Laupheim (KNA) Auch wenn der Grimme-Preis, der Deutscher Fernsehpreis und viele andere Auszeichnungen schon im Regal stehen - für Michael Souvignier ist der Carl-Laemmle-Preis, den der Kölner Produzent in der kommenden Woche im baden-württembergischen Laupheim für sein Lebenswerk erhält, "eine große Ehre". Der Carl-Laemmle-Preis wird seit 2017 vergeben ist es Deutschlands erster eigenständiger Produzentenpreis. Zu den bisher Ausgezeichneten zählen unter anderem Roland Emmerich sowie Regina Ziegler. Er erinnert an "Erfinder Hollywoods", der aus Laupheim stammte, 1884 in die USA auswanderte und 1912 in Kalifornien die Universal Studios gründete. Als Gründer sowie Gesellschafter der Zeitsprung Pictures hat Souvignier sowohl fiktional als auch dokumentarisch vor allem gesellschaftspolitisch relevante Themen für Kino und TV produziert - darunter preisgekrönte Produktionen wie "Contergan", "Das Wunder von Lengede" oder "Lieber Thomas". Im Interview des KNA-Mediendienstes spricht er über die aktuelle Situation der Branche und seine ungewöhnlichsten Projekte. KNA-Mediendienst: Herr Souvignier, auf welches Projekt sind Sie besonders stolz? Michael Souvignier: "Das Tagebuch der Anne Frank" war wichtig für uns, "Nürnberg 45" ebenfalls, aber auch viele weitere. "Contergan" hatte allerdings eine besondere Bedeutung. Der Mehrteiler ist über Jahre juristisch angegriffen worden, und wir standen kurz vor dem Ruin. Doch wir gewannen die Prozesse. Und gewonnen haben auch die Opfer, die durch diesen Pharma-Skandal in den 60er Jahren so sehr geschädigt worden sind. Die öffentliche Debatte, die durch unser Projekt entstanden war, hat dazu beigetragen, dass die Situation vieler Contergan-Geschädigter verbessert wurde, und sie für ihr Leid eine angemessenere Entschädigung erhielten. Ich habe hier eine Mappe mit mehr als 2.000 Zuschriften von Betroffenen, die sich bei mir bedankt haben. Das war für mich der höchste und tollste Preis meines Lebens. MD: Woher kommt Ihr Interesse an solchen Stoffen? Souvignier: Ich hatte ein glückliches Elternhaus, in dem ich liebevoll erzogen wurde. Dadurch bin ich zu einem großen Optimisten geworden, der Ungerechtigkeit allerdings überhaupt nicht ausstehen kann. Daher ist das Interesse an solchen Themen schon immer da gewesen. Eigentlich wollte ich zuerst nur als Fotograf künstlerisch arbeiten. Doch dann lernten die Bilder laufen, ich wurde Kameramann und Regisseur, zuletzt dann Produzent. So konnte ich meinem Wunsch folgen und meine Träume für Filme in vielen Facetten realisieren, wobei Haltung immer auch ein ausschlaggebendes Argument war. MD: Bietet die augenblickliche Lage nicht genügend Vorlagen für solche Themen? Souvignier: Das, was mir hier im Moment passiert, geht mir unvorstellbar auf den Wecker. Ich liebe Deutschland als demokratisches Land, in dem ich viele Chancen bekommen habe. Gleichzeitig werden jetzt immer mehr große Versäumnisse offenbar, etwa bei Infrastruktur, Sozialstaat und politischer Handlungsfähigkeit. Und ich befürchte, wir stehen hier noch am Anfang. Die Missstände werden noch größer werden. Dass extremistische Kräfte jetzt so groß und stark werden, liegt daran, dass die anderen so schwach sind. Und ja, das bietet mehr Vorlagen denn je. MD: Zum Beispiel? Souvignier: Wir haben gerade eine Doku über das Schmerzmittel Fentanyl produziert und dafür in Vancouver und San Francisco gedreht. Dort sieht man überall opioidabhängige Menschen, die wie bei "Walking Dead" durch die Straßen wanken. Diese Welle beginnt hier gerade erst. Auch in Köln kann man am Neumarkt und Ebertplatz schon sehen, wohin sich das entwickeln kann. Es sind arme Menschen, aber der Staat weiß nicht, wohin mit ihnen. Dieser Sozialstaat, den wir aufgebaut haben, droht an solchen Stellen in sich zu kollabieren. Und am 1. Oktober startet im Kino dann "Frau Winkler verlässt das Haus", bei dem Doris Dörrie das Drehbuch schrieb und Regie führte. Es geht um eine ältere Dame, gespielt von der zauberhaften Angela Winkler, die ein so starkes persönliches Verhältnis zu ihrem Pflegeroboter entwickelt, dass er zum Sterbebegleiter werden soll - Vereinsamung im Alter und KI: Das ist ein brandaktuelles Thema. MD: Die Zeiten sind also ideal, um solche Geschichten zu erzählen... Souvignier: Eigentlich ja, aber es hat sich andererseits eine gewisse Furcht breitgemacht, solche Themen anzufassen. Politische Stoffe bekommst du im Grunde nur noch an ARD und ZDF verkauft. Momentan ist die Weltlage und die Situation in Deutschland von negativen Schlagzeilen beherrscht und dadurch ist der Wunsch, den Zuschauern mehr Entspannung zu bieten, immens. MD: Im Moment wird viel über die Filmförderreform diskutiert. Wie schätzen Sie die Situation ein? Souvignier: Mein Traum ist es, unabhängiger produzieren zu können - eher wie in Amerika. Da gibt es Kanzleien und Agenten, die Geld verwalten. In Cannes gab es zum Beispiel auf der Messe ein Plakat. Darauf zu sehen: zwei Schauspieler, ein Regisseur, ein Produzent. Noch kein Meter ist gedreht, aber über Presales wird in Frankreich, Spanien, Italien oder Deutschland Geld eingesammelt. Das ist mein Traum: Filme über starke Namen und starke Stoffe finanzieren zu können, ohne jedes Mal durch dieses zähe Fördersystem gehen zu müssen, wo man bei unzähligen Institutionen Anträge stellen muss, um ein Projekt zu realisieren. Aber ich will nicht meckern, und es wird daran gearbeitet, das System zu optimieren. MD: Gibt es ein Traumprojekt, das Sie unbedingt noch angehen möchten? Souvignier: Was ich unbedingt machen möchte, ist die Verfilmung von Frank Schätzings "Tod und Teufel" - ein Thriller während des Dombaus in Köln. Das verfolge ich schon sehr lange. MD: Was sollte ein guter Produzent auf jeden Fall beherrschen? Souvignier: Eine große Kunst als Produzent, aber auch in jeder anderen Lebensform ist vielleicht, all das Negative - Missgunst, Fehlentscheidungen, Ärger, Niederschläge - schnell vergessen zu können. Wenn ich ein zu gutes Gedächtnis hätte, wäre ich schon seit 30 Jahren kein Produzent mehr.