Vom hellen Aufbruch ins Dunkel - "4 Blocks zero" erzählt die Geschichte der Hamadys von Anfang an

Von Joachim Huber (KNA)

SERIE - "4 Blocks Zero" erzählt vom Aufstieg der Hamady-Familie im Berlin der 1990er Jahre. Zwischen Migration, Familie und Milieu zeigt das Prequel, wie Menschen mehr und mehr ins Gangstertum geraten.

| KNA Mediendienst

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"4 Blocks Zero"

Foto: HBO/KNA

Berlin (KNA) Ibrahim Hamady ((Tariq Al-Saies) kommt nach acht grausamen Haftjahren in Beirut frei. Nicht aus Gründen der Gerechtigkeit, sondern mit einem Auftrag. Nichts davon erzählt er seinem Schwager Malik (Rami Fadel Khalaf), als er in Berlin eintrifft. Aber Malik weiß um Ibrahims Vergangenheit und ihm schwant, was die Zukunft bringen wird. "Tu nichts, was meinen Kindern schadet oder zerstört, was ich aufgebaut habe." Maliks Warnung ist eindeutig, Ibrahims Reaktion uneindeutig. In "4 Blocks Zero" (HBX Max, 25. September, jeden Freitag eine neue Episode bei insgesamt acht Folgen) geht an den Start. Berlin in den 1990er Jahren: Die Mauer ist gefallen, es riecht nach Aufbruch, die Techno-Clubs sind zum Bersten gefüllt, selbst in Neukölln, dem Berliner Bezirk von Armut und sozialer Verwerfung, geht die Sonne mit einem Strahlen auf. Witwer Malik Hamady lebt mit seiner Mutter und seinen vier Kindern in einer engen Hinterhofwohnung. Die Familie ist aus dem Libanon geflüchtet. Mühsam ist der Versuch, in Deutschland Fuß zu fassen. Immer schwebt die Drohung über den Hamadys, das Land wieder verlassen zu müssen. Sie sind nur geduldet, seit acht Jahren kämpft der Vater um eine Aufenthaltsgenehmigung. Die Frau vom Amt erklärt: "Deutschland ist kein Einwanderungsland." Mit Ibrahim Hamady kommt ein Gärprozess in der Familie in Gang, der der Serie ihre Grundlinien gibt. Abbas (Soufiane El Mesaudi) hat null Bock auf die Schule, während sein älterer Bruder Ali (Tareq Nassery) noch an den Aufstieg per Bildung glaubt und ihr jüngerer Bruder Marwan (Almountaser "Monty" Alchltouh) eine Karriere als Profifußballer anstrebt. Neben der Coming-of-Age-Geschichte der Hamady-Söhne wird in der achtteiligen HBO-Max-Produktion auch erzählt, wie die Hamadys zu einem der einflussreichsten Clans der Hauptstadt aufsteigen. "4 Blocks Zero" als Prequel der sehr erfolgreichen Serie "4 Blocks" funktioniert. Die "Aufsteigerstory" beginnt dabei alles andere als kriminell. Malik arbeitet als ungelernter Hilfskoch in einem Restaurant, das sich als Italiener ausgibt, tatsächlich aber von Albanern geführt wird. Der Sohn des Besitzers träumt von einem Leben in Luxus, wenn seine eigene Kokainsucht in einer Karriere im Drogenmilieu aufgeht - warum nicht? In den Techno-Clubs wird ja über die Maßen gedealt und geschluckt. Ali lernt seinen neuen Klassenkameraden Vince (Louis Vorbach) bei einem Clubbesuch besser kennen: Der einsame Sohn eines reichen Unternehmers vertickt Happy-Pillen, wenn er nicht gerade gegen Neonazis im Bezirk agitiert und agiert. "4 Blocks Zero" lässt sich Zeit, ehe Kriminalität, Gewalt und familiäre Verwerfungen die Szenen beherrschen. Sorgfältig und außerordentlich im Aufwand werden Atmosphäre und Lebenswelt, Situation und Spannungsfeld der Hamady-Familie im Berlin der 90er-Dekade etabliert. Die Bildgestaltung von Matthias Bolliger und Max Preiss findet, sofern die Kamera den Protagonisten nicht auf den Leib rückt, ordentlich Futter im Milieu. Die Produktion weiß, woher sie kommt, und dass ein Prequel sich wahrlich in den Spuren des Sequels bewegen muss. Style, Sound und Flow sind komplett "4 Blocks". Die Bücher stammen von Headwriter Bernd Lange, Bahar Bektaş, Natalie Zoghbi und Hassan Akkouch (spielte Maruf in "4 Blocks"). Regie führten Özgür Yıldırım, der auch bei "4 Blocks" inszenierte, und Hüseyin Tabak. Buch und Regie nuancieren Menschen, jede (männliche) Figur ist ausbalanciert zwischen Gut und Böse. "4 Block Zero" gewinnt seinen Mehrwert aus dem Wie und Warum des Spurwechsels zum Gangstertum. Nicht der Kriminelle als Mensch, sondern der Mensch als Krimineller - das ist der Fokus. Die Serie folgt den Figuren ins Dunkle. Ein bisschen Gefühls- und Gesellschaftskitsch ist schon dabei, aber geboten wird hier keine Unterhaltungspädagogik, dafür Serienkunst, gesättigt mit dem Wissen um Gründe und Abgründe von Menschen. Dunkles im Charakter mischt sich mit Hellem, das bürgt für authentische und wahrhaftige Momente. Tariq Al-Saies als Ibrahim und Rami Fadel Khalaf als Malik Hamady führen den Cast an. Okay, Ibrahim hat keinen Ehrgeiz, irgendeinen Integrationstest zu bestehen. Aber Tariq Al-Saies geht es wie Rami Fadel Khalaf darum, Figuren mit Migrationshintergrund zu charakterisieren, die sich etablieren und sich zeigen wollen in der Gesellschaft - welche auch immer das genau ist. Das ist ihr Antrieb, der jede Menge Reibung, Ärger und Gewalt mit sich bringt. Die Kriminellen-Entwicklung in "4 Blocks Zero" ist wichtig, aber wichtiger sind die Menschen. Deshalb bestimmen sie den Plot, die Chronik eines zwangsläufigen Umstiegs, Aufstiegs und Abstiegs. "Ich wollte nur das Beste. Aber es hat nicht geklappt", wird Malik sagen.

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