New York (KNA) Es ist eine paradoxe Situation: Eine der mächtigsten Zeitungen der Welt setzt auf Künstliche Intelligenz - und ihr Verleger warnt gleichzeitig, dass diese Technologie den Journalismus wirtschaftlich zerstören könnte. A. G. Sulzberger, Verleger der "New York Times", hat seine Befürchtung in den vergangenen Monaten mehrfach formuliert. Im Juni sprach er beim World News Media Congress in Marseille über die Zukunft des Journalismus. Im Juli legte er im Gespräch mit dem US-Technologiemagazin "Wired" nach. Seine Botschaft lässt sich auf einen Satz bringen: KI ist für die "New York Times" ein Werkzeug. Aber sie darf nicht zum Ersatz für Journalismus werden - und schon gar nicht zu einem Geschäftsmodell, das den Journalismus erst ausbeutet und anschließend überflüssig macht. Die "Times" experimentiere mit Künstlicher Intelligenz, so Sulzberger, aber sie versuche, die Technologie vor allem dort einzusetzen, wo sie Journalisten leistungsfähiger macht, etwa bei der Recherche. KI kann große Datenmengen nach Mustern und Auffälligkeiten durchsuchen. Sulzberger nennt im "Wired"-Interview ein Beispiel aus der Berichterstattung über den Krieg in Gaza. Ein Reporter analysierte mit Hilfe von KI Millionen von Bildern von Bombenkratern. Die Maschine konnte die Datenmenge drastisch reduzieren. Aber danach begann erst die eigentliche journalistische Arbeit: Der Reporter musste die verbleibenden Bilder selbst überprüfen und beurteilen, ob die Ergebnisse belastbar waren. Die Maschine entdeckt mögliche Muster. Der Journalist entscheidet, ob das Muster tatsächlich etwas bedeutet. Sulzberger sagte auch, man müsse bei einer neuen Technologie nicht unbedingt der Erste sein. Abwarten, experimentieren, lernen und die Technologie zunächst kontrolliert einzusetzen, könne klüger sein als ein Wettlauf um maximale Automatisierung. Daher kritisiert der Verleger Medienhäuser, die Künstlicher Intelligenz die Verantwortung für das Schreiben und Veröffentlichen von Artikeln überlassen haben. Denn dabei seien nicht nur Fehler entstanden. Teilweise seien sogar Texte von frei erfundenen Autoren und falsche journalistische Inhalte veröffentlicht worden. Ein KI-System ist für Sulzberger kein Journalist, sondern ein Werkzeug, das ein Journalist kontrollieren muss. In einer Branche, die unter enormem Kostendruck steht, geht es aber auch um eine fundamentale ökonomische Frage. Denn die Versuchung ist groß: Wenn eine Maschine einen Text in Sekunden produzieren kann, warum noch einen Journalisten dafür bezahlen? Genau diese Logik dürfe eben nicht die Zukunft des Journalismus bestimmen, so Sulzberger in seiner Rede in Marseille, wo er die Aneignung journalistischer Inhalte durch KI-Unternehmen als eine Art Erbsünde brandmarkte. Denn eine Nutzung ohne Erlaubnis und ausreichende Vergütung schafft gleichzeitig auch noch neue Wege, über die Nutzer wie bei Google AI an die nachgefragten Informationen kommen, ohne noch zur ursprünglichen Quelle zu gehen: Erst klaut die Maschine den Inhalt - dann die Leser. "We are not anti-tech. We are anti-theft", so Sulzberger - wir sind nicht gegen neue Technik, aber gegen Diebstahl. Deshalb ist der Rechtsstreit der "New York Times" gegen OpenAI und Microsoft für Sulzberger mehr als ein gewöhnlicher Copyright-Streit. Die Times hatte hier schon 2023 Klage eingereicht und nach eigenen Angaben bereits einen zweistelligen Millionen-Dollar-Betrag für den Rechtsstreit ausgegeben. Selbst für einen Konzern von der Größe der "New York Times" ist das teuer. Für eine kleine Lokalzeitung ist ein solcher Kampf praktisch unmöglich. Doch die Times ist keineswegs allein. Im April 2024 verklagte eine Gruppe von acht US-Zeitungen ebenfalls OpenAI und Microsoft. Dazu gehörten laut der Nachrichtenagentur Reuters die "New York Daily News", die "Chicago Tribune", der "Orlando Sentinel", der "South Florida Sun-Sentinel", die "San Jose Mercury News", das "Orange County Register" und die "Twin Cities Pioneer Press". Auch sie werfen den Unternehmen vor, Millionen ihrer Artikel ohne Erlaubnis für KI-Produkte wie ChatGPT und Microsoft Copilot verwendet zu haben. Wie aber sieht es aus, wenn die KI zur direkten Konkurrenz der Journalisten wird? Bei der Black-Hat-Sicherheitskonferenz in Las Vegas Anfang August wurde der Alptraum aller Journalisten Wirklichkeit. OpenAI kündigte überraschend Details zu einem Hackerangriff an. Und ein kleines Projekt namens RuntimeWire veröffentlichte seine Geschichte mehr als drei Stunden früher als alle Reporter, die im Saal saßen. RuntimeWire hatte den Event nicht durch eigene Journalisten beobachtet, keine Quelle interviewt. Eine KI verarbeitete den verfügbaren Datenstrom, suchte weitere Informationen zusammen, schrieb, redigierte und veröffentlichte. Seit Mai soll RuntimeWire mit solchen "KI-Reportern" fast 2.000 Artikel produziert haben. RuntimeWire-Chef Ryan Merket beschreibt ein Modell, in dem KI-Agenten einen immer größeren Teil des redaktionellen Prozesses übernehmen - zu entsprechend geringeren Kosten. Die KI ist nicht mehr nur bloßer Schreibassistent, sondern wird selbst zur Redaktion. Damit verschiebt sich die Frage, wie KI Journalisten helfen kann, zur fatalen Überlegung: Wozu braucht man bei manchen Nachrichten überhaupt noch Journalisten? Alessandra Galloni, Chefredakteurin der Nachrichtenagentur Reuters, formulierte diese Sorge in ihrer Andrew-Olle-Media-Lecture im Juli 2026. Sie beschrieb hier einen "Werttransfer", der die Zukunft der Originalrecherche bedrohen könne. Ihre Kollegen der US-Agentur Associated Press (AP) versuchen, hier Grenzen festzuschreiben. In ihren im Juli 2026 aktualisierten Regeln erlaubt AP die Nutzung von KI unter anderem für frühe Recherche, die Zusammenfassung von Dokumenten, Transkription, Übersetzung sowie Vorschläge für Überschriften, Teaser und Zusammenfassungen. Zentrale Bedingung bleibt dabei, dass ein AP-Journalist die Ergebnisse vor der Veröffentlichung prüfen und bearbeiten muss. "AI does not replace reporting, sourcing, editorial judgment or verification", heißt es in diesen Richtlinien. Denn Journalismus besteht nicht nur aus Informationsverarbeitung, sondern muss Quellen prüfen, Widersprüche erkennen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Wie schwierig diese Grenzziehung inzwischen geworden ist, zeigt ein aktueller Fall bei der Wirtschaftszeitung "Wall Street Journal". Der Milliardär und Investor Stanley Druckenmiller veröffentlichte hier am 24. August einen Meinungsartikel, mit dem er US-Finanzminister Scott Bessent scharf kritisierte. Kurz danach wurde bekannt, dass Druckenmiller bei der Erstellung des Textes auf generative KI gesetzt hatte. Seine Argumentation: Die Gedanken und die Position stammten von ihm. Die KI sei lediglich ein Werkzeug gewesen - vergleichbar mit einem Redenschreiber. Die Sache wäre vielleicht eine Randnotiz geblieben. Ein ähnlicher Fall ereignete sich im Juni in Deutschland beim "Tagesspiegel", wo der frühere Chefredakteur und Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff beim Verfassen von Kommentaren auf KI setzte, scharf von der Blattleitung kritisiert wurde und vorübergehend seine Tätigkeit ruhen ließ. In der vergangenen Woche hatte die Redaktion bekanntgegeben, dass Casdorff wieder für das Haus tätig ist - zunächst als Moderator, später soll er auch wieder schreiben. Ganz anders das "Wall Street Journal": Es verteidigte seinen Autoren. Paul Gigot, der Chef des Meinungsressorts, argumentierte, entscheidend sei nicht, welches Werkzeug Druckenmiller benutzt habe, sondern ob die veröffentlichte Meinung tatsächlich seine eigene sei. Auch die Forderung nach Offenlegung und Kenntlichmachung einer solchen weitgehenden KI-Nutzung stellte Gogot infrage. Kritiker halten das für höchst gefährlich. Die Problematik ist auch nicht auf die großen US-Titel beschränkt. Der Verlag McClatchy hat für seine 30 Regionalzeitungen, zu denen der "Miami Herald" und die "Sacramento Bee" gehören, einen sogenannten KI-Scaling-Agent eingeführt, der aus Recherchen Texte für verschiedene Publikationen und Zielgruppen zurecht "schreibt". In einer KI-Richtlinie erläutern Verlag und Redaktion den Lesern: "Wir verwenden KI-Tools, um die von unseren Journalisten recherchierten und verfassten Artikel zusammenzufassen. Diese Zusammenfassungen helfen Lesern, die wichtigsten Punkte eines Artikels schnell zu erfassen oder sich über mehrere Artikel zu einem größeren Thema zu informieren. Die zusammengefassten Inhalte werden vor der Veröffentlichung von Redakteuren geprüft." Immerhin: Der Einsatz von KI wird hier offengelegt. Reale Autorennamen sollen dann diesen Texten Glaubwürdigkeit verleihen und sie bei Google sichtbarer machen. Doch die Redaktion streikt. "Wir möchten unsere Namen nicht unter Geschichten setzen, die wir nicht tatsächlich geschrieben haben - selbst wenn sie auf unserer Arbeit basieren", sagte Ariane Lange, Investigativreporterin bei der "Sacramento Bee", der "New York Times". Denn "allein das fühlt sich wie eine Lüge an." Dieser Boykott bei der Namensnennung zähle zu den bislang schärfsten Konflikten zwischen Journalisten und ihren Verlagen über den Einsatz von KI, berichtete die "Times" weiter. Ähnliche Debatten fänden derzeit in Redaktionen im ganzen Land statt, während Verlage mit neuen KI-Werkzeugen experimentierten, um Arbeitsabläufe zu beschleunigen. Dass es hier nicht nur um technische, sondern auch um eine soziale Dimension geht, zeigen mittlerweile zahlreiche Arbeitskämpfe in amerikanischen Redaktionen. Bei ProPublica etwas streikten Journalisten im Frühjahr. Auch hier ging es um den Einsatz von KI und die Frage, wie weit die Technologie Arbeitsplätze und redaktionelle Arbeit verändern darf. Die Entwicklungen haben außerdem Auswirkungen auf den Ruf und das Ansehen des Journalistenberufs. So beklagte sich der Chefredakteur des "Cleveland Plain Dealer", Chris Quinn, kürzlich in einer Kolumne über eine Studentin, die ihre Job-Zusage zurücknahm. Denn sie hatte erfahren, dass sie lediglich recherchieren sollte, das Schreiben des Textes dann aber eine KI übernehme. Quinn dagegen begrüßt KI: "Künstliche Intelligenz ist nicht schlecht für Redaktionen. Sie ist ihre Zukunft. Und zum abgelehnten Job schrieb er: "Da wir möchten, dass die Reporter Informationen sammeln, handelt es sich bei diesen Stellen zu 100 Prozent um Recherche. Wir haben einen KI-Spezialisten für das Schreiben, der aus ihrem Material Entwürfe erstellt. Wir überprüfen sämtliche Fakten. Redakteure kontrollieren die Texte. Und die Reporter haben das letzte Wort." Indem man das Schreiben aus dem Aufgabenbereich der Reporter herausnimmt, habe man ihnen praktisch einen zusätzlichen Arbeitstag pro Woche verschafft. "Diesen verbringen sie draußen vor Ort - bei persönlichen Interviews und beim Treffen mit Quellen auf einen Kaffee. Dort entstehen echte Geschichten, und sie kommen mit mehr Ideen zurück, als wir bewältigen können", so Quinn. Die größte Gefahr für den Journalismus ist daher nicht unbedingt, dass KI schlechte Texte produziert, sondern fast das Gegenteil: Sie könnte gute Texte billig genug produzieren, dass niemand mehr bereit ist, für die Menschen zu bezahlen, die die Informationen dafür recherchieren. Damit würde sich der Journalismus aber selbst die Grundlage entziehen. Denn weniger Reporter produzieren weniger Originalrecherche. Weniger Originalrecherche bedeutet weniger neue Informationen. KI-Systeme verarbeiten dann immer stärker das bereits Bekannte - und das Netz füllt sich mit der Zusammenfassung der Zusammenfassungen.