Ungewöhnlich tiefes Eintauchen in Befindlichkeiten - In "Besuch im Bubenland" sprechen Männer über ihr Leben

Von Marius Nobach

DOKU - Eine Regisseurin, ein Handy und Männer, die viel zu erzählen haben: "Besuch im Bubenland" führt ins Südburgenland und zu Menschen, die über Einsamkeit, Beziehungen und die eigenen Lebensentscheidungen sprechen.

| KNA Mediendienst

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"Besuch im Bubenland"

Foto: ORF/KGP Filmproduktion/Polyfilm/ZDF/KNA

Mainz (KNA) Katrin Schlösser braucht für ihre Dokumentation "Besuch im Bubenland" - zu sehen am 7. September von 22.25 bis 23.55 Uhr - Männer. Im dünn besiedelten Südburgenland im Osten von Österreich begibt sich die deutsche Filmemacherin auf die Suche nach Männern, die bereit sind, vor ihre Kamera zu treten - und hat Glück. Schon braust der erste Bauer auf seinem Traktor heran, sein nackter Oberkörper erweist sich als Eisbrecher für den Einstieg in das Gespräch, das anschließend vor seinem Hof fortgeführt wird. Der Mann, nun im lockeren ärmellosen Shirt, gibt bereitwillig Auskunft über sein Leben, das seit geraumer Zeit allein verläuft. Dabei hat er (zu) früh geheiratet, zu seiner Tochter hatte er ein enges Verhältnis, stolz erinnert er sich, dass er bei der Geburt die Nabelschnur durchschnitten habe und ihr erstes Wort "Papa" gewesen sei. Doch zu der nunmehr 23-Jährigen hat er ebenso wenig noch Kontakt wie zu seiner Exfrau. "Warum nicht?", will Filmemacherin Schlösser wissen, und ihr Gegenüber meint verlegen: "Es hat einfach nicht mehr gepasst." Doch schade sei es schon, räumt er ein. Die Beziehung zu Kindern ist ein schwieriges Gesprächsthema, das zeigen auch viele der weiteren Gespräche in Schlössers Dokumentarfilm "Besuch im Bubenland". Einer der Befragten hat zwar Kinder gezeugt, entschied sich aber dagegen, sich aktiv an ihrem Aufwachsen zu beteiligen; ein anderer trauert dem früh verstorbenen Sohn nach. Aber auch die eigenen Eltern, die Exfrauen oder -freundinnen, die verpassten Chancen im Leben, die Arbeit in der Landwirtschaft, die Einsamkeit sorgen für Verdruss bei den Männern vor Schlössers Kamera. Die Regisseurin filmt selbst mit ihrem Handy und stellt als Ein-Frau-Team eine ungewöhnliche Nähe zu den Porträtierten her. Mit geduldigem Nachhaken geben sie viel Persönliches preis. Ein junger Bauer berichtet, dass er seinen Schweinen keine Namen mehr gebe, um sich selbst Kummer zu ersparen, wenn er die Tiere schlachten müsse. Ein anderer kramt in seiner Werkstatt herum und erzählt von schlaflosen Nächten, in denen er grübele, was er in seinem Leben alles angeleiert, aber nicht vollendet habe. Oft kommen die Aussagen nur zögerlich, was Katrin Schlösser nicht immer hinnimmt. Sie insistiert sanft, will Gründe wissen, fragt nach Alternativen, die es gegeben hätte. Und bringt ihr Gegenüber fast immer dazu, ihre Einwürfe aufzugreifen und weiterzusprechen. Mit dieser freundlichen, aber beharrlichen Art der Fragestellung dringt "Besuch im Bubenland" ungewöhnlich tief in die Befindlichkeiten der Befragten ein. Katrin Schlössers Entscheidung, ihre eigene Person zurückzuhalten, ist dabei ausschlaggebend für den Erfolg der Gespräche. Schlösser wahrt dabei die Distanz und ist nur über ihre Stimme bei ihren hellwachen Fragen und Kommentaren stets präsent. In ihrem Tonfall tendieren die "Buben" eindeutig zu Klagen oder Resignation, selbst eine gewisse Larmoyanz bleibt nicht aus. Wenn Gefühle ins Spiel kommen oder sich nur anbahnen, scheuen die Männer oft davor zurück, sich den aufwallenden Emotionen auszusetzen. "Da mag ich mich nicht dran erinnern", heißt es dann, und abwiegelnd: "Ist halt so gekommen. Passt schon." Aggressiv werden sie nie, im Zweifel verstummen sie. Wie viel von den Aussagen vom Dasein in der Provinz, als Landwirt oder speziell als Südburgenländer ableitbar ist, lässt Katrin Schlösser offen. Auch das Thema Männlichkeit mit der stets mitzudenkenden Ergänzung "in der Krise" schwingt meist nur im Hintergrund mit. Zwei der Gesprächspartner lässt die Regisseurin aber in einem Experiment die männlichen und weiblichen Anteile ihrer Persönlichkeit einschätzen. Sind es bei dem einen selbstbewusste "hundert Prozent männlich, oder zumindest fast", sieht der andere durchaus auch weibliche Eigenschaften bei sich. Die kann er anschließend wesentlich klarer beschreiben als seine "männliche Seite". Zum ungewöhnlichen und im Ergebnis sehr angenehmen Ansatz von Katrin Schlösser gehört auch, dass sie den Zuschauern zu keiner Zeit wohlfeile, verallgemeinernde Thesen zumutet. Eine einzige funktionierende Paarbeziehung zeigt "Besuch im Bubenland" - dass diese wohl stark mit der Bereitschaft zu Kompromissen zu tun hat, muss Schlösser nicht ausbuchstabieren. Und obwohl in ihrem Film ausdrücklich Männer im Fokus stehen, ist er doch viel mehr: eine Einlassung auf Beziehungen im Allgemeinen und die ständige Nachjustierung, die für ihren Fortbestand nötig ist. Oder, noch universeller, auf die Frage, wie sich Menschen das eigene Glück verbauen und was gegebenenfalls dagegen zu unternehmen wäre.

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