Mein Nachbar Osama - ZDF-Dokudrama über Entführung deutscher Hilfskräfte in Afghanistan

Von Manfred Riepe (KNA)

DOKUDRAMA - Ein ZDF-Dokudrama erinnert an die Geiselnahme von acht Entwicklungshelfern einer deutschen NGO, die im Zuge der 9/11-Terroranschläge zwischen die Fronten von Afghanistan und USA gerieten.

| KNA Mediendienst

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"9/11 - Die Geiseln des Terror"

Foto: Eikon/Hardy Spitz/ZDF/KNA

Mainz (KNA) "Sagt niemandem, ihr habt jemand eine Bibel gegeben!" Diesen guten Rat flüstert der afghanische Übersetzer jenen Entwicklungshelfern zu, denen die Taliban im August 2001 einen politischen Schauprozess machen wollten. Der Vorwurf: Missionierung. Das vorab feststehende Urteil: Todesstrafe. Doch dazu kam es nicht. Denn vor der Urteilsverkündung lenkten Selbstmordattentäter am 11. September entführte Passagiermaschinen in die Türme des World Trade Centers. Der islamistische Anschlag war von Afghanistan aus mit Unterstützung der Taliban geplant worden. Daher forderten die USA die Auslieferung der Drahtzieher. In dieser Situation gerieten die acht Mitglieder der deutschen Hilfsorganisation Shelter Now zwischen die Fronten eines Kriegs, den Al-Qaida-Terroristen mit den USA angezettelt hatten. Die aus Deutschland, den USA und Australien stammenden Christen waren plötzlich Geiseln: Mit ihnen übten die Taliban Druck auf die USA aus. Eine ZDF-Dokumentation erinnert nun an jene humanitären Helfer, deren Schicksal seinerzeit im Fokus der Weltpresse stand. 25 Jahre später ist ihre Geschichte weitgehend vergessen. Der Historiker und Dokumentarfilmer Ingo Helm, Spezialist für religiöse und zeitgeschichtliche Themen, blickt in seinem Zweiteiler zurück auf die Arbeit der Hilfsorganisation, die 1983 in Braunschweig anlässlich der sowjetischen Invasion in Afghanistan gegründet wurde. Unter der Führung des Projektleiters Georg Taubmann betrieb Shelter Now in Kabul unter anderem ein eigenes Werk, das Stahlbeton-Dachplatten für einen preisgünstigen Wohnungsbau produzierte. Etwa 400.000 Menschen in Afghanistan litten seinerzeit Hunger. Für sie stellte Shelter Now Lebensmittel bereit. Die Liste der humanitären Aktivitäten ist lang. Der Erfolg dieser Organisation wurde ihr zum Verhängnis. Denn die NGO leistete pragmatische Hilfe zur Selbsthilfe - jenseits religiöser Motive. Deshalb war sie ein Dorn im Auge der Taliban. Die islamistische Diktatur erzwang eine archaische Gesellschaft ohne all die verhassten Bequemlichkeiten des modernen westlichen Lebens. Der Vorwurf der Missionierung diente den Taliban nur als Vorwand für eine reine Machtdemonstration. Unter den "Beweisen", die der oberste Gerichtshof Afghanistans der Weltöffentlichkeit präsentierte, befanden sich "Teufelszeug" wie Bibeln und ein Video über Jesus. Die Betrachtungen dieses "mittelalterlich" anmutenden Schauprozesses sind eingebettet in Rückblicke auf die Vorbereitung der 9/11-Anschläge. So erinnert der Film auch an das Versagen amerikanischer Geheimdienste. Über mutmaßliche Terroristen, die in den USA einen Anschlag durchführen wollten - und aus diesem Grund vor Ort Flugstunden nahmen -, wussten Nachrichtendienste genau Bescheid. Da die Flugschüler aber den Kursen fernblieben, als es um das Landen der Maschinen ging, nahm man in den USA diese Bedrohung nicht mehr ernst. Einer der Todespiloten war Mohammed Atta. Mit einem VHS-Video erinnert der Film daran, wie der Drahtzieher der Anschläge am 18. Januar 2000 nach Afghanistan gereist war, um dem für 9/11 verantwortlichen Al-Qaida-Chef die Treue zu schwören. Jenem Osama bin Laden, der damals ein direkter Nachbar des Shelter-Now-Projektleiters war: "Osama bin Laden hatte ein Haus gegenüber von meinem Büro", erklärt Georg Taubmann vor der Kamera. "Ich habe ihn of gesehen". Einen Fokus richtet die Dokumentation auch auf die aussichtslosen diplomatischen Bemühungen um die Freilassung der Geiseln. Zu Wort kommt der seinerzeit involvierte Außenminister Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen), der dabei einen etwas desinteressierten Eindruck vermittelt. Mehr Empathie zeigt Thomas Matussek, der wohl einflussreichste Diplomat der deutsch-afghanischen Beziehungen. Mit Engelszungen versuchte er seinerzeit, die Taliban zur Freilassung der Shelter-Now-Mitarbeiter zu bewegen: Die humanitären Helfer seien doch nur "naive Ungläubige" - sollte man da nicht "im Sinne des Propheten Gnade walten lassen"? Die beklemmende Situation der Geiseln, die mehrere Monate von Gefängnis zu Gefängnis verschleppt wurden - und dabei stets den Tod vor Augen hatten -, wird, so ein Off-Kommentar, auch "mit Spielszenen rekonstruiert". Mit erkennbarem inszenatorischem Aufwand realisiert die mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Regisseurin Sabine Bernardi Reenactments. Der Einsatz fiktiver Darstellungen wird im Film ausdrücklich thematisiert. Diese Transparenz zeichnet "9/11- Die Geiseln des Terrors" gegenüber konventionellen Dokudramen aus. In einer der gespielten Szenen fragt eine der weiblichen Geiseln eine inhaftierte afghanische Frau: "Warum haben die Taliban so viel Angst vor Euch?" "Gott", so deren Antwort, "hat jedes Kind aus dem Schoß einer Mutter erschaffen. So viel Macht hat kein Mann." Dieser fiktive Dialog setzt eine Pointe. Die Stärken des Zweiteilers liegen jedoch in der dokumentarischen Aufbereitung. Der Film rollt die Geschichte einer deutschen NGO auf, deren Mitglieder aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft in eine prekäre Lage gerieten - und aus der sie letztlich nur durch einen riskanten amerikanischen Hubschraubereinsatz befreit wurden. Die Helfer von Shelter Now sind überzeugt, dass ihre Gefangennahme von langer Hand geplant war. Diese Information, die im Film leider nicht vermittelt wird, wirft ein etwas anderes Licht auf die Ereignisse. Handelten die Helfer nicht ein wenig unverantwortlich? Ist Georg Taubmann, der noch heute überzeugt ist, "eine gute Beziehung zu den Taliban" gehabt zu haben, nicht etwas naiv? Nein, direkte Kritik an den Mitarbeitern der deutschen NGO üben Helm und Bernardi nicht. Da ihr vielstimmiges Dokudrama gut recherchiert ist und vielschichtig argumentiert, kann der Betrachter sich sein eigenes Bild machen. Das hebt den Zweiteiler von konventionellen ZDF-Produktionen ab.

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