Unterhaltsames Armageddon - Disney-Serie "City of Blood" färbt postapokalyptisches Berlin blutrot

Von Jan Freitag (KNA)

SERIE - Die deutsche Mystery-Serie "City of Blood" scheint ein Klimathriller im aufgeheizten Berlin der nahen Zukunft zu sein. Bis er seinen Blutdurst entdeckt.

| KNA Mediendienst

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"City of Blood"

Foto: Philipp Peschlow/Amusement Park Film/Disney+/KNA

Bonn (KNA) Der Klimawandel ist ein fiktionales Orchideenthema. Seit Roland Emmerich die Erde 2004 in "The Day After Tomorrow" absurderweise schockgefrieren statt verbrennen ließ, gibt es zwar ein paar Zukunftsszenarien mit menschlich überhöhtem CO2-Gehalt mehr. Die meisten davon kümmern sich allerdings eher um technologische als um meteorologische Veränderungen. Und im wissenschaftsfeindlichen Backlash rechtspopulistischer Bewegungen hat es die "CliFi" abgekürzte Climate-Fiction ohnehin schwer. Vielleicht macht Disney+ daraus ja deshalb einen Kompromiss. Man könnte ihn Climate-Mystery nennen. "Nach der letzten Pandemie", raunt eine Frau aus dem Off der CliMy-Serie "City of Blood", sei es "unerträglich geworden". Welches Virus wann gewütet hatte, lässt Regisseur Philipp Kadelbach nach eigenem Drehbuch zwar offen. In Berlin allerdings sind seine Folgen unübersehbar: Anarchie in einer Stadt, die der unsichtbaren Stimme zufolge an "Hitze, Müll, den Krankheiten" erstickt. Und da gab es immerhin noch sowas wie staatliche Ordnung. Doch 15 Jahre, nachdem die spätere Hauptfigur Bea (Lea Drinda) bei einer staatlichen Säuberungsaktion vergiftet wurde, ist sie endgültig im Chaos versunken. "Die Welt hat sich vom wirtschaftlichen Kollaps nicht mehr erholt, Deutschland ist in lauter Kleinstaaten zerfallen", lässt ihre große Schwester Phoebe (Soma Pysall) das Disney+-Publikum wissen. Nur die "Republik Berlin" kämpfe "verzweifelt um Demokratie". Auf dem Highway zur Hölle hat Kadelbachs Klimawandel hierzulande also nur halbe Arbeit geleistet. Und so begleiten wir die nierenkranke Bea nicht nur bei der Suche nach einem Spenderorgan, sondern durchs Fegefeuer eines fragilen Gemeinwesens, das Ministerpräsidentin Klein (Dagmar Manzel) gegen den Rechtspopulisten Lawal (David Schütter) verteidigen will. Die Serienfassung von Reinhard Kleists Comic-Reihe "Berlinoir" böte also genügend Stoff für opulentes Endzeit-Entertainment rund um das "Klima-Dome" genannte Luxusrefugium, das sich die Reichen, Starken, Privilegierten ins Zentrum der ruinierten Stadt gebaut haben. Innen herrscht das schneeweiße Utopia der ZDF-Serie "Concordia", außen die aschgraue Dystopie der Netflix-Serie "Tribes of Europa". Dazwischen deutet die illegale Blutbank des windigen Gangsters Zocha (Jan Georg Schütte) darauf hin, warum der Achtteiler eigentlich "City of Blood" heißt. Es geht nämlich, unvermeidlicher Spoiler, um Untote - verkörpert etwa vom gewohnt fiebrigen Psychopathie-Professor Lars Eidinger, dessen Vampir-Clan feudal im Klima-Dome residiert. Innen beherbergt das vermeintliche Klimakrisenasyl also doch eher die transsilvanischen Blutsauger der Disney-Serie "Pauline", außen hingegen die ostdeutschen Blutsucher der ARD-Serie "Oderbruch". Und wie bereits in Christian Alvarts Pandemie-Thriller "Sloborn", zeigt Kadelbachs Cyberpunk-Revue mit einer stattlichen Zahl Fernsehstars von Jördis Triebel über Tom Schilling bis Melika Foroutan, dass deutsche Mystery optisch erstligareif ist. Katharina Pointners Maske, Elke von Sivers Kostüme, Matthias Müsses Szenenbild, Nancy Vogels Ausstattung - fast alles an diesem düsteren Hochglanz sieht fantastisch aus. Zu schade, dass sie nicht ganz so gut klingt. Mithilfe von Lautsprecherdurchsagen ("Wir führen in ihrem Wohngebiet großflächige Desinfektionsmaßnahmen durch"), Nachrichtensendungen ("Nach neuesten Umfragen ist Oliver Nawal der größte Herausforderer für die regierende Ministerpräsidentin") oder Vorstellrunden ("Frau Hoffmann, Sie als Bauministerin...") wird alles Sichtbare nochmals beschrieben. Auch dass es in der postzivilisatorischen Berliner Wüsten zwar weder Recht noch Ordnung, geschweige denn Lohn und Brot, aber überall die neuesten Smartphones, Markenklamotten und Siebträgermaschinen gibt, ist selbst für die Adaption einer Graphic Novel irritierend surreal. Nur: Das gibt zwar manchmal Anlass zur Fremdscham, aber nicht zum Plattform-Wechsel. Denn wie bei seinem Durchbruch in der Zeppelin-Katastrophe "Hindenburg" oder zuletzt mit "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", gelingt es dem früheren Werbefachmann Kadelbach auch in "City of Blood", dramaturgische Phrasen in so opulente Bilder zu gießen, dass man am Ende bestens unterhalten wird. Lea Drindas drei Gesichtsausdrücke (verschrecktes, trotziges, panisches Reh) nerven dabei zwar fast noch mehr als alle hölzernen Dialoge zusammen. Trotzdem sieht man selbst der Hauptfigur gerne in einem Klimathriller zu, der gar kein Klimathriller sein will. Dabei muss man die Apokalypse eigentlich kaum noch inszenieren, seit sie der reale Sommer 2026 endgültig vom Zukunftsszenario zur Gegenwartsbeschreibung aktualisiert hat. Das Klima kollabiert in Echtzeit. Aber damit hält sich "City of Blood" buchstäblich nur am Rande auf und dekoriert das Ganze bloß mit ein paar Ventilatoren, Wasserspendern und Versteppungsanimationen. Die Blutsauger-Offenbarung ist halt amüsanter als das reale Armageddon.

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