Der lange Arm der Securitate - Dokumentarfilm über den rumänischen Dissidenten Alexandru Bidian

Von Manfred Riepe (KNA)

DOKU - In ihrem NDR-Dokumentarfilm verknüpft Alexandra Bidian ein Porträt ihres rumänischen Vaters mit einem Rückblick auf die Ceaușescu-Diktatur, deren langer Arm immer noch ins Heute reicht.

| KNA Mediendienst

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"Schon lange kein Frühling -Mein Vater, Rumänien und ich"

Foto: Alexandra Bidian/NDR/KNA

Köln (KNA) Die Ceaușescu-Diktatur galt als eines der repressivsten Regimes hinter dem Eisernen Vorhang. Vor den brutalen Schergen dieses Systems flohen zahlreiche Rumänen, darunter der politische Aktivist Alexandru Bidian, der im hessischen Wiesbaden Pläne für eine Exilregierung schmiedete. Seinen beiden Töchtern, die der Dissident mit seiner 27 Jahre jüngeren Ehefrau großzog, ist der Mann mit dem weißen Bart ein Rätsel geblieben. Wer war dieser schweigsame Theologe, der vor seinem Exil bereits in Rumänien ein Leben gelebt hatte? Um dieses Rätsel zu lösen, brach seine Tochter Alexandra 2024 zu einer filmischen Spurensuche auf. Nach Kurzbeiträgen für den NDR und die Deutsche Welle ist "Schon lange kein Frühling - Mein Vater, Rumänien und ich" nun ihr Langfilmdebüt. Mit der Kamera protokolliert die junge Regisseurin eine Reise ins rumänische Siebenbürgen, wo sie in ihrer Kindheit jeweils die Ferien verbrachte. Neben ihrer Mutter, die an diesem Projekt nach einigem Zögern teilnahm, wird die Regisseurin von ihrer älteren Schwester Maria begleitet. Beide Schwestern arbeiten sich am transgenerationalen Trauma ab, das durch politische Verfolgung der Elterngeneration ausgelöst wurde. Während Maria über dieses Thema bereits ihren Debütroman "Das Pfauengemälde" verfasste, verknüpft Alexandra das Genre des Roadmovies mit einer Erkundung der Vergangenheit ihres Vaters. In der 2.000 Seiten umfassenden Akte der rumänischen Geheimpolizei Securitate ist zu lesen, dass der 17-jährige Alexandru Bidian, damals in der 12. Klasse, sich angeblich Partisanen in den Bergen anschließen wollte und Sprengstoffanschläge geplant habe. Das Resultat: acht Monate Haftstrafe und der Ausschluss vom Hochschulstudium. Die Rekonstruktion der politischen Verfolgung des Vaters wird im Film verknüpft mit Schlaglichtern auf die sozialistische Mangelwirtschaft. Vor der Kamera berichten Verwandte und Bekannte von leeren Regalen in den Läden und von quälenden Hungersnöten. Nichts in Rumänien funktionierte - außer der Überwachung durch die Securitate. Sie war eine Kombination aus Nachrichtendienst und Geheimpolizei, die Oppositionelle, Dissidenten, Geistliche und regimekritische Intellektuelle überwachte. Telefonierte Alexandras Vater später aus Deutschland mit seiner Schwester in Rumänien, so wussten beide nur zu gut, dass sie abgehört wurden. Also tauschten sie nur belanglose Floskeln aus. Wie weit der lange Arm der Geheimpolizei sogar bis nach Deutschland reichte, verdeutlicht ein Filmdokument, in dem ein Exilrumäne ein Schreiben der Securitate vorliest: "Wenn du im Guten nicht verstehen willst, werden wir dich umbringen, wenn du es am wenigsten erwartest." Das bange Gefühl dieser Verfolgung prägte auch das Exilleben von Alexandras Vater. Erhielt er mit der Post ein verdächtiges Paket, so öffnete er es stets bei der Polizei. Traf er sich in Österreich mit politischen Freunden, die ihm als Präsent kulinarische Spezialitäten aus der Heimat mitbrachten, so wurden diese immer weggeworfen, aus Angst vor Vergiftung. Jeder konnte einer von denen sein, selbst Alexandrus bester Freund entpuppte sich später als Spion. Je tiefer die Tochter in der Vergangenheit ihres Vaters gräbt, desto mulmiger wird ihr. Ab 1974 versuchte die Securitate dann nämlich, auch ihn zu einem informellen Mitarbeiter umzudrehen. Sogar seine Ausreise nach Deutschland wurde minuziös geplant: Waren sein Aktivismus im Exil und seine Herausgabe einer Zeitschrift über Menschenrechte etwa nur Tarnung? Vor der Kamera konfrontiert die Regisseurin ihre Mutter mit diesem Verdacht. Hätte ihr Mann, so fragt sie sich, ihr tatsächlich über dreißig Jahre hinweg etwas vorspielen können? Immerhin: Schriftliche Einwilligungserklärungen des Vaters finden sich in den Unterlagen der Securitate nicht. Vollkommen entkräften lässt sich der Verdacht jedoch auch nicht. Auf diese Weise macht "Schon lange kein Frühling" deutlich spürbar, wie der lange Schatten des totalitären Systems bis in die Gegenwart reicht. Als Glücksgriff für den Film erweist sich die Entdeckung jener mehr als hundert Stunden VHS-Videomaterial, auf dem der Vater das Aufwachsen seiner Töchter dokumentierte. Die Autofahrt nach Rumänien, die er häufig auf Video festhielt, spiegelt sich in dokumentarischen Bildern von heute. Viele Situationen, etwa die Essenspause an der Raststätte, wiederholen sich in Szenen, die der Vater Jahrzehnte vorher schon auf Video bannte. Diese Ineinander-Spiegelung von Vergangenheit und Gegenwart ist ein echtes Highlight und lässt den Film zu einer gefühlten Langzeitbeobachtung werden. Viereinhalb Jahre arbeitete Alexandra Bidian an diesem dokumentarischen Porträt über ihren Vater, das kein filmisches Denkmal geworden ist. Sondern ein melancholischer Film über einen entwurzelten Menschen, dessen Hoffnungen auf politische Einflussnahme in Rumänien nach dem Sturz des Diktators enttäuscht wurden. Im Off zitierte Gedichte, die der Dissident in Deutschland verfasste, zeugen von einem sensiblen Menschen, der die Verwerfungen seines Landes poetisch reflektierte. So gibt der Film Einblicke in eine verletzte Seele, deren Geheimnisse auch in diesen durchdacht komponierten neunzig Minuten nicht vollends offenbart werden.

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