spricht. Marcuse rennt ständig in die Cafés, Zeitung lesen, "vielleicht kann man abends schon zurückfahren", lautet einer dieser Trugschlüsse. Doch, und das macht die Doku nebenbei unmissverständlich klar: Von heute aus argumentieren gilt nicht. Natürlich musste der Machtkampf innerhalb des Nationalsozialismus, der angebliche "Röhm-Putsch" im Sommer 1934 und die damit einhergehende "Säuberung" unter höchsten Parteiführern, falsche Hoffnungen wecken. Darauf, dass sich ein Regime da selbst zerlegt. Lion Feuchtwanger ist bei all dem so ein bisschen Schmidts Kronzeuge, schließlich schrieb der auch international Erfolgreiche "schneller, als andere lesen und veröffentlichte in aller Welt - außer in Deutschland" (Schmidt). Feuchtwanger hatte wegen seiner internationalen Bekanntheit und Verlagsverträge nebenbei auch richtiges Geld, anders als so mancher in Sanary. Zum wirklich großen Literaten machte ihn das in der Sicht vieler seiner in Sanary versammelten Kollegen trotzdem nicht. Den Vogel schoss wie immer der Zauberer höchstpersönlich ab: "Ich empfand die Überlegenheit meines Talentes über alle in Deutschland zurückgebliebenen", vertraut Thomas Mann in Sanary seinem Tagebuch an. "Mann empfand seine Überlegenheit über alle, um genau zu sein. Die Emigranten gestanden ihm das auch ohne weiteres zu", merkt Schmidt dazu ganz nüchtern aus dem Off an. Bis auf diesen ätzenden Brecht vielleicht. Der notiert nach einem Aufenthalt im Herbst 1933: "Die Emigration ist nicht besonders angenehm zu sehen. Die eigentlichen Angelegenheiten Deutschlands interessieren hier niemand. Heinrich Mann imitiert Victor Hugo und träumt von einer zweiten Weimarer Republik." Mittendrin mischt auch noch Aldous Huxley mit. Der Brite wohnt ganz freiwillig bei Sanary, mit den Tantiemen seines Welterfolgs "Brave New World" lässt es sich hier noch länger höchst bekömmlich (h)aushalten. "Herr Huxley ist ein hochmütiger Herr", urteilt Heinrich Mann. Denn Huxley nennt es so früh wie unerschrocken Exil, was seinen deutschen Kolleginnen und Kollegen da widerfährt - während viele von ihnen noch auf ein baldiges Ende des "Spuks" in Deutschland hoffen. Gerade mit Blick auf diese Widersprüche und Brüche in der Anfangszeit des Exils ist die Doku besonders stark. "Wenn man sich in ein Café setzt, schwapp, sitzt eine gestürzte Größe neben einem", stellt ungerührt der da noch ziemlich junge Golo Mann fest. Doch Schmidts exilantischer Rundumschlag schaut über den Tellerrand der ganz Großen, der Manns, Feuchtwangers und Brechts hinaus. Viele heute oder schon immer Vergessene wie René Schickele, Walter Bondy, Alfred Kantorowicz oder Franz Hessel tauchen nicht nur mal kurz auf, sondern bekommen dank "Letzte Sommer in Sanary" wieder Gestalt und Gewicht. Das gelingt auch wegen der klugen thematischen Gliederung der nur gut 50-minütigen Doku, die mit Zwischenüberschriften wie "Schreiben und Sterben am lateinischen Meer" oder "Der Teufel im Radio" ihre Zuschauer klar, offen und dabei völlig unprätentiös an die Hand nimmt. Das ist Bildungsfernsehen par excellence. Schmidt bleibt bei aller Lockerheit dabei knallhart. Im Café Nautique der Witwe Schwab saß damals Christiane, die Lebensgefährtin von Ernst Toller "Ich strickte. Ich strickte alle meine schönen Meinungen in Angora-Pullover für Ernst Toller", schreibt sie. Doch Toller, der Held der Münchner Räte-Republik, kann nicht (mehr) schreiben. Versucht sich noch im Zweckoptimismus, doch dann kommen die knappen, beinahe sarkastischen "Auflösungen" von Schmidt: "Toller erhängte sich 1939 in New York, für einen Moment schwor Klaus Mann seiner Todessehnsucht ab, 'Ich will es nicht tun, es ist zu grauenvoll'. Er will es nicht tun, aber er wird es tun. Er starb 1949 in einem Hotel in Cannes an einer Überdosis." Vorher gehen die Sommer in Sanary ins Land, der Spanische Bürgerkrieg wird verloren, Hitler wird immer mächtiger. Oder um es mit Lion Feuchtwanger zu sagen: "13. März 1938. Im Radio den Anschluss Österreichs gehört. Jämmerlich! Zu spät ins Bett. Martha gevögelt." Durch den "Anschluss" kommen neue große Namen ins Exil nach Sanary, Neuzugänge wie Franz und Alma Werfel. "Die Menschen um uns herum sind alle Schatten ihrer selbst. Emigration ist eine schwere Krankheit", wird Alma bald schreiben. Doch "aß man mit ihr, war sie die ganze Zeit die repräsentative Dame des Hauses. Bis zu einem bestimmten alkoholischen Augenblick. Dann verstummte sie", erinnert sich ein Gast: "Nach ein paar Minuten meldete sie sich wieder mit einer ganz veränderten Stimme und mitten in ein ernstes Männergespräch hinein sagte sie: 'Also Franzl, was du da sagst, is a Scheissdreck!'" Es sind überhaupt vor allem ernste Männergespräche, die aus Sanary überliefert sind. Schmidt lupft schon ordentlich an der die Frauen noch kleinhaltenden Decke. Aber da geht bestimmt noch mehr. Die Doku lebt auch davon, dass die vielen Zitate nicht nackt dokumentarisch, sondern mit wunderbarer Süffisanz eingesprochen sind. Die zusammenfassenden Sätze des Off-Kommentars spricht Ulrich Matthes, aber auch der Schwabe Brecht nuschelt herrlich und immer leicht unsympathisch. In Szene gesetzt wird all das mit viel originalem Film- und Fotomaterial und Bildern aus dem Sanary von heute. So wirken diese Szenen auf uns Nachgeborene bei aller Unwirklichkeit wirklich. Für die Exilanten in Sanary mehrten sich derweil die unwirklichen Wirklichkeiten von Jahr zu Jahr: das Münchner Abkommen - von wegen "Peace in our time". Der Hitler-Stalin-Pakt 1939, den nicht nur die Exilanten in Sanary zunächst für einen schlechten Witz hielten, besiegelte das Ende. Der Weg in den Zweiten Weltkrieg war frei. Diese letzten Jahre kommen zum Schluss des Films leider etwas knapp und atemlos daher. Lag's an den 50 Minuten? Spätestens nach dem deutschen Überfall auf Polen und die folgenden Kriegserklärungen Großbritanniens und Frankreichs an Deutschland war auch in Sanary kein Sommer mehr. Die Männer werden als feindliche Ausländer interniert; Feuchtwanger hat immer noch Geld und fährt mit dem Taxi ins Lager: "Um mich herum war Stöhnen und Schnarchen, und in mir war ohnmächtige Erinnerung über das Jämmerliche und Unwürdige meiner Lage." 1941 sind dann fast alle weg. Nur der heute vergessene Franz Hessel ist noch da und will sich nicht beugen. "Er hat sogar noch literarische Pläne", schreibt der ebenfalls emigrierte Journalist Alfred Kantorowicz über den erst 1938 ins Exil gegangenen Schriftsteller und Rowohlt-Lektor Hessel, der unter anderem gemeinsam mit Walter Benjamin zwei Bände von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ins Deutsche übersetzt hatte. Hessel stirbt 1941 mit gerade mal 60 und wird auf dem Friedhof von Sanary beerdigt. Sein Grab ist längst eingeebnet. Mit "Letzte Sommer in Sanary" werfen Schmidt und Arte nicht nur ein bei aller Schwere des Themas höchst vergnügliches Schlaglicht auf die großen Namen und großen Klappen des Exils, sondern erinnern auch an diese, heute leider oft vergessenen, zwischenzeitlichen Gäste von Sanary sur Mer.

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