Bogota (KNA) Der aktuelle Bericht der kolumbianischen Ombudsstelle zur Lage der Journalisten ist ein erschreckendes Dokument staatlichen Versagens. Von 2020 bis 2026 wurden in dem südamerikanischen Land zwölf Journalisten ermordet. Allein zwischen Januar 2025 und Mitte Juli 2026 zählte die Behörde insgesamt 711 Übergriffe auf Medienschaffende. Übergeben wurde der Bericht Ende August, wenige Wochen nach dem Amtsantritt des neuen rechtslibertären Präsidenten Abelardo de la Espriella. Er sollte damit über die Situation der Medienschaffenden im Land unterrichtet werden. Der politische Hardliner hatte am 7. August die Aufgabe aus den Händen des linkspopulistischen Präsidenten Gustavo Petro übernommen. Der wiederum erkennt bis heute den Wahlsieg de la Espriellas nicht an, kann allerdings keine Beweise für den von ihm behaupteten Wahlbetrug vorlegen. Wie ernst diese Aggressionen gegen Reporter aber zu nehmen sind, bewies zuletzt der Fall von Cristian Herrera (50), der im Juni in der Grenzstadt Cucuta ermordet wurde. Die Region gilt als Hochburg von Guerillabanden, die sich immer wieder auch auf venezolanisches Gebiet zurückziehen oder sogar von dort aus operieren. "Cucuta ist eine der Regionen, die am stärksten von der Presse-Zensur betroffen sind", hatte der Reporter Herrera bei einer öffentlichen Veranstaltung im Jahr 2025 über die Zustände in seiner Heimatregion erklärt. Es war ein Mord mit Ansage. Nach Angaben der "Stiftung für Pressefreiheit" (FLIP) gab es seit 2014 mindestens 17 Angriffe auf Herrera, darunter war bereits auch ein gescheiterter Mordversuch im Jahr 2017. Der Fall ist auch deswegen so symptomatisch für die Lage in Kolumbien, weil er sich durch verschiedene Präsidentschaften zieht. Die Attacken auf Herrera begannen bereits zu Zeiten des Friedensnobelpreisträgers Juan Manuel Santos (2010-2018), und setzten sich während der Amtszeit seines rechten Nachfolgers im Präsidentenamt, Ivan Duque (2018-2022), fort. Während der linken Petro-Präsidentschaft (2022-2026) wurde Herrera schließlich ermordet. Weder eine rechte noch eine linke Regierung war in der Lage, die Gewalt gegen den Journalisten zu stoppen oder verlässlichen Schutz zu gewährleisten. Herrera hatte sich auf vielen Ebenen engagiert; er bildete junge Journalisten aus, betreute Studierende der Kommunikationswissenschaften unter anderem an der Autonomen Universität von Bucaramanga und bei der Regionalzeitung "La Opinión". Auch in der Stiftung FLIP (Fondo Latinoamericano de Investigaciones Periodísticas) hatte sich Herrera eingebracht. Hatten die Amtszeit von Petro und sein Versprechen eines "Paz total" (totaler Friede) noch zu Beginn viel Hoffnung ausgelöst, ist die Bilanz des ersten echten linken Präsidenten eine Enttäuschung. Unter Petro gewannen die bewaffneten Banden deutlich an Zulauf, wurden mehr als 1500 Kindersoldaten für Guerilla und Paramilitärs rekrutiert und stieg die Kokainproduktion auf ein Rekordhoch. Für Journalisten war dieses Klima brandgefährlich. Insgesamt wurden neun Journalisten während der vierjährigen Amtszeit Petros getötet. Und der ehemalige Guerillero beleidigte Journalisten, diskreditierte Medienschaffende und diffamierte Reporterinnen mit frauenfeindlichen Äußerungen. Zur Mitte seiner Amtszeit hatte Petro einige Journalistinnen des Landes ganz direkt als "muñecas de la mafia" (Puppen der Mafia) bezeichnet. Journalistenverbände warfen Petro daraufhin vor, er schüre damit ein pressefeindliches Klima. Die pressefeindliche Atmosphäre nahm die Ombudsstelle zum Anlass, Petros Nachfolger zu Beginn von dessen Amtszeit an die Aufgaben des Staates mit Blick auf Medien- und Pressefreiheit zu erinnern. Deren Achtung, aber vor allem auch ihr Schutz seien unverzichtbare Voraussetzungen für das Funktionieren einer offenen und inklusiven Demokratie, hieß es in dem Bericht. "Die Achtung des demokratischen Pluralismus ist einer der Eckpfeiler einer Gesellschaft". Ob sich die Lage unter Abelardo de la Espriella verbessert, bleibt abzuwarten. Die Prognose fällt eher negativ aus, da auch der heutige Präsident kritische Berichterstattung immer bekämpft hat. Die "FLIP" schätzte unter Berufung auf die Generalstaatsanwaltschaft, dass "zwischen 2008 und 2019 mindestens 109 Fälle vorlagen, in denen de la Espriella als Anzeigeerstatter wegen Verleumdung und Beleidigung auftrat". Und in dieser Woche berichtete der Sender Caracol über neue Richtlinien der Kommunikationsabteilung des Präsidentenpalastes, die offenbar den Zugang zu Informationen und Entscheidungsträgern für Journalisten einschränken sollen. Zwar verfüge die Regierung über das Recht, ihre Kommunikationsstrategie zu gestalten, ihre Botschaften zu verkünden und zu bestimmen, wer als ihr Sprecher fungiere, so die FLIP. Doch diese Befugnis dürfe nicht genutzt werden, Journalisten Hindernisse in den Weg zu legen und Zugang zu offiziellen Quellen oder die Möglichkeit, Fragen zu stellen, zu blockieren, so die Stiftung weiter. Ihr Fazit: "Die vorgesehenen Bestimmungen beeinträchtigen unmittelbar die kritische Arbeit des Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft."