Die Vergangenheit in ihm - Ein Journalist auf der Suche nach seinem Nazi-Großvater

Von Thomas Schuler (KNA)

BIOGRAFIE - Der langjährige BR-Journalist Andreas Bönte beschreibt in "Die Vergangenheit in mir" die dunklen Seiten seiner NS-Familiengeschichte und sein Trauma aufgrund des langen Schweigens.

| KNA Mediendienst

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Andreas Bönte: "Die Vergangenheit in mir"

Foto: Screenshot/BR/KNA

München (KNA) Was geschieht mit einem Kind, wenn die Eltern selbst mit einer Vergangenheit leben, die sie nicht erzählen können? Und was geschieht mit einem Enkel, der erst Jahrzehnte später erfährt, was eigentlich hinter dieser Sprachlosigkeit stand? Als viele Deutsche im Frühjahr begannen, in den von "Zeit" und "Spiegel" über eine Datenbank veröffentlichten NSDAP-Karteikarten ihre Familiengeschichten neu zu sortieren, landete der frühere BR-Redakteur Andreas Bönte im Mai plötzlich prominent in einer Titel-Geschichte des Hamburger Magazins. Um seinen Vorfahren auf die Spur zu kommen, müsse niemand mehr wie Bönte den Dachboden durchforsten, in Schatullen oder vergilbten Papieren kramen, hieß es im "Spiegel". Das könne man nun bequem mit der NSDAP-Datenbank erledigen und erfahren, ob der Opa ein Nazi war und was die Großeltern damals machten. Doch das war bestenfalls die halbe Wahrheit. Die digitale Kartei kann nur der Anfang sein; die Suche ersetzt sie nicht. Während im Mai andere gerade ihre Suche begannen, war Bönte dem Ende nahe. Neun Monate intensive Nachforschung lagen hinter ihm. Jetzt ist das Buch seiner Suche erschienen: "Die Vergangenheit in mir". Es zeigt eine andere Seite des Journalisten, den viele als Moderator von "Report" in der ARD kennen oder von Interviews mit Politikern im Bayerischen Fernsehen. Der heute 67-Jährige war bis vergangenes Jahr 40 Jahre lang im BR tätig, zuletzt in leitenden Positionen. Naheliegend, dass Christian Stücken für den BR die Dokumentation "Kontrovers - Die Story: Mein Großvater, der Nazi" über Bönte und seine Suche drehte. Die Sendung ist in der ARD-Mediathek verfügbar. Im Buch beschreibt Andreas Bönte, warum ihn die Familiengeschichte so sehr bedrückte: Das lag am Schweigen. Manchmal ist die Wahrheit nicht das, was eine Familie belastet. Manchmal ist es die Tatsache, dass sie zu lange nicht vorhanden war. Oder besser gesagt: dass sie nicht ausgesprochen wurde. Für Bönte kam der entscheidende Anstoß zur Suche nach dem Tod seiner Mutter und später seines Onkels. Bönte fand zwei Kisten mit Hunderten Fotos und Dokumenten seines Großvaters Peter Wiborg. Darunter befanden sich Parteiabzeichen der Großeltern und ein Marmor-Reichsadler auf einem Hakenkreuz. Zuvor hatte er bereits Fotos seiner Mutter aus ihrer Zeit bei der NSDAP-Organisation "Bund Deutscher Mädel" gefunden. Sein Großvater Peter Wiborg lebte in Rheine und war seit 1934 SA-Sturmführer gewesen. Was genau hat er getan? Dafür recherchierte Bönte mit einem Historiker vor Ort in Archiven. Anhand von Gerichtsakten konnte er die Ereignisse der Pogrome vom November 1938 rekonstruieren. Sein Großvater gehörte zu den führenden Beteiligten an der Zerstörung der örtlichen Synagoge. Wiborg ging mit einem SA-Trupp zur Synagoge und schlug selbst mit einem Beil die Eingangstür ein. Anschließend griffen die Männer jüdische Geschäfte und Wohnungen an. Andreas Bönte gehört zu einer Generation, die mit dem Schweigen aufwuchs, und er beschreibt, was eine Vergangenheit mit Menschen machen kann, die sie selbst gar nicht erlebt haben. Erste Hinweise auf die Auswirkung seiner Familiengeschichte erhielt er während eines Klinikaufenthalts wegen einer Angststörung. Dass er, der sich gegen Antisemitismus engagierte, einen Täter in der eigenen Familie hat, war ein Schock für ihn. Bei Bönte kommt hinzu: Die Geschichte des Großvaters ist mit der Geschichte seiner Mutter verbunden. Sie fand ihren Vater nach dessen Suizid 1944 im Elternhaus. Die NS-Vergangenheit der Familie wurde jahrzehntelang weitgehend verschwiegen. Das Schweigen ist damit nicht bloß eine Lücke, sondern wird selbst Teil der Familiengeschichte. Durch die Erforschung der NS-Vergangenheit seines Großvaters gewinnt Bönte einen neuen Blick auf sein eigenes Leben. Allerdings wird ein Trauma nicht einfach wie ein Familienname weitergegeben. Es gibt keine einfache Gleichung, nach der aus der Schuld des Großvaters automatisch die Angst des Enkels wird. Interessanter ist die Frage nach den Wegen dazwischen. Wie wirken sich Schweigen, unausgesprochene Ängste, familiäre Rollen und verdrängte Erfahrungen auf die nächste Generation aus? Auch davon handelt Böntes Buch. Der Autor rekonstruiert die Vergangenheit nicht nur. Sie wird zur Gegenwart. Er sucht zunächst seinen Großvater, am Ende stößt er dabei aber auch auf sich selbst. Die Aufarbeitung habe ihm erstmals das Gefühl gegeben, Wurzeln zu haben, schreibt er. Für die Taten der Vorfahren trägt die nachfolgende Generation keine Schuld. Aber sie kann die Verantwortung übernehmen, sich wie Bönte mit ihnen auseinanderzusetzen. Dieser Unterschied ist entscheidend. Schuld ist nicht erblich. Erinnerung aber kann es sein.

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